
„Nehmen Sie Medikamente und gehen in eine Behindertenwerkstatt!“, verkündete mir meine Hausärztin. Ich brach in Tränen aus.
Was denn jetzt los sei, fragte sie erschrocken. In mir brach eine Welt zusammen. Ich wollte Teil einer Gesellschaft sein, einen freudig-herausfordernden Beruf ausüben und meine Gaben einbringen.
Warum denn das in einer Behindertenwerkstatt nicht ginge… Ich schluckte, erhob mich, verließ die Praxis und fiel für ein paar Tage in ein Loch. Aber ich blieb darin nicht sitzen, denn ich begann, mir (m)ein Leben zu erkämpfen und entwickelte einen gewissen Trotz, Herausforderungen zu meistern.
Wollen und nicht können

Einige Zettelschnipsel drücken die eigene Verzweiflung in den Notsituationen aus.
Diese Worte habe ich über Jahre gespürt. Ich wollte gesund, stabil und belastbar sein und wenn ich eine Arbeit verrichtete, bekam ich meistens sehr positive Rückmeldungen und Anerkennung. Jedoch hielt die Belastbarkeit meistens nur für eine gewisse Dauer, bis sich erneut eine Krise einstellte. Da begann ich mich zu stressen:
„Mensch, das muss jetzt klappen. Dieses Mal schaffst du es, nicht erneut den Job zu verlieren.“
Es war ein Spagat zwischen Klinikaufenthalten, Praktika, Arbeitsversuchen und der Herausforderung, den Lebensmut nicht zu verlieren. Auch wenn meine finanziellen Ressourcen noch so knapp geworden wären, wäre ich nicht auf ein Amt gegangen, um Hilfe zu erbeten. „Ich bin selbst stark, ich schaffe das!“, raunte ich mir zu, getrieben von einer Angst, auch noch von anderen abhängig zu sein. Eine Freundin ermutigte mich, Hilfsangebote zu nutzen und mich darum zu kümmern. Ich wehrte mich dagegen.
Der tiefe Einschnitt
Ich kämpfte jahrelang weiter, bis ich nach und nach bettlägerig wurde. Das war nicht von heute auf morgen, sondern unbemerkt, weil ich mich sehr isolierte. Die Scham nagte an mir. Warum kann ich nicht so arbeiten wie andere? Warum gelingt mir mein Leben nicht? Ich lag in meinem Bett, meine Gelenke schmerzten, ich reagierte auf sämtliche Reize mit körperlichen Symptomen und wusste mir selbst nicht mehr zu helfen.
Ich zog zurück in mein Elternhaus und schämte mich dafür. Ich spürte dort eine große Enttäuschung, denn sie hatten gehofft, dass mein Leben nun endlich geklappt hätte. Alle hätten es mir inständig gewünscht. Selbst meine Nachbarin beteuerte: „Ich dachte, du hättest deinen Platz gefunden.“
Wieder aufstehen und anpacken
Ich nahm all meinen Mut zusammen und begann meine Angelegenheiten erneut zu regeln. Ich kauerte zwar einerseits in der Angst zu Behörden zu gehen, erneute Arzttermine wahrzunehmen und neues Vertrauen zuzulassen und andererseits begab ich mich auf meinen Weg. Ich überwand meine Scham, indem ich mich mit meiner Schwäche zeigte und um Hilfe bat.
Das war nicht leicht und mit jedem Gegenwind musste ich meinen Lebenstrotz erhöhen. Ich tat alles mir Mögliche, um wieder gesund zu werden und bemerkte mit der Zeit, dass meine Stabilität und Belastbarkeit, trotz aller Bemühungen, nicht der Norm entsprachen. Was nun? Noch mehr Therapie, noch mehr Klinikaufenthalte, noch mehr sich zusammenreißen?
Andere Wege – andere Möglichkeiten
Manchmal hilft es mir, in diesen Zwickmühlenmomenten meine Perspektive zu verändern. Wenn ich mir selbst glaubte, alles mir Mögliche beigetragen zu haben und es nicht für die äußerlichen Vorgaben und Strukturen ausreichte, konnte ich mir die Erlaubnis geben, andere Wege einzuschlagen. Also ging ich in ein Auszeithaus, um mich mit anderen Betroffenen auszutauschen, erbat beim Jobcenter, eine Weiterbildung machen zu dürfen, übernahm ehrenamtliche Tätigkeiten, um mich peu à peu wieder zu belasten und erweiterte dabei meine Vorstellung von Arbeit und „funktionieren müssen“.
Ich habe von anderen Betroffenen gehört, dass sie sich über eine Arbeitsstelle stabilisieren konnten, wenn sie dort Erfolgserlebnisse erfuhren. Da brauchte es wohl Geduld, Frustrationstoleranz und den passenden Rahmen, sich in ein Arbeitsumfeld einfinden zu können.
Mit den Steinen auf meinem Weg…
„Momentan tragen Sie nur mit Ihrer Autorentätigkeit in der Gesellschaft etwas bei.“ „Sie lehnen die Selbstfürsorge ab, indem sie momentan nicht arbeiten.“ Das waren zwei exemplarische Wortsteine, die mir eine Therapeutin in einer Rehaklinik mit auf den Weg gab.
Da meldete sich der altbekannte Schmerz: „Du taugst nichts. Du bist wertlos. Im Grunde genommen braucht die Welt dich nicht. Du bist eine zusätzliche Belastung. Du verbrauchst als nutzloser Mensch Ressourcen.“ Allerdings gesellten sich zu diesen Hammersätzen leise, sanfte, ermutigende Stimmen aus dem Freundeskreis dazu: „Du bereicherst uns mit deiner kreativen Art. Du hast prima Ideen.“ Welchen Worten will ich mehr Glauben schenken?
…eine Brücke bauen
Einerseits erlebe ich es als sehr herausfordernd, sowohl eine körperliche als auch eine seelische Erkrankung zu meistern und andererseits eine für mich passende Arbeitsstelle zu finden. Aber bis zum heutigen Tag habe ich nicht aufgegeben, es immer wieder zu probieren, mich auf Neues einzulassen, Ängste zu überwinden und die Hoffnung nicht aufzugeben. Ich orientiere mich an meinen Werten und besinne mich auf meine Gaben, die ich derzeit schon einbringe.
Nicht erst, wenn ich gesund bin, kann ich eine Bereicherung für andere sein, sondern im Hier und Jetzt. Heute darf ich jemandem ein Lächeln schenken, ein freundliches Wort aussprechen und mithelfen, wo es mir möglich ist. Wenn ich es mir aussuchen kann, bin ich lieber Helfender, anstatt, dass mir geholfen wird. Obgleich wir in Wirklichkeit beides sind und niemand ausschließlich in einer Kategorie beheimatet ist. Auf meiner langen Reise fiel ich gelegentlich im Beobachten anderer Menschenleben auf die Vergleichs-Falle hinein: „Wenn ich es genauso mache wie die, dann muss mein Leben auch gelingen.“
Ebenfalls im Austausch mit anderen Betroffenen ertappte ich mich dabei: „Die haben es geschafft. Warum komme ich aus meinem Dreck nicht heraus?“ Trotzdem habe ich gelernt, mich für hilfreiche Lebenseinstellungen zu entscheiden: „Ich darf meinen eigenen Lebensrhythmus finden. Ich trage zum Glück anderer bei. Ich darf da sein mit meinen Schwachheiten. Ich darf mein Leben gestalten.“ Eine Freundin baute mich einst mit den Worten auf: „Langfristig wirst du das erreichen, was du auch ohne die Erkrankungen geschafft hättest.“ Heute lege ich noch eins obendrauf: „Ich habe noch viel mehr als das erreicht. Ich habe durch meine ganzen Umwege vieles erblicken und erfahren dürfen, sodass mein Ziel geworden ist, lebenssatt, erfüllt und reich einmal mein Leben abschließen zu dürfen.“
Und du?
Wie geht es dir mit dem Thema „Erkrankungen und (nicht) arbeiten können“? Wie ist deine Meinung dazu? Schreibe sie gerne in die Kommentare. Vielen Dank.





Mehr Körperbewusstsein im Alltag: Wie Bitterstoffe helfen können, wieder auf sich zu hören
Schreibe einen Kommentar