Eine Wirtschaft in Schieflage, Kurzarbeit und Insolvenz, KI-Modelle, die so manche Stelle zu bedrohen scheinen und der Acht-Stunden-Arbeitstag in Gefahr: Wo man dieser Tage hinschaut – die berufliche wie gesellschaftliche Gegenwart und Zukunft erscheinen so manchem nicht gerade ermutigend. Aber was kann man dagegen tun? Ideen und Impulse zu diesen Fragen wollte die IG Metall Albstadt bei einer Veranstaltung versuchen zu vermitteln.
„Ab einem gewissen Punkt dachte er: „Vielleicht muss ich doch Elektriker werden‘“, erinnert sich Mirac Sarmusak an die Erlebnisse eines Freundes. Dieser habe einen Master in Wirtschaftsingenieurwesen absolviert, wurde aber selbst nach rund 20 Bewerbungen kein einziges Mal zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen.
Wenig hilfreich sei hier, aus Sarmusaks Sicht, auch der allgemeine Umstand, dass sich Falschinformationen heutzutage viel schneller verbreiten und einen wesentlich leichteren Zugang zu Menschen haben. „Früher hat man eine falsche Info erst direkt von mehreren Leuten hören müssen. Jetzt genügt ein Klick und ehe man sich versieht, befindet man sich in einem tiefen, schwarzen Loch.“
Angst, Zynismus und Pessimismus nehmen zu
Diese Art von Angst, Zynismus und Pessimismus nimmt nicht nur Mirac Sarmusak immer stärker wahr: Auch weitere Aussteller und Gruppen in der Turn- und Festhalle in Albstadt-Lautlingen schildern Ähnliches. Dorthin hat jüngst die IG Metall unter dem Motto „Leben ist Vielfalt – gemeinsam Zukunft gestalten“ eingeladen, um gemeinsam mit den Ausstellern Ideen und Impulse für das tägliche Leben und Arbeiten zu geben und wie man diese proaktiv selbst gestalten kann.

Foto: Dunja Kuster
Mirac Sarmusak vertrat dort den Verein „Dialog und Bildung Zollernalb“. Sein Rat an die jungen Leute: Am Ball bleiben und sein Ziel weiterverfolgen, wobei auch der Spaßfaktor eine wichtige Rolle spielt. „Der Beruf muss einem liegen“, sagt er. Gleichzeitig rät Sarmusak dazu, flexibel und offen für neue Möglichkeiten zu sein und Freundschaften zu pflegen. Zum einen könnten diese unter Umständen mit dem nötigen „Vitamin B“ aushelfen, zum anderen sind Freunde gerade in schwierigen Phasen eine wichtige Stütze, mit denen man auch gemeinsam Erfolge feiern kann.
Mit Rat und Tat das Selbstvertrauen stärken
„Viele junge Menschen sind verängstigt und haben sich etwa während der Corona-Pandemie gefragt, wo und wie sie sich vernetzen können“, weiß auch Nicole Platzdasch, erste Bevollmächtigte der IG Metall Albstadt. Dabei brauchen Menschen jeden Alters genau das: ihre Mitmenschen. „Sie machen das Leben und die Vielfalt überhaupt erst aus.“
Einfluss auf ihr berufliches Leben und Zukunft könnten die Menschen, Platzdasch zufolge, etwa nehmen, in dem sie den Kontakt zu ihren Kollegen suchen sowie sich im Betriebsrat und der Gewerkschaft vernetzen oder sich etwa in dessen Jugendausschuss beteiligen. Dadurch könnten sie ihren eigenen beruflichen Raum aktiv mitgestalten sowie politischen Druck aufbauen, um gemeinsam für ihre Wünsche und Forderungen einzustehen.

Foto: Dunja Kuster
Dem schließt sich Denise Hinz, Vorsitzende bei Ver.di Zollernalb, an: „Wendet euch an Vertrauenslehrer oder erfahrene Kollegen“, ermutigt sie. Diese stünden nicht nur mit Rat und Tat zur Seite, sondern könnten auch dabei helfen, das eigene Selbstvertrauen zu stärken. Ihr Vorgänger Salvatore Bertolino rät außerdem dazu, sich stets weiterzubilden, am Ball zu bleiben und appelliert: „Traut euch einfach!“
Dass die Lage nicht ganz so grimmig ist, wie sie manchmal scheint, verdeutlicht Hinz an einem Beispiel aus der Pflege: Einerseits sei die Lage schon herausfordernd, da immer mehr junge Pflegeschüler aus dem Ausland angeworben werden müssten. Andererseits hätten sich Gehälter und Eingruppierung in den vergangenen 15 Jahren wesentlich verbessert.
Kontakt und Teilhabe durch Ehrenamt

Foto: Dunja Kuster
Eine weitere Möglichkeit, das eigene Leben und die Zukunft zu gestalten, sieht Katja Weiger-Schick etwa im ehrenamtlichen Engagement. Sie vertrat den 2024 von ihr mitgegründeten Verein „Albmäusle“ sowie die „Elterninitiative Herzkranker Kinder“ (Elhke) bei der Veranstaltung.
„Allein auf kommunaler Ebene gibt es so viele Möglichkeiten, sich ehrenamtlich einzubringen“, sagt sie und attestiert ihrer Heimatregion, dem Zollernalbkreis, in dieser Hinsicht gute Strukturen. Jüngere wie Ältere kommen zusammen, lernen voneinander und bleiben im Gespräch.
Was Weiger-Schick aktuell besonders besorgt, ist der Eindruck, dass junge Menschen an „rechte Rattenfänger geraten, weil sie glauben, nur dort eine Gemeinschaft zu finden“. Dabei gebe es gerade im ländlichen Raum eine besondere Vielfalt an Gruppen, Vereinen und Organisationen, die einen Rahmen zum Austausch und zur Teilhabe bieten – und damit die Realität unterstützen, dass eben doch nicht alles schlecht ist. „Dazu müssen die jungen Leute aber auch wissen, dass es eben diese Angebote gibt“, betont sie.





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