Tradition ist ein wichtiger Bestandteil für kleine Ortschaften und ein Teil der Identität. Ich bin in einem kleinen Dorf mit etwas mehr als 800 Einwohnern und Einwohnerinnen aufgewachsen; dort gibt es noch Brauchtum und Tradition. Ende April wird der Dorfmaibaum gestellt, in der Nacht auf den 1. Mai wird die Maikönigin gekürt und im Oktober findet die Kirmes statt. Der Volkstrauertag wird mit einer Kranzniederlegung begangen und es gibt ein Dorffest vom Chor und der Freiwilligen Feuerwehr.

Mittlerweile wohne ich in der Stadt. Dort gibt es etwas weniger Brauchtum und manchmal vermisse ich gewisse Bestandteile des Dorfes durchaus. Im Großen und Ganzen möchte ich aber nicht ins Dorf zurück. Trotzdem denke ich gerne an das eine oder andere Ereignis zurück, frage mich aber auch, wie wichtig es heutzutage noch ist, das Brauchtum und die Traditionen hochzuhalten.
Junggesellenvereine haben oft einen langen Ursprung. Viele haben aber bei dem Wort ein bestimmtes Bild im Kopf: eine Ansammlung von primitiven und rückständigen jungen Männern, die nur saufen und randalieren.
Aber wie entstanden Junggesellenvereine und was ist an den Vorurteilen dran?
Junggesellenvereine sind traditionelle Zusammenschlüsse unverheirateter Männer. Diese sind vor allem in ländlichen Gegenden Deutschlands, wie beispielsweise im Rheinland, in Westfalen oder in Teilen Süddeutschlands vertreten.
Die historische Vergangenheit dieser Vereine geht oft auf den katholischen Glauben zurück. Die meisten Vereine sind auch heute noch katholisch und tragen den Namen eines heiligen Schutzpatrons im Namen.
Die Vereine waren früher – wie heute – dafür zuständig, die Kirchweihe (Kirmes/Kerwe) zu organisieren und bei den Feierlichkeiten dafür zu sorgen, dass alles “gesittet” vonstattenging. Zudem organisierten sie auch Nachtwachen zum Schutz vor Diebstahl oder Feuer in den Dörfern. Sie stellten auch eine Vorbereitung auf das Erwachsenwerden dar, man lernte Organisation, Verantwortung und Zusammenhalt. Ziel dabei war die Integration in die Gemeinschaft verheirateter Männer.
Die Feierlichkeiten der Vereine wie Feste und Tänze waren auch wichtig für die Heirats- und Sozialstruktur, denn viele Paare lernten sich eben genau dort kennen. Heute gehen viele dieser Traditionen zurück, weil man nicht mehr darauf angewiesen ist, Leute auf solchen Festen kennenzulernen. Durch das Internet hat sich besonders die Partnersuche stark verändert. Trotzdem stehen die Vereine auch heute noch für Freundschaft und gemeinsames Engagement. Junggesellenvereine sind wichtige Träger von Brauchtum und sorgen dafür, dass lokale Feste und Rituale nicht verloren gehen. Aber auch das Lernen von Verantwortung, Zusammenhalt und auch Organisation sind weiterhin erhalten.
Junggesellenvereine und Traditionen im Wandel
Ursprünglich hatten Junggesellenvereine grundsätzlich nur männliche Mitglieder; heute hat sich das aber verändert. Entweder haben sich die Vereine geöffnet und nehmen auch weibliche Personen auf oder arbeiten eng mit weiblich geführten Vereinen zusammen. Oft werden eben die traditionellen Rollenbilder hinterfragt und auch gewisse Rituale verändert. Der Fokus liegt mehr auf der Gemeinschaft, statt auf alten Regeln und Vorschriften. Demnach ist das Vorurteil, dass Frauen ausgeschlossen werden, nicht mehr ganz zutreffend.
Auch das Vorurteil des rückständigen und primitiven Auftretens stimmt nur in Teilen und trifft oft eher auf einzelne Personen zu, nicht auf die gesamte Gruppe, denn viele Vereine sind gut organisiert, engagieren sich sozial und halten bewusst die Traditionen am Leben. Nach außen hin wirkt es oft so, dass die Feierlichkeiten nur zum Saufen gedacht sind, aber dahinter steckt viel Arbeit und die meisten bleiben nüchtern, weil sie auf dem Fest Aufgaben nachgehen, wie dem Dienst hinter, statt vor der Theke. Auch muss eine Location gefunden und vorbereitet werden. Hinter der Organisation und Durchführung solcher Feierlichkeiten steckt oft eine wochenlange Vorbereitung.
Die Bräuche und deren Geschichte

Viele empfinden die Bräuche als Show und peinlich, aber die historischen Hintergründe liegen weit zurück und sind oft sehr interessant. Allein der Umstand, dass die Ursprünge dieser Bräuche oft viele tausend Jahre zurückliegen, ist enorm. Der Junggesellenverein in meinem Heimatdorf hat beispielsweise eine Fahne, die etwa 1825 in Auftrag gegeben und seitdem erhalten wurde. Die Junggesellen haben vor einigen Jahren erneut viel Geld in die Hand genommen, um die Fahne restaurieren zu lassen, um sie weiterhin erhalten zu können. Man kann jetzt die Meinung vertreten: „Was will man mit dem ollen Ding?“ und ob man die Fahne schön findet, sei auch mal dahingestellt. Trotzdem ist es aber interessant, diese Fahne zu haben, sie sich anzuschauen und vielleicht zu verstehen, wie wichtig sie für andere Menschen lange vor uns gewesen ist. Sie wurde bei Feierlichkeiten stolz präsentiert und hat dadurch definitiv bis heute eine Existenzberechtigung.
Brauchtum und Rituale im Mai
Der Monat Mai hat eine große Bedeutung, denn er dient als Symbol für den Frühling und den Neubeginn. In Europa steht dieser Monat traditionell für das volle Erwachen der Natur: Bäume schlagen aus, Blumen blühen und es wird wärmer. Daher gilt er als Monat des Lebens, der Fruchtbarkeit und des Neubeginns. Der Name des Monats hat seinen Ursprung im römischen Reich. Der Name “Mai” geht auf die Göttin Maia zurück, die mit Wachstum und Fruchtbarkeit verbunden wurde. In Gedichten und Liedern gilt der Mai als “Wonnemonat”. Er wird mit Lebensfreude, Aufbruchsstimmung und Verliebtheit verbunden. Dies hängt viel mit der blühenden Natur zusammen.
Im Mai werden in vielen Dörfern Maibäume aufgestellt. Der ein oder andere wird den Brauch der Liebesmaien kennen. Ein Mann stellt seiner Angebeteten in der Nacht vom 30.04. auf den 01.05 einen Maibaum – meistens eine Birke – vor die Tür. Der Baum wird mit bunten Bändern und eventuell einem Herz geschmückt. Aber es gibt auch größere Maibäume, oft ebenfalls eine Birke, meist aber eine Fichte, die zentral im Dorf aufgestellt werden. In manchen Gegenden werden die Bäume noch per Hand aufgestellt, meistens aber mit einem Kran. Der Baum ist ebenfalls mit Bändern geschmückt und das Aufstellen wird von Musik und nettem Zusammensein der Dorfbewohner begleitet. Die Bäume sind dem Ursprung nach ein Frühlings- und Fruchtbarkeitssymbol. Sie stehen für neues Leben, Wachstum und den Beginn des Frühlings. Die Wurzeln der Bäume reichen bis in vorchristliche Zeiten zurück. Vor tausenden von Jahren war es ein heidnisches Frühlingsritual, die Bäume aufzustellen, sie standen für den Wechsel der Jahreszeiten und sollten eine gute Ernte sichern.
Das Maikönigspaar
In vielen Ortschaften gibt es das sogenannte Maikönigspaar. Die Maikönigin wird oft in der Mainacht ersteigert. In einem meiner Nachbarorte wird der Maikönig allerdings durch ein Schießen ermittelt. Bei der Ersteigerung wird auf die Frau geboten und derjenige, der am meisten bietet, hat “gewonnen” und ist Maikönig. Viele Stimmen verurteilen diese Versteigerungen, da sie die Frau als Objekt darstellen. In den meisten Fällen ist diese Art der Ermittlung des Paares aber nur noch symbolisch und die Frau wird im Vorfeld gefragt, ob sie denn Maikönigin werden möchte und stimmt somit dem Ritual zu. In der jüngsten Vergangenheit, vor dem Internet, waren die Feste oft auch dafür da, sich gegenseitig kennenzulernen und viele Maikönigspaare heirateten später sogar. Zu Ehren des Paares wird anschließend der Maiball veranstaltet. Meistens geht diesem ein Umzug voran und das Paar tanzt vor dem Maibaum. In einigen Regionen wird im Zuge dessen auch die Fahne geschwenkt. Das Fahnenschwenken ist eine traditionelle Kunst, bei der große Fahnen in bestimmten Bewegungen, Mustern und Choreografien geschwenkt werden. Dafür gibt es auch Meisterschaften und Wettbewerbe, die Figuren sind meistens gar nicht so einfach und auch diese Tradition hat einen weiten Ursprung.
Kritik am Ersteigern der Frauen und den Maien
Die Kritiken an dem “Verkaufen” der Frauen und den Maien sind vielfältig. Bei dem Ersteigern wird oft angeführt, dass die Frau als Objekt fungiert, welche man mit Geld erwerben kann. Über das Ersteigern hinaus, gibt es aber auch in manchen Regionen Bräuche, die noch frauenverachtender sind als dieses Ritual. Zum Beispiel gibt es in manchen Regionen den “Rötzchensvater”, – Rötzchen (=Rotz,Rest) – der die preiswerten, also nicht so begehrten Frauen ersteigert und ihnen dann einen Baum stellt. Diese Bewertung von Menschen, egal ob weiblich oder männlich, ist durchaus als fragwürdig anzusehen. Hinzu kommt, dass es in eigenen Orten eine Schandmai gibt. Man stellt demnach einer unbeliebten Person oder Frau, die einen zweifelhaften Ruf hat, einen kleinen Ast vor die Tür. Dieser Ast wird sichtbar aufgestellt, manchmal mit Lumpen geschmückt, was die Person bloßstellen soll.
Oft wird schon das Stellen der Bäume kritisiert, da oft junge Bäume gefällt werden, nur um sie dann kurzzeitig als Maibaum zu verwenden und hinterher wegzuwerfen. Manche Menschen sehen darin auch die Gefahr von Sachbeschädigungen, das Blockieren von Wegen oder das unerlaubte Betreten von Grundstücken. Manchmal werden auch Regenrinnen beschädigt oder Straßenschilder durch den Baum verdeckt. Lärmbelästigung, Vandalismus und aggressives Verhalten, besonders im Zusammenhang mit übermäßigem Alkoholkonsum, ist manchen ebenfalls ein Dorn im Auge.
Zunehmend kritisiert wird das auch das Aufstellen der großen Bäume, insbesondere dann, wenn dies nicht mit einem Kran geschieht. In den letzten Jahren gab es schwere Unfälle durch Unachtsamkeit der jungen Männer. Außerdem besteht die Angst, die Bäume sind nicht fachgerecht gesichert und stürzen um.
Aber auch die Kommerzialisierung dieses Brauches steht in der Kritik, es wird ein Event mit Sponsoren, Bierständen und Werbung daraus gemacht. Dadurch verliert der ursprüngliche Brauch zunehmend an Bedeutung.
Was bedeutet Brauchtum denn heute?
Brauchtum und Tradition sind ein wichtiger Bestandteil in der Gesellschaft. Viele Familien haben eigene Traditionen an Feiertagen. Diese Traditionen schweißen Jung und Alt zusammen; ebenso wie bei den Dörfern. Generationen, die kein aktiver Teil dieser Traditionen sind, können durch die Veranstaltungen aber weiterhin Teil der Gemeinschaft sein. Es gibt auch Orte, in denen ehemalige Mitglieder auch Teil des Vereines sind bzw. durch Fördervereine weiterhin am Geschehen teilnehmen. Sie übernehmen hierbei auch Schichten bei Veranstaltungen und schwelgen gemeinsam in Erinnerungen.
Brauchtum ist deshalb wichtig, weil es ein Teil der lokalen Geschichte darstellt, die viele Erinnerungen, Geschichten und einen spannenden Ursprung bereithält. Es wäre sehr schade, würde all das Vergessen werden. Daher sind Junggesellenvereine an sich wichtig; sie schreiben sich auf die Fahne, Tradition und Brauchtum zu erhalten und passen sich immer weiter der heutigen Zeit an – ohne das Brauchtum dabei zu vergessen.





Lorinas Vlog: Happy Muttertag an alle jungen Mütter!
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