Unbewusst bauen wir sie alle auf – Beziehungen zu völlig fremden Menschen aus Film, Fernsehen, Social Media. Aber was bedeutet das für uns und unser Sozialleben? Welche Macht haben andere Menschen oder KI dadurch über uns und wie werden parasoziale Beziehungen auch bewusst ausgenutzt?

Parasoziale Beziehungen entstehen schnell und unbewusst. Sie sind eine einseitige, emotionale Bindung, die wir zu bekannten Persönlichkeiten aufbauen, etwa zu einer Schauspielerin, deinem Influencer, den du durch sein Leben begleitest, aber auch zu einem fiktiven Charakter.
Gerade die Beziehung zu fiktiven Charakteren wird durch KI immer weiterverbreitet. So gibt es Apps, mit denen man mit einem beliebten Anime- oder anderen Serien-Charakteren in Kontakt treten kann oder sich die Traumpartnerperson „backen“ kann, was auch aktiv, beispielsweise auf YouTube beworben wird. Gerade für jüngere Menschen birgt dies Risiken. Die Maßstäbe einer Beziehung können sich verschieben, da KI-Partner: innen immer emotional verfügbar sind, konfliktscheu und geduldig sind, dies können echte Menschen einfach nicht leisten. Besonders bedenklich wird es, wenn die KI die primäre emotionale Bezugsperson wird und nicht nur ersetzend wirkt, sondern bindend.
Welche Mechanismen hinter den parasozialen Beziehungen stecken
Besonders zu beachten bei parasozialen Beziehungen ist, dass sie einseitig sind und nicht auf Gegenseitigkeit beruhen. Die Person, zu der wir eine Bindung aufgebaut haben, ist unwissend über unsere Existenz. Während wir viel über die Person wissen, etwa weil sie auf Social Media viel preisgibt oder eine Person des öffentlichen Lebens ist, über die viel bekannt ist, weiß die andere Person nichts über uns; nicht unseren Namen, keine Interessen, oft nicht einmal, dass es uns überhaupt gibt. Diese Bindung ergibt sich aus regelmäßigem Kontakt, durch Sehen im Fernsehen, Filmen oder eben auf Social Media, in Streams oder Videos. Wir haben persönliche Einblicke, werden vielleicht auch direkt benannt, aber nicht als Individuum, sondern als Teil einer Community, Fan-Gemeinde, als Zuschauer:innen oder unterstützende Geldgeber:innen.
Die Problematiken, die hier entstehen können, zeigen sich, wenn echte soziale Kontakte auf der Strecke bleiben oder ersetzt werden. Oft entsteht auch eine starke Abhängigkeit und Idealisierung, bei der die Kritik an der Person, zu der die Bindung entstanden ist, als Angriff auf die eigene Person verstanden wird.
Parasoziale Beziehungen und Social Media
Gerade bei Influencer:innen wird das Phänomen der parasozialen Beziehungen oft bewusst genutzt. Unser Gehirn hat schlichtweg ergreifend noch nicht gelernt, zwischen einer Person aus dem Internet und einer realen Person zu unterscheiden. Das Sehen eines Gesichts, das Hören einer echten Stimme und das Beobachten von Emotionen signalisieren dem Gehirn, dass es sich um eine echte Person handelt. Hier werden oft gewisse Stilmittel bewusst genutzt, um Zuschauende zu binden und am Ende des Tages Geld zu verdienen. Influencer:innen zeigen oft Alltagssituationen, vermeintlich echte Emotionen und ungeschönte Momente.
Dadurch kommt es den Zuschauenden so vor, als würden sie die Person wirklich kennen oder wären Freund oder Freundin der Person. Hierbei werden oft persönliche Ansprachen wie“ wir haben das gemeinsam durchgestanden“ oder „Ihr seid meine Familie” bewusst genutzt. Hinzu kommt, dass durch Likes auf Kommentaren oder die Erwähnung von Fans eine scheinbare Gegenseitigkeit aufgebaut wird. Diese Gegenseitigkeit wird auch durch Angebote wie Abos mit “Behind the Scenes” oder Close-Friends-Storys verstärkt. Influencer:innen inszenieren ihre Authentizität als Marke und bauen darauf ihr Image auf. Allerdings ist eben diese Authentizität oft kuratiert und bewusst ausgewählt. Der Aufbau dieser Beziehung wird dann oft zu monetären Zwecken genutzt, um eigene Marken zu verkaufen oder um Produkte zu bewerben. Auch nach Spenden oder anderer Unterstützung wird hier gezielt gefragt. Durch das aufgebaute Vertrauen werden Dinge wie Werbung oder Spendenaufrufe weniger kritisch hinterfragt.
Warnzeichen – was kann und muss ich beachten
Besonders dann, wenn Schuldgefühle erzeugt werden oder die Kritik nicht mehr als Kritik, sondern als Verrat dargestellt wird, ist Vorsicht geboten. Dadurch wird ein Konstrukt aufgebaut, das oft suggeriert, man habe Feinde, Gegner oder “Hater”. Hass ist aber oft gar kein Hass, sondern Kritik, mit der man rechnen muss, wenn man Person des öffentlichen Lebens ist. Andere Menschen können Anstoß daran nehmen, wie man sich präsentiert, wie man mit anderen umgeht oder wie man den Alltag gestaltet. Auch starke emotionale Appelle vor Verkäufen oder Spenden sind gefährlich, da man sich als Endverbraucher genötigt fühlen kann, den Kauf zu tätigen oder zu spenden. Gerade junge Menschen, die noch nicht genau erkennen können, wann ein Angebot fragwürdig ist, sind hier gefährdet.
Das Ausnutzen dieser Beziehungen führt oft zu finanziellen Eskalationen, es wird gezahlt, um mehr Inhalte sehen zu können, die zuschauende Person möchte mehr und mehr über eine Person wissen, mehr in Kontakt treten und zahlt dann eben mehr und mehr, um zusätzliche Inhalte freizuschalten oder kauft Produkte, welche die Person unterstützen. Auch wird oft durch Mitleid auf Zahlungen hingearbeitet.
Ausnutzen von Gefühlen und Mitleid – Beispiel Fanblast
Fanblast, eine Firma, die Nummern von Influencer:innen oder auch Stars aus der Rap-Szene verkauft hat, hat Ende letzten Jahres für viel Aufsehen gesorgt, besonders durch den YouTuber Robin Blase, der auf seinem Kanal “RobBubble” einige verwerfliche Gegebenheiten aufgedeckt hat. So wurde vielen Menschen eine reale Online-Beziehung zu einer Influencerin, die auch Only-Fans betreibt, vorgespielt. Um die ganze Sache glaubwürdiger zu machen, wurden im Vorfeld mutmaßlich durch die Influencerin selbst, Sprachnachrichten vorgefertigt, in denen bestätigt wurde, man schreibe wirklich mit der Person.
Durch das Aufbauen und Stärken dieser Beziehungen wurden Menschen emotional unter Druck gesetzt, Bilder mit Geldwerten freizuschalten oder die Person finanziell zu unterstützen. Hier wurde auch mit dem Entzug der Person gespielt, also wurde damit gedroht, den Kontakt zu beenden und lieber mit Personen zu schreiben, die auch wirklich aktiv unterstützen wollen. Dies ist eine perfide Masche, bei der viel Geld gefordert wurde und die Menschen schnell in den finanziellen Ruin treiben können. Zumal eben auch mit Emotionen gespielt wurde und mutmaßlich eine fiktive Notsituation geschaffen wurde, um hohe Geldsummen zu erhalten. Hierbei ist aber zu beachten, dass dies gar nicht durch die Influencerin selber fingiert wurde, sondern durch professionelle Chatter:innen, die für eine Firma arbeiten, die wiederum in enger Zusammenarbeit mit FanBlast steht.
Was hinter professionellen Chatter:innen steckt
Professionelle Chatter:innen arbeiten oft im Auftrag von Agenturen und chatten mit einem fremden oder geteilten Profil. Das Ziel hierbei liegt oft darin, Nutzer:innen möglichst lange auf einer Plattform zu halten und natürlich auch das System zu monetarisieren. Diese Chatter:innen arbeiten oft für Dating-Plattformen, Online Erotik-Anbieter, Only-Fans oder Social Media. Ihre Arbeit basiert darauf, eine bestimmte Persona zu übernehmen, den Stil dieser zu übernehmen und den Tonfall anzupassen; mal flirty, mal fürsorglich oder auch dominant.
Diese Kommunikation wird oft psychologisch gesteuert durch Anwendung von Techniken, etwa der emotionalen Spiegelung oder dosierter Verfügbarkeit und der Individualisierungsillusion. Es wird also auf die Nutzer:innen eingegangen mit Stilmitteln wie Mitleid oder aber auch das Erinnern von Ereignissen, also durch Bestätigungen wie “das muss ja anstrengend für dich sein” oder “wie ist das Meeting gestern gelaufen?” Hierbei verdienen die schreibenden Personen Geld durch bezahlte Nachrichten, Trinkgelder oder durch zeitbasierte Chats. Es gibt auch Leistungskennzahlen wie die Antwortzeiten, Umsätze die Nutzer:innen generieren oder Rückkehrquoten.
Die Chatter:innen arbeiten oft im Schichtsystem, beschäftigen sich mit mehreren Chats parallel und nutzen Textbausteine oder nehmen KI zur Hilfe. Oft gibt es auch ein Coaching von Agenturen, bei denen man z.B. psychologische Tricks lernt. Das System ist ethisch gesehen nicht einwandfrei, da Nähe simuliert wird und Transparenz oft fehlt, dass mit professionellen Profilen gearbeitet wird. Es werden bewusst emotionale Abhängigkeiten erzeugt, um damit Geld zu verdienen.
Betroffene sind nicht dumm, sondern oft einsam
Parasoziale Beziehungen können gefährlich werden. Sie können isolieren, aber auch ein großes finanzielles Loch hinterlassen. Das System ist teilweise sehr perfide und darauf ausgelegt, möglichst schnell viel Geld zu verdienen. Ob es durch Agenturen gesteuert wird oder durch Einzelpersonen, das System ist teilweise menschenunwürdig und nutzt Emotionen aus. Besonders gefährdet sind hierbei im Gegensatz zur Annahme nicht dumme Menschen, sondern Menschen, die einsam sind und über kein stabiles, soziales Netz verfügen, aber auch Menschen in Übergangsphasen.
Beispielsweise Menschen, die sich in Trennung oder Scheidung befinden, sind anfällig für das Ausnutzen von parasozialen Beziehungen. Es werden bestimmte Merkmale von Menschen ausgenutzt, etwas geringe Beziehungserfahrungen oder die Anfälligkeit von Belohnungs- und Suchtanfälligkeit, da das System der parasozialen Beziehungen Überschneidungen mit Glücksspiel oder Social-Media-Sucht zeigt.
Gesunder Umgang mit Social Media ist wichtig
Parasoziale Beziehungen betreffen uns alle. Niemand kann sich davor schützen, Emotionen für eine fremde Person zu empfinden. Was man aber durchaus tun kann, ist zu versuchen sich zu reflektieren. Sich genau zu überlegen, welche Personen in das Leben eingreifen und ob das wirklich eine Berechtigung hat. Auch das Zahlen von Inhalten sollte gut überlegt sein und Zahlungen nicht leichtfertig getätigt werden. Sollte man sich unsicher fühlen, oder sehr unter der Situation leiden, kann man sich Hilfe suchen, etwa bei der Telefonseelsorge oder bei Selbsthilfegruppen.
Jedoch ist das Angebot für explizite Hilfen bei Problemen mit parasozialen Beziehungen rar gesät, da es ein eher neues Phänomen ist, dessen Ausmaße überwiegend von Social Media befeuert werden. Nutzer.innen jeglicher Plattformen, egal ob Social Media oder andere Anwendungen, sollten immer im Blick behalten, Freunde kritisch hinterfragen und eventuell auch das Umfeld warnen und bei negativen Anzeichen aufklären.





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