Das 4. Jahrhundert gilt in der Kirchengeschichte als goldenes Zeitalter der sogenannten Kirchenväter. Ihr Wirken und ihre Schriften haben das Christentum nachhaltig geprägt. Dabei geht schnell vergessen, dass es nicht nur Männer waren, welche das Bild und die Theologie der frühe Kirche geprägt haben. So hatte zum Beispiel Makrina die Jüngere bedeutenden Einfluss auf gleich mehrere Kirchenväter.

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Basilius von Cäsarea und Gregor von Nyssa – die beiden Brüder sind zwei der größten und einflussreichsten Theologen der frühen Kirche. Dass beide eine kirchliche Laufbahn einschlugen und ein Leben aus dem christlichen Glauben führten, war allerdings nicht von Anfang an vorhersehbar. Es war wohl vor allem den Frauen ihrer Familie, insbesondere ihrer Schwester Makrina, zu verdanken, dass die beiden Bischöfe der Nachwelt einen derart großen Glaubensschatz hinterlassen konnten.
Kindheit der Makrina
Details aus dem Leben der Makrina sind vor allem aufgrund ihres Bruders Gregor von Nyssa bekannt, der seiner Schwester nach ihrem Tod im Jahr 379 eine gesamte Schrift widmete. Makrina wurde um das Jahr 327 als erstes von neun Kindern in eine wohlhabende christliche Familie aus Kappadokien hineingeboren. Benannt wurde sie nach ihrer Großmutter, die selbst eine Schülerin des heiligen Gregor des Wundertäters war. Makrinas Mutter Emmelia, Tochter eines christlichen Märtyrers, zog das Mädchen im christlichen Glauben auf. Früh lernte sie die Psalmen und die biblische Weisheitsliteratur kennen. Ihr Bruder berichtete: „Überall hatte sie den Psalter bei sich wie einen lieben Gefährten, der sie zu keiner Zeit verließ.“[1]
Einfluss auf die Brüder
Nach dem frühen Tod ihres Verlobten entschied sich Makrina dazu, nicht zu heiraten. So blieb sie bei der eigenen Familie und half nach dem Tod ihres Vaters um das Jahr 345 bei der Erziehung ihrer Geschwister. Größten Einfluss hatte sie, so berichtete Gregor, auf den jüngsten Bruder Petrus: Sie wurde ihm „Vater, Lehrer, Erzieher, Mutter, Ratgeber zu jeglichem Guten“[2] und unterwies ihn im christlichen Glauben sowie im asketischen Leben.
Aber auch „der Große“ Basilius blieb von der Weisung der Schwester nicht verschont. Als er nach seinem Studium aus Konstantinopel und Athen in seine Heimat zurückkam, bemühte er sich um eine prestigeträchtige Karriere als Redner und Rhetoriklehrer. Es war seine Schwester, die ihm ins Gewissen redete und ihm bewusst machte, wie sehr ihn die Eitelkeit eingenommen hatte. Basilius änderte sich daraufhin vollkommen und wählte ein Leben für Gott. Er wurde im Jahr 370 Bischof von Cäsarea in Kappadokien und prägt bis heute unser Verständnis von göttlicher Dreifaltigkeit.
Klostergemeinschaft der Familie
Zusammen mit ihrer Mutter gründete Makrina auf dem Landsitz der Familie in Annisi am Iris-Fluss nach dem Tod des Vaters eine klosterähnliche Gemeinschaft. Gregor berichtete, dass die Frauen aus den Dienerinnen des Hauses „Schwestern und Genossinnen“[3] gemacht und sich gemeinsam einem einfachen Leben zugewandt hatten. Nach dem Tod der Mutter Emmelia im Jahr 372 übernahm Makrina bis zu ihrem Lebensende die Leitung der Gemeinschaft. Auf dem gleichen Grundstück entstand auch ein Männerkloster, welches unter anderem von ihrem Bruder Petrus geleitet wurde, der später ebenfalls Bischof werden sollte.
Die Klostergemeinschaft wurde zu Zeiten Makrinas zu einem Anziehungspunkt für viele Christen und zum Hort von Nächstenliebe und Wohltätigkeit. So trugen die Asketen beispielsweise durch ihre landwirtschaftliche Produktion zur Linderung einer lokalen Hungersnot bei oder kümmerten sich um seelsorgerische Aufgaben.
Gregor von Nyssa
Neben der Lebensbeschreibung der Makrina verewigte Gregor von Nyssa seine Schwester auch in seinem Dialog „Über die Seele und Auferstehung“. In diesem einflussreichen philosophischen Werk bezog sich Gregor auf Gespräche, die er in ihren letzten Lebenstagen an ihrem Sterbebett gehabt hatte. In diesem Dialog nahm Gregor die Rolle des fragenden Schülers ein, während er Makrina immer wieder als „Lehrerin“ oder „Lehrmeisterin“ präsentierte, die auf alle seine Fragen und Einwände gelassen und detailliert antwortete.
Gregor berichtete mit vorbehaltloser Hochachtung von seiner ältesten Schwester. Er würdigte ihre Klarheit, Furchtlosigkeit und Weisheit im Angesicht ihres Todes, während er seine eigene Trauer über den Verlust nicht verbogen hielt. In den genannten Werken nahm sich der Kirchenvater selbst zurück und ließ Makrina umso mehr leuchten.
Makrina als Vorbild

Foto: AlfvanBeem, Wikimedia Commons (CC0)
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Aber was bleibt heute von Makrina? Was macht sie zum Vorbild für die Christen heutiger Tage? Zum einen lässt sich ihr Einsatz für ihre Familie hervorheben. Sie sorgte sowohl im irdischen als auch im geistlichen Sinne für ihre Brüder und wurde ihnen zur Lehrerin und zweiten Mutter. Auch ihrer eigenen Mutter Emmelia gegenüber blieb sie ihr Leben lang als treue Begleiterin, ergebene Tochter und enge Freundin erhalten. Beide lernten voneinander und sorgten für gegenseitiges Wachstum. Darüber hinaus wurde Makrina für zahlreiche andere Frauen und Männer zu einer „geistlichen Mutter“. Gregor berichtete von zahllosen Trauernden, die am Begräbnis der Schwester teilnahmen und ihm persönliche Anekdoten über Makrina mit auf den Weg gaben.
Zum anderen strahlte der furchtlose Charakter der Makrina hervor. Sie hatte keine Angst, wenn nötig ihre hoch angesehenen Brüder zurechtzuweisen und ihnen den Weg zu Christus zu weisen. Makrina lebte auf Erden bereits in der Gewissheit der Gegenwart Gottes. Sie hatte volles Vertrauen auf Gottes Liebe und Barmherzigkeit und konnte dadurch ihren Mitmenschen zur Dienerin und Schwester werden. Und so ist das Leben der Makrina noch immer Zeugnis eines Glaubens, der sich durch gelebte Nächstenliebe auszeichnet.
[1] Gregor von Nyssa, Vita Macrinae 4. Übersetzung nach: Gregor von Nyssa, Schriften, aus dem Griechischen übersetzt, Bibliothek der Kirchenväter 1. Reihe Bd. 56, München 1927, S. 339.
[2] Gregor von Nyssa, Vita Macrinae 12. Übersetzung nach: Gregor von Nyssa, Schriften, aus dem Griechischen übersetzt, Bibliothek der Kirchenväter 1. Reihe Bd. 56, München 1927, S. 346-347.
[3] Gregor von Nyssa, Vita Macrinae 8. Übersetzung nach: Gregor von Nyssa, Schriften, aus dem Griechischen übersetzt, Bibliothek der Kirchenväter 1. Reihe Bd. 56, München 1927, S. 342.





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