Jules Vernes großer Klassiker ist weit mehr als ein gut 150 Jahre alter Abenteuerroman, der im Kopf des Lesers Bilder von fantastischen Meereswelten entstehen lässt. Bei der Lektüre taucht man zusammen mit den Charakteren in die Tiefen der menschlichen Seele hinab, lernt deren Abgründe kennen und wird mit den zentralen Fragen des Mensch-Seins konfrontiert. Themen wie Freiheit, Gerechtigkeit und menschliche Überheblichkeit prägen den Roman und machen ihn auch heute noch äußerst lesenswert.
Es ist das Jahr 1866: Der französische Professor Pierre Aronnax war gerade noch dabei, die Suche nach einem riesigen Wal zu begleiten, als er sich zusammen mit seinen beiden Gefährten an Bord der Nautilus wiederfindet. Nach kurzer Zeit lernt die Gruppe den Kapitän des U-Boots kennen. Dieser stellt sich als Nemo (lat. „Niemand“) vor und wirkt auf die Neuankömmlinge gleichermaßen mysteriös und eindrucksvoll. Pierre Aronnax und seine Begleiter werden als ‚Passagiere‘ aufgenommen, sind aber ‚de facto‘ Gefangene. Sie dürfen sich an Bord der Nautilus frei bewegen, aber nicht wieder in die ‚normale‘ Welt zurückkehren.
Ohne eine Wahl zu haben, willigt die Gruppe ein, den Kapitän auf einer besonderen Weltreise unter der Meeresoberfläche zu begleiten. Über viele wunderbare Ereignisse gerät die Gefangenschaft in Vergessenheit. Erst im Laufe der Zeit, als der Kapitän zunehmend verschlossener und düsterer wird, entwickelt der Professor starke Zweifel und der Wunsch nach Flucht drängt sich erneut auf.
Der Preis der Freiheit
Jules Verne stellt durch seine Erzählweise indirekt die Frage nach dem Preis der persönlichen Freiheit. Pierre Aronnax, aus dessen Perspektive die Ereignisse geschildert werden, ist von Beginn an von den einzigartigen Einblicken in die Welt unter den Meeren, die Kapitän Nemo ihm bietet, überwältigt. An Bord der Nautilus kann der Professor nun hautnah das unterseeische Leben beobachten, was vollkommen seinem Forschungsinteresse entspricht. Darüber hinaus ist Nemo ein, in allen Belangen, eindrucksvoller Mann. Er ist hoch gebildet, überaus mutig, tatkräftig und lässt es seinen ‚Passagieren‘ an fast nichts fehlen.
Die Schönheit der Unterwasserwelten und die Gespräche mit dem Kapitän blenden den Verstand des Professors. Er vergisst, dass er ein Gefangener ist und die Nautilus sein Gefängnis bildet. Sein Schicksal und sein Leben hängen von der Gunst des Kapitäns ab, der mit der Welt gebrochen hat und seine eigenen, den ‚Passagieren‘ unbekannten, Pläne verfolgt. Pierre Aronnax gerät in einen inneren Konflikt. Sind die einmaligen Einblicke in fantastische Welten die vollkommene Aufgabe der Freiheit wert? Was sind die wirklich wichtigen Güter im Leben? Fragen, die das Lesen ohne Zweifel aufwirft.
Die Frage nach Gerechtigkeit
Nachdem Professor Aronnax den Kapitän kennengelernt hat, fragt er nach seinem Verständnis Für Recht und Gerechtigkeit. Der Kapitän habe mit dem Leben an der Oberfläche und dessen Regeln und Normen abgeschlossen, wie er gleich zu Beginn klarstellt: „Ich habe mit der ganzen menschlichen Gesellschaft gebrochen, aus Gründen, welche ich allein zu würdigen berechtigt bin. Ich befolge also auch nicht ihre Regeln, und fordere Sie auf, sich bei mir nie auf dieselben zu berufen.“ Pierre Aronnax lassen diese Worte nicht kalt. Wer ist Nemos Richter?
„Kein Mensch könnte ihn für seine Taten zur Rechenschaft ziehen. Gott, wenn er an ihn glaubte, sein Gewissen, wenn er eins hatte, waren seine einzigen Richter.“
Stück für Stück erfährt der Leser etwas über die Motive des Kapitäns. Er sieht sich als Unterdrückter – er sieht das Recht auf seiner Seite. Ein fragwürdiger Sinn für Gerechtigkeit und stärker werdende Rachegelüste verbinden sich im Kapitän zu einer unheilvollen Mixtur. Nemo nimmt das Recht in seine eigenen Hände. Sein Handeln gerät dadurch mehr und mehr in Widersprüche. Wer hat das Leben verdient, wer den Tod? Was ist gut, was ist böse? Aber: Hat der einzelne Mensch überhaupt das Recht, sich selbst so zum Richter zu erheben?
Hochmut des Menschen
Die Antwort auf die Frage nach Gerechtigkeit scheint für Kapitän Nemo klar zu sein: Er ist im Recht und darf über andere Menschen und Tiere richten. Nemos Charakter ist von wachsendem Hochmut geprägt. Er präsentiert seinen ‚Passagieren‘ große Errungenschaften, welche die Welt noch nicht erreicht hat, und zeigt kein Interesse daran, seine Erkenntnisse zu teilen. Er erklärt sich zum Herrscher über die Meere und wird dabei selbst zum willkürlichen Unterdrücker.
Der Kapitän scheint frei von jeder Angst zu sein. Sich mit dem Messer bewaffnet in einen Kampf mit einem Hai stürzen? Mit seinem Schiff tief in die Eismeere vordringen? Nemo schätzt solche Gefahren und das Leben selbst gering – bis sein Handeln doch jemandem, der ihm nahe steht, das Leben kostet. Aber auch das lässt ihn nur weiter verhärten. Der Hochmut des Kapitäns baut sich immer weiter auf, er kennt keine Grenzen mehr – kein „Zuviel“. Am Ende scheint das Hochgefühl mehr und mehr abzufallen; der Kipppunkt ist erreicht. Ist es eine (zu) späte Erkenntnis der eigenen Überheblichkeit? Nemos Verhalten wirft Fragen auf. Wie weit kann und darf der Mensch gehen?
Die Frage nach Gott
Alle großen Themen des Romans münden letztlich in der Frage nach der Stellung des Menschen in der Welt. Diese Frage ist dabei gleichzeitig eine Frage nach Gott und seiner Beziehung zur Schöpfung. Für die Charaktere in „20.000 Meilen unter den Meeren“ ist klar, dass es einen Gott gibt und dass dieser die Welt erschaffen hat. Aber wenn es einen Gott gibt, welche Konsequenzen hat das für den einzelnen Menschen? Wo befinden sich die Grenzen der menschlichen Handlungsfreiheit und wann werden diese Grenzen überschritten? Wo macht sich der Mensch, angetrieben durch Hochmut, selbst zu „Gott“ und wohin führt ein solches Verhalten?
Jules Verne lässt den Leser am Schluss mit wichtigen Fragen zurück. Aber gerade das macht den Wert der Geschichte aus; gerade das unterscheidet ein Zeitgeist-Werk vom zeitlosen Klassiker. Es geht um Themen, die den Menschen in seiner Seele und seinem eigentlichen Mensch-Sein betreffen, an jedem Ort und zu allen Zeiten. Der Leser steigt selbst an Bord des Unterseebootes, er wird zum ‚Passagier‘ der Nautilus und begibt sich auf seine ganz eigene Entdeckungsreise. Und genau dieser Umstand macht „20.000 Meilen unter den Meeren“ auch heute noch lesenswert für Jung und Alt.






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