Ariadne drückte Theseus heimlich einen roten Faden in die Hand, kurz bevor er das dunkle Labyrinth betrat. Mit klopfendem Herzen und festem Griff um seine Waffe stellte sich Theseus dem gefürchteten Minotaurus. Während er sich Schritt für Schritt tiefer ins Labyrinth wagte, band er den Faden hinter sich fest, um nicht die Orientierung zu verlieren. Als der Kampf vorbei war und der Sieg errungen, stand Theseus allein zwischen kalten Mauern und dunklen Gängen. Doch er war nicht verloren. Er folgte dem roten Faden bis er schließlich wieder ins Licht trat.
Vielleicht fragst du dich, was eine Geschichte aus der griechischen Mythologie mit deinem eigenen Leben zu tun hat. Der rote Faden, der Theseus aus dem Labyrinth führte, ist seit jeher ein starkes Symbol für Orientierung, Zusammenhang und Sinn inmitten von Chaos und Verwirrung. Er steht für etwas, das Halt gibt, wenn man sich verirrt hat – für eine leise, aber verlässliche Spur, die uns den Weg zurück zeigt.
Im Labyrinth meines Lebens
Manchmal fühlt sich das Leben selbst wie ein riesiges Labyrinth an. Überall Wege, Abzweigungen, Umwege und Sackgassen. In einer Gesellschaft voller Möglichkeiten, Freiheiten und Erwartungen kann man leicht den Überblick verlieren. Kaum hat man sich für eine Richtung entschieden, wartet schon hinter der nächsten Ecke ein neuer Kreisverkehr mit fünf weiteren Ausfahrten. Was für unsere Generation ein enormes Privileg ist, wird gleichzeitig zu einer großen Herausforderung. Denn mit jeder Option wächst auch der Druck, die „richtige“ Entscheidung treffen zu müssen.
Diese Unsicherheit zeigt sich besonders deutlich bei der Frage: „Was soll ich mit meinem Leben anfangen?“ Sie taucht bei der Berufswahl auf, bei Studienentscheidungen, in Phasen der Neuorientierung – aber auch dann, wenn sich ein eingeschlagener Weg plötzlich als Sackgasse entpuppt. Wenn Träume zerbrechen, Pläne nicht aufgehen oder das Gefühl bleibt, dass da doch noch mehr sein muss.
Dein persönlicher roter Faden
Stell dir vor, jemand reicht dir genau in diesem Moment deinen ganz persönlichen roten Faden. Kein fertiger Lebensplan, sondern eine Spur, die dich zurück zu den Ursprüngen deines Lebens führt. Du gehst an wichtigen Stationen vorbei, erinnerst dich an prägende Erlebnisse und beginnst, Zusammenhänge zu erkennen. Gott hat so viel Wunderbares in dich hineingelegt – Fähigkeiten, Sehnsüchte, Begabungen –, die oft schon lange da sind, aber im Alltag übersehen werden. In dir schlummert bereits die Antwort auf die Frage, was du mit deinem Leben anfangen kannst. Und der Heilige Geist kann dir helfen, diese Antwort freizulegen.
Als Kinder handeln wir meist frei von gesellschaftlichen Erwartungen. Wir tun Dinge aus Freude, aus Neugier, aus dem Herzen heraus. Wir denken nicht darüber nach, ob etwas sinnvoll, angesehen oder karrieretauglich ist. Vielleicht könnte dir dein fünf- oder zehnjähriges Ich diese große Lebensfrage ganz leicht beantworten.
Fünf Fragen für deinen roten Faden
Nimm dir bewusst Zeit, werde still und spüre in dich hinein. Erinnere dich an das, was dich früher begeistert hat. Vielleicht können dir dabei folgende fünf Fragen helfen. Zeichne dir dafür einen einfachen Zeitstrahl auf ein Blatt Papier und notiere konkrete Erinnerungen aus deiner Kindheit und Jugend:
1. Bei welchen Aktivitäten hattest du als Kind oder Jugendlicher besonders viel Spaß?
2. Wofür wurdest du häufig gelobt?
3. Was ist dir schon immer besonders leicht gefallen?
4. Bei welchen Dingen wurdest du oft um Rat oder Hilfe gebeten?
5. Wann hast du dich das letzte mal so richtig „lebendig“ gefühlt?
Schau dir deine Antworten in Ruhe an. Lässt sich ein Muster erkennen? Gibt es Gemeinsamkeiten, die sich wie von selbst verbinden lassen? Vielleicht möchtest du sie mit einem roten Stift markieren – als sichtbares Zeichen deines roten Fadens.
Roter Faden fördert Kreativität
Als ich diese Übung für mich gemacht habe, zeigte sich zunächst kein klares Bild. Vieles wirkte zusammenhanglos und ungeordnet. Es brauchte Zeit und Gebet, bis mir nach und nach wie Schuppen von den Augen fiel, wie sehr mich scheinbar „banale“ Hobbys und Alltagssituationen geprägt haben. Besonders deutlich wurde mir, dass ich in meinem Leben immer wieder etwas Neues initiiert oder Menschen um mich herum dafür begeistert habe, gemeinsam etwas aufzubauen. Sei es ein Mädelsstammtisch in der Grundschule, eine Musikband in der weiterführenden Schule oder ein Gebetskreis während des Studiums – immer wieder durfte ich erleben, wie aus einer Idee Gemeinschaft entstand.
Schmunzeln musste ich, als ich diese Erfahrungen mit meinen heutigen Aufgaben verglich. Denn auch in meiner Arbeit ist genau diese Kreativität und Neuschöpferkraft gefragt: neue Projekte in der Jugendarbeit zu initiieren oder bestehende Angebote so weiterzuentwickeln, dass neue Jugendliche Anschluss finden. Darüber hinaus erkannte ich weitere biografische Parallelen, die sich sowohl in meinem Beruf als auch in meinem Ehrenamt widerspiegeln. Meine Begeisterung für Fotografie und Film war schon früh groß – so groß, dass ich mir mit neun Jahren meine erste eigene Kamera wünschte. In den Ferien schrieb ich gemeinsam mit einem Freund Drehbücher und drehte kleine Filme. Auch wenn aus mir keine Regisseurin geworden ist, begegnet mir diese Leidenschaft in meiner Arbeit dennoch immer wieder: in der Öffentlichkeitsarbeit, beim Betreuen von Social-Media-Kanälen und beim Erstellen inhaltlicher Kurzvideos. Auch im Ehrenamt als Teil einer christlichen Bewegung darf ich im Medienteam tätig sein.
Roter Faden als persönlicher Wegweiser
Rückblickend finde ich es unglaublich spannend, diesen roten Faden in meiner Biografie zu entdecken. Es wirkt, als hätte Gott sich dabei etwas gedacht und einzelne Puzzleteile schon früh gelegt. Zu sehen, wie sich all das heute in meinem Beruf zusammenfügt, erfüllt mich mit Dankbarkeit – und mit großer Freude darüber, einen Job zu haben, der mir so viel Sinn und Begeisterung schenkt.
Dein persönlicher roter Faden gibt dir keine Garantie für einen geraden Weg. Aber er kann dir Orientierung schenken, wenn du dich im Labyrinth verloren hast. Das, was du tust, sollte mit dem übereinstimmen, wer du eigentlich bist und was Gott in dich hineingelegt hat. Diese Übung kann dich daran erinnern, was dich wirklich erfüllt, was dir Freude macht und worin du gut bist. Dein roter Faden kann dir also bei der großen Frage nach dem Sinn und Zweck deines Lebens ein Wegweiser sein. Mach dir also keinen Druck, sondern nimm es als eine Einladung Gottes an, dein Leben mutig zu gestalten.






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