Im Glauben sieht man sich immer wieder mit verschiedensten Sichtweisen konfrontiert. Es ist ein tiefes inneres, fast intimes, aber auf jeden Fall persönliches Empfinden, das, wenn es verletzt wird, stark schmerzen kann. Verständlich, denn nicht ohne Grund heißt Vertrauen zu haben, dem Gegenüber zu glauben. Wenn ich zu jemandem halte, seinem Worten Glauben schenke und dann feststelle, dass es doch gelogen war, trifft mich das stark. Was wir Glauben und wie wir glauben ist dabei abhängig von folgenden Fragen: „Wie haben wir es beigebracht bekommen“ und „Wie habe ich es für mich weiterentwickelt“.
Niemals ist alles von Anfang klar. Vielleicht mache ich etwas, weil ich es so gelernt habe und, wenn dann jemand kommt und mir eine andere Art und Weise zeigt, dann kann diese mich berühren und ich nehme sie an, oder sie löst ein unangenehmes Gefühl aus, fühlt sich falsch an und ich stoße sie ab. So oder so – beides ist richtig. Denn der Glauben ist dein persönliches inneres Empfinden, welches sich dein Leben lang weiterentwickelt und formt.
Liebe und Tod
Glaube ich an ein Leben im Himmel nach dem Tod? – Vielleicht. Es ist schwer greifbar, aber zumindest eine schöne Vorstellung, und tröstend zu wissen, dass meine verstorbene Oma mir von dort aus weiter zusieht und dort wieder mit ihren liebsten Menschen vereint ist. Ebenso ist natürlich die Vorstellung mit meinem Seelenverwandten im nächsten Leben unter anderen Bedingungen erneut zusammen zutreffen wahnsinnig schön und romantisch. Also ist mein Glaube offen für mehrere Ansätze, wer legt sich denn auch schon gerne fest?

Grund für Frieden
Glaube ich, dass die Geschichten aus der Bibel alle so geschehen sind? – Warum nicht. Ob es nun genau so war oder doch etwas anders, spielt am Ende doch gar keine Rolle. Wichtig ist mir, dass jemand wollte, dass die Menschen friedlich miteinander leben und ihnen hierzu Rat gegeben hat.
Und am aller wichtigsten ist: Er gab ihnen einen Grund. Ich glaube wir Menschen brauchen für alles einen Grund; sei es, weil wir eine Gegenleistung möchten oder weil wir gerne klare Regeln befolgen. Und mit den Worten der Bibel bekamen wir einen Grund und die Anleitung, ein friedliches Leben zu führen.
Dabei muss man aber auch immer bedenken, dass die Worte zu einer Zeit geschrieben wurden, die mit der heutigen kaum vergleichbar ist. Es hat sich seitdem unglaublich Vieles verändert, weshalb die Interpretationen in die Moderne immer einen guten Prediger benötigen. Klare Abläufe, die damals überlebenswichtig waren und den Menschen halfen ein gutes Leben zu führen, klingen heute überholt und manches Mal lächerlich, übergreifend oder diskriminierend.
Jedoch lässt sich auch daraus noch dieser eine ursprüngliche Wunsch ablesen und in unsere moderne Welt übersetzen. Es ist wie eine Fabel oder ein Märchen, nur viel älter und näher am realen Leben. Ich finde es faszinierend nahezu mystisch, dass ein Buch mehrere Jahrtausende weitergegeben wird. Wie also sollte ich nicht an die Bibel glauben. Vielleicht nicht wortwörtlich an den Inhalt, aber an den Sinn, den sie wiedergibt – an die Regeln für Frieden, Menschlichkeit und Gemeinschaft. Da war jemand, bereits vor so langer Zeit, der die Welt zu einem besseren Ort machen wollte; daran glaube ich.
Der unsichtbare Freund
Glaube ich an Gott? – Eine schwere Frage, da ich auf diese so viele Antworten geben kann. Denn diesmal ist es schwer vorstellbar, aber trotzdem fühlt es sich so gut an. Er ist die erwachsene Version des unsichtbaren Freundes, den man als Kind hatte.
Geborgenheit, Sicherheit, und Trost kann ich von ihm bekommen. Wut und Trauer kann ich an ihm rauslassen. Vor Prüfungen bete ich um seine Unterstützung, immer bete ich für die Gesundheit und ein langes Leben der Menschen, die ich liebe.
Er gibt mir Hoffnung in Dingen, die nicht in meiner Hand liegen – Trost für Dinge, die nicht änderbar sind und Kraft für die Dinge, die in meiner Hand liegen.
Das alles kann auch durch ein ausgeprägtes Verständnis von Selbstwert und Achtsamkeit ersetzt werden. Aber ein solches zu erreichen, benötigt sehr viel Kraft und Zeit sich mit sich und seiner Psyche auseinanderzusetzen. Gott ist meine Abkürzung. Eine die zu nehmen genauso wenig falsch ist, wie den langen Weg zu gehen. Wenn ich keinen Grund habe an mich selbst zu glauben, gibt er mir ihn. Wenn ich mich einsam oder mit meinen Fragen oder Herausforderungen überfordert fühle, ist er da. Immer. Mein Lieblingszitat aus der Bibel ist:
“Ich bin der, ich bin da.”
(Exodus 3,14)
Keine Erwartungen, keine Aufgaben, ich muss ihn nicht bei Laune halten oder regelmäßig Beachtung schenken, er ist da, immer dann, wenn ich ihn brauche und ihn in meine Gedanken reinlasse.
Gemeinschaft
Glaube ich an die Kirche? – Ja. Es gibt die Kirche, zweifelfrei. Aber ich glaube auch an das Gute in der Kirche. Die Grundlagen unserer Kultur, die ethischen Grundsätze für Menschlichkeit; sie alle haben ihren Ursprung in der Religion. Sei es wohl, dass im Namen von Religion sehr viel Schlimmes getan wurde, sehe ich die Schuld nicht im Glauben und den Menschen, die sich in einer Gemeinde vereinen. Diese Handlungen verstoßen geradewegs gegen die Lehren und den Ursprung von Frieden, womit sie, meiner Meinung nach, nicht mit Glauben begründet werden können, sondern dieser von falschen Menschen nur als Vorwand genutzt wird.
Schwarze Schafe, die über Jahrhunderte immer wieder den Namen der Kirche schlecht gemacht haben. Aber ich sehe vor allem die anderen Dinge; die, die Gutes bewirken. Ich sehe Kindergärten und Schulen, die mit den finanziellen Mitteln der Kirche geführt werden, da die Städte keine Kapazitäten haben. Pfarrheime, die Vereinen und Gruppen, welchen auch ohne kirchlichen Bezug diese frei zur Verfügung stehen. Darüber hinaus finanzielle Unterstützungen für Gruppen und Vereine. Initiativen auf der ganzen Welt zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen. Spenden an Obdachlose und regionale caritative Initiativen. Seelsorge, Förderung und Aufbau von Netzwerken oder Orten zur Begegnung armer, kranker, junger und alter Menschen.
Als Mitglied im Rat der Pfarrei einer sehr modernen und aktiven Pfarrei kann ich sagen: Kirche ist kein Gebäude und keine Institution. Es sind Menschen die zusammenkommen, weil sie dieselben Wünsche und Ansichten über menschliches Miteinander haben, die aktiv etwas in ihrer Gemeinde und darüber hinaus tun zum Wohle der Menschen um sie herum und gemeinsam eine schöne Zeit verbringen. Verbindungen und Ideen, die daraus entstehen und es immer lebendiger werden lassen. Eine Gemeinschaft, die offen ist für alle, die sich einsetzt für jeden, das ist Kirche.
Achtsamkeit
Gehe ich jeden Sonntag brav zur Messe? – Nein. Der gute Christ muss schon lange nicht mehr jede Heilige Messe mitnehmen. Oftmals lässt sich das im modernen Alltag auch gar nicht einplanen. Aber ich gehe immer gerne zu besonderen etwas abgewandelten Gottesdiensten oder Zusammenkünften abseits der Liturgie und versuche mir hierfür auch aktiv die Zeit zu nehmen. Soll heißen ich blockiere sie in meinem Kalender, wie ein Abendessen mit Freunden. Ich stöhne aber auch nicht auf, wenn ich an einer regulären Messe teilnehmen „muss“.
Als Lektorin und Messdienerin kommt das regelmäßig vor und auch darauf freue ich mich. Denn auch wenn es manchmal meinen Alltag gefühlt stressiger macht, bin ich dankbar dafür. Ich weiß, wie sehr die Kichengänger sich freuen, wenn ich für sie lese, oder wenn viele Messdiener auf dem Altar stehen. Ihnen Freude zu bereiten, macht auch mir Freude. Aber dankbar bin ich vor allem, für die angeleitete Zeit der Achtsamkeit. Gerade in meinem immer weiter und schneller drehendem Leben, sind es die Momente der Stille und des Gebets während der Messe, an denen mir die Dinge bewusst werden, die mich wirklich beschäftigen.
Wenn ich Fürbitten spreche für Menschen in Krisengebeten, für verstorbene und Trauernde, wenn ich mir des Leids des Anderen und dem auf der ganzen Welt bewusstwerde und bei dieser Sache, die ich nicht beeinflussen kann um Unterstützung bitte, wird mein Kopf endlich wieder klar und ich kann aufatmen. Allen Ballast ablegen und einkehren in mich selbst, meine Wünsche erkennen, meine Herausforderungen benennen und dann Kraft und Stärke tanken für die Dinge, die in meiner Hand liegen.
Konfrontation
Das ist die Art und Weise, wie ich glaube. Mein persönliches Empfinden, mit dem ich nicht überall auf Gegenliebe stoße, sowohl innerhalb der Glaubensgemeinschaft als auch außerhalb. Dem einem oder anderem erscheint meine Ansicht vom Glauben viel zu profan, er sieht die Gemeinschaft mit Gott vielleicht in regelmäßiger Eucharistie und nicht der Gesellschaft von Menschen.
Und jemand, der der Kirche gänzlich abgewandt ist, empfindet dies alles vielleicht als Schwachsinn und kann daraus für sein Leben nichts mitnehmen.
Spiegelt das nicht alles genau wider, was Glauben eben ist?
Für mich ist es Dankbarkeit, wegen der ich im Gottesdienst kniee, für den Nächsten ist es Ehrfurcht. Der Nächste will sich weder für Ehrfurcht noch für Dankbarkeit einem anderem unterwerfen. Ich mache mich klein, weil es mir beim Beten Geborgenheit und Privatsphäre gibt, der Nächste wie ihm es als ‚richtig‘ gelehrt wurde und der nächste betet gar nicht oder vielleicht im Vorbeigehen.
Alles hat seine Richtigkeit
Vollkommen egal wie wir glauben oder nicht glauben. Entscheidend ist, dass wir mit Verständnis für das persönliche Empfinden des Anderen agieren. Mit denselben menschlichen Ansichten und Wünschen: mit Frieden und Würde, Menschlichkeit als Ziel, sind wir keine Bedrohung füreinander.
Der, der seinen eigenen Weg gefunden hat und keinen Glauben braucht, muss nicht bekehrt werden. Der, der glaubt muss nicht von seinem Weg abgebracht werden.
Im Umgang miteinander müssen wir lernen, mit den verschiedenen Sichtweisen klarzukommen. Wir müssen bedenken, dass, wenn wir die Ansicht des anderen schlecht reden, Witze machen oder beleidigen, verletzen wir ihn tief in seinem Innersten. Seine Überzeugung, sein innerstes Empfinden hat nichts mit dem zu tun, was in meinem Inneren ist. Und da ich seine Gefühle nicht spüren kann, sollte ich sorgsam und rücksichtsvoll mit ihnen umgehen. Man sieht es nicht, aber der Glaube oder Nicht-Glaube des Menschen, ist seine größte und schwerste Angriffsstelle.






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