In diesem Artikel geht es um persönliche Erinnerungen aus der Kindheit, den Prozess des Erwachsenwerdens und wie wir die Lebendigkeit und Freude, die wir als Kinder hatten, wieder in unser Leben bringen.

Ich erinnere mich an eines der vielen Male, als eure Familie bei uns zu Besuch war. In einem hellen Sommer in unserem Garten unter dem Kirschbaum; ein Sommer, in dem wir oft in der großen schwarzen Plastiktonne gebadet haben. Wie du und ich an diesem Tag mit unseren jüngeren Geschwistern im Garten, beziehungsweise unserem Schlosspark, herumgerannt sind und Schmetterlinge verzaubert haben. Du hattest mein blaues Prinzessinnenkleid an. Wir hatten uns bunte Kinderschminke ins Gesicht geklatscht und fühlten uns damit wie aus einer anderen Welt. Ich erinnere mich an den Moment, als wir auf einmal stehengeblieben sind und unsere Eltern auf der Terrasse beobachteten, die um den braunen Holztisch saßen und Kaffee tranken; aus dem weißen Geschirr, das wir immer nur für Besuch nutzen. Und wie ich zu dir gesagt hab: „Ey Erwachsene sind so langweilig, die treffen sich nur um Kaffee zu trinken und zu reden. Ich will nie so langweilig werden. Wenn wir uns treffen, werden wir immer zusammen spielen, ok?“ Und ich erinnere mich, wie du heftig genickt hast, sodass dir die schiefe Krone fast vom Kopf gerutscht wäre. Abgemacht. Und dann mussten wir losrennen, um unser Baumhaus zu verteidigen, weil mein Bruder (beziehungsweise ein Drache) dabei war, in unser Schloss einzudringen.
Zwischen Schnee und Gedanken
Jahre später sitze ich in einem veganen Café mit einem 5 Euro Cappuccino (die Inflation lässt grüßen), zwischen lauter Pflanzen, die von der Decke hängen, und schmunzele, während ich diese Zeilen in meinen Laptop tippe. Mein Blick schweift über die bunten abgewetzten Sofas, das schräg hängende Gemälde an der gegenüberliegenden Wand, auf dem eine Frau mit einem Kopf aus Blumen nachdenklich in die Ferne schaut. Ich erinnere mich an eine andere Freundin, mit der ich in der Küche stand und Erbsen geschluckt habe, um niemals erwachsen zu werden; Pippi wäre stolz auf uns gewesen.
Heute Morgen stand ich am Fenster, hab in die Sonne geblinzelt und gemerkt, dass ich dieses Jahr nicht mal den ersten Schneefall bewusst wahrgenommen habe. Normalerweise freue ich mich, wenn es endlich schneit, nehme den Schnee einmal in meine Hände und spüre bewusst die Kälte auf der Haut. Dieses Jahr ist das alles einfach an mir vorbeigegangen. Es hat zwar öfter mal geschneit, aber meine Gedanken waren einfach woanders.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Freund aus Uganda. Er konnte mir einfach nicht glauben, dass es bei uns in Deutschland fast jedes Jahr schneit. Es war für ihn ein Wunder und er hat mir mindestens tausend Fragen dazu gestellt. Was würde er dafür geben, einmal in seinem Leben Schnee zu erleben.
Gewöhnung macht leise
Oft sind Dinge, die wir nicht kennen, für uns faszinierend und anziehend. Sie bringen uns zum Staunen, machen uns neugierig und bringen unsere Augen zum Leuchten. Umso älter wir werden, umso mehr hat man gesehen und umso mehr stumpft man irgendwie ab. Das Internet trägt wohl auch dazu bei, dass nichts mehr wirklich neu oder innovativ ist; wir verlieren das Staunen. Alles wird irgendwann zur Gewohnheit, verliert seine Farben und bleibt irgendwie grau und abgedroschen zurück. So wie die Faszination für Schnee.
Beobachtet man Kinder, wird man häufig von ihrer Begeisterung mitangesteckt. Sie stehen am Fenster, mit riesengroßen strahlenden Augen, beobachten die tanzenden Schneeflocken am Himmel, rennen raus und bauen Schneemänner und versuchen die Schneeflocken mit der Zunge aufzufangen. Irgendwie habe ich diese Magie verloren; die Magie, mich über Schnee zu freuen, die Magie des Augenblicks. Ich denke eher missmutig daran, dass meine Socken pitschnass werden, wenn es schneit, weil ich seit Jahren keine Winterstiefel mehr habe, sondern egal bei welchem Wetter mit Sneakers durch die Gegend stapfe. Die Freude und das Staunen sind irgendwie abhandengekommen.
Der Verlust des Staunens
Und ich frag mich, ob es das ist, was wir verlieren, wenn wir älter werden. Ob dieser Verlust des Staunens das ist, was Erwachsensein ausmacht. Zu viel Verantwortung und Sorgen, die Freude und Kreativität ersticken. Schmerz, der sich im Herzen in Bitterkeit verwandelt und das Herz fest und schwer macht. Der ewige Regen und der graue Himmel, der die Seele nicht mehr fliegen lässt. Die Magie des Augenblicks zu verlieren, weil wir immer schon weiter im Kopf sind und damit beschäftigt, zu leisten und vermeintlich noch produktiver zu sein.
Als Kind habe ich mir Geschichten ausgedacht. Ich habe Stunden damit verbracht, einfach in unserem Garten zu spazieren und mir selbst Geschichten zu erzählen. Die Worte kamen einfach so, und ich ließ sie in den blauen Himmel fliegen. Wenn ich nicht einschlafen konnte, habe ich eine neue Geschichte angefangen. Die Geschichte hat meine zerstreuten Gedanken gebündelt, in eine Spur gebracht, geordnet. Und dann bin ich eingeschlafen. Heutzutage liege ich auch oft wach und kann nicht schlafen, weil zu viele Gedanken in meinem Kopf Roulette spielen. Aber ich erzähle keine Geschichten mehr, sondern ziehe mir YouTube und Melatonin rein. Und wenn ich versuche, eine neue Geschichte zu erzählen, fällt mir nichts ein. Ich grabe in meinem Kopf nach Wörtern und Ideen, aber es ist einfach leer da drin und frag‘ mich, ob die dauernde Geschäftigkeit, mein eigener Leistungsdruck und die ständige Reizüberflutung unseres schnellen Lebens meine Fantasie zerstört haben. Wenn man immer überladen wird von außen, ist kein Platz mehr für das Innere.
Raum für Kreativität und Träume
Eine Freundin hat mir letztens ein Buch über Kreativität empfohlen („Kreativ. Die Kunst zu sein“ von Rick Rubin). Im Groben geht es darum, dass Kreativität Raum, Zeit und Platz braucht, um sich zu entfalten. Wenn du immer zugedröhnt wirst und nur von A nach B hetzt, können sich Kreativität und Fantasie nicht entfalten. Und dadurch, denke ich, verlieren wir auch ein Stück weit das Träumen. Aber: Träumen hält unsere Seele lebendig. Menschen, die träumen, behalten das Strahlen und die Aufgewecktheit in den Augen, sie bleiben im Flow, schwimmen im Strom des Lebens mit, anstatt sich nur treiben zu lassen. Sie nehmen das Risiko des Lebens an, anstatt sich hinter den engen Mauern der vermeintlichen Sicherheit zu verbergen.
Daher, um wieder ein bisschen was von der kindlichen Leichtigkeit, der Freude und dem Staunen zu spüren: Fang‘ wieder an zu Träumen. Und wenn du keine Träume hast, vielleicht musst du ein bisschen Platz in deinem Leben schaffen. Platz frei von Terminen, von Netflix und Social Media; Platz frei von guten und schlechten Dingen, die in der Fülle deine Seele erdrücken; Platz und Freiraum, in dem deine Seele wieder atmen kann und in dem deine Träume wieder anfangen zu wachsen und zu blühen.
PS: Ich liebe inzwischen reden und Kaffee trinken. Aber ich glaube, es gibt im Leben doch noch ein bisschen mehr als das.






Die heilige Genovefa – Schutzpatronin von Paris
Was für ein wunderschöner Text mit sehr viel Tiefgang und trotzdem auch Leichtigkeit.
Wie wahr!!! Wir alle sollten unbedingt unser Leben „entrümpeln“ und dem Kind in uns viel mehr Raum schenken.
So würde die Welt wieder bunt, das Lachen wieder laut, die Wiesen wieder voll und die Herzen wieder gesund.
Vielen Dank für diese schöne Anregung….