Was unsere Kinder über Glauben lernen, bevor wir ihnen davon erzählen
Als mein Mann und ich in unsere erste gemeinsame Wohnung gezogen sind, begann eine spannende Zeit: Wir lernten nicht nur einander besser kennen, sondern auch die kleinen und großen Gewohnheiten, die wir beide aus unseren Herkunftsfamilien mitgebracht hatten.
Schon bei unseren ersten gemeinsamen Mahlzeiten zeigte sich, wie unterschiedlich unser „Normal“ aussehen konnte. Wenn ich gekocht hatte, verwandelte sich unser Esstisch in eine kleine Festtafel: Die Pfanne mit den Bratkartoffeln fand ihren Platz, daneben die große Salatschüssel und irgendwo dazwischen wurde auch noch die Auflaufform untergebracht. Bei meinem Mann sah das ganz anders aus. Wenn er gekocht hatte, standen zwei schön angerichtete Teller auf dem Tisch – und das war’s. Auch beim Thema Gäste hatten wir von Anfang an unsere eigenen Philosophien. Für mich hätte unsere Wohnung vermutlich direkt ein Gästehaus werden können, denn es gab kaum etwas Schöneres, als Freunde und Familie bei uns willkommen zu heißen. Er mochte Gäste grundsätzlich auch, nur brauchte es dafür ausreichend Vorlauf und Abstimmung.
Warum wir alle ständig mit einem Koffer herumlaufen
Was nach einer kleinen Diskussion über Tischmanieren und Gäste aussah, war eigentlich ein Blick in unsere eigene Geschichte. Ich glaube, dass jeder Mensch einen unsichtbaren Koffer mit sich trägt. Darin befinden sich einige Dinge, die uns geprägt haben: unsere Gewohnheiten und unsere Sicht auf die Welt. Vieles davon wurde uns nie bewusst erklärt – wir haben es einfach erlebt. Genau deshalb fühlt sich Vieles im Leben so selbstverständlich an. Diese kleinen Unterschiede zwischen meinem Mann und mir haben uns dazu gebracht, genauer hinzuschauen: Was haben wir eigentlich aus unseren Herkunftsfamilien mitgenommen? Was möchten wir vielleicht anders machen oder bewahren? Und welche Dinge möchten wir unseren eigenen Kindern mitgeben? Wenn deine Kinder schon älter sind, dann hattest du sicher schon einige Male eine lange Packliste in der Hand, die du sorgfältig überprüft hast, um sicherzustellen, ob dein Kind wirklich alles dabeihat, was es für einen Schulausflug oder Zeltlager braucht. Schlafsack und Regenjacke? Eingepackt. Zahnbürste? Bloß nicht vergessen. Doch es lohnt sich auch der Blick auf die Packliste für den unsichtbaren Koffer, den sie auf die Reise ihres Lebens mitnehmen werden.
Kinder sind kleine Beobachter
Gerade beim Thema Glaube wird diese Frage besonders spannend. Für viele christliche Familien gehört es zu den größten Herausforderungen und gleichzeitig zu den schönsten Aufgaben, den Glauben an die nächste Generation weiterzugeben. Dabei vergessen wir leicht, dass Kinder von Anfang an kleine Beobachter sind. Lange bevor sie unsere Worte verstehen, nehmen sie wahr, wie wir reagieren, mit anderen umgehen und durchs Leben gehen. Die Wissenschaft nennt diesen Prozess ‚Modelllernen‘. Vielleicht bekommen einige Eltern bei diesem Gedanken gerade Schweißperlen auf der Stirn. Das kann nämlich erst einmal Druck auslösen. Aber darum geht es nicht: Niemand muss seinen Kindern ein perfektes Leben vorleben. Das könnte kein Elternteil auf dieser Welt leisten.
Vielmehr geht es darum, ehrlich und authentisch zu sein – auch mit den eigenen Grenzen und Fehlern. Sieh‘ es also vielmehr als eine Ermutigung und persönliche Challenge: nicht nur darüber nachzudenken, wie du deine Kinder prägen möchtest, sondern auch darüber, wer du selbst immer mehr werden willst.
Ich kenne in meinem Umfeld viele Familien, die genau das versuchen. Sie schaffen kleine Momente, in denen ihr Glaube im Alltag sichtbar wird. Einige ihrer Erfahrungsschätze möchte ich gerne mit dir teilen.
Vorleben statt Predigen
Wenn es also in erster Linie darum geht ehrlich und authentisch zu sein, dann fällt mir direkt zu Beginn eine Geschichte einer Mama ein, die mich besonders berührt hat. Sie erzählte mir, dass sie oft in herausfordernden Situationen ihre Stoßgebete laut ausspricht. Eines Tages entdeckte sie ihre dreijährige Tochter in einem traurigen Moment, wie sie ganz selbstverständlich betete: „Jesus, hilf mir! Ich bin so alleine!“
Für die Mama war dieser Moment etwas ganz Besonderes. Sie erkannte, dass der Glaube ihrer Tochter nicht nur etwas war, das sie durch Bibelgeschichten oder liebevolle Impulse kennengelernt hatte. Vielleicht war genau dieses Vertrauen, das sie bei ihrer Mama erlebt hatte, ein erster Samen für ihr eigenes Vertrauen auf Gottes Hilfe. Ganz natürlich wandte sie sich an den, bei dem sie Hilfe und Trost erwartete – an Jesus. In unserem Gespräch fügte die Mama anschließend hinzu: „Stell dir vor, sie macht das eines Tages ganz selbstverständlich im Kindergarten. Das wäre doch schon ein krasses Zeugnis.“
Glaube, der sichtbar wird
Eine andere Mama erzählte mir, wie wichtig es ihr ist, ihrer Tochter Großzügigkeit nicht nur zu erklären, sondern sie im Alltag erlebbar zu machen. Deshalb überlegen sich die beiden immer wieder kleine Überraschungen für andere: Sie backen etwas, basteln eine Kleinigkeit oder bringen jemandem einfach eine Freude vorbei. Was bei mir besonders hängen geblieben ist: Sie lebt diese Großzügigkeit auch ihrer Tochter gegenüber. Immer wieder schenkt sie ihr bewusst kleine Freuden – nicht, weil ihre Tochter darum gebeten hätte, sondern einfach aus Liebe.
Denn Gott begegnet uns selbst nicht mit einer berechnenden Liebe, sondern mit einer Liebe, die schenkt, bevor wir darum bitten. Wenn unsere Kinder durch uns solche Momente erleben, bekommen sie eine kleine Ahnung davon, wie großzügig und liebevoll Gott ist.
Die Kraft des elterlichen Gebets
Eine andere befreundete Mama erzählte mir von einer Zeit, in der ihr Kind mit Verdauungsproblemen zu kämpfen hatte. Viele Arztbesuche lagen hinter ihnen, aber so richtig wusste niemand weiter. Irgendwann hörte sie davon, dass Eltern für ihre Kinder im Gebet eine besondere geistige Autorität haben dürfen. Dieser Gedanke bewegte sie sehr und sie begann, mit Handauflegung ganz bewusst für ihr Kind in diesem Anliegen zu beten. Durch solche Gebete kann ein Kind lernen: Wenn ich Schmerzen habe oder mich etwas belastet, bin ich nicht allein. Meine Eltern bringen mich zu meinem himmlischen Vater und vertrauen darauf, dass er sich um mich kümmert.
Alle diese Geschichten zeigen: Kinder hören nicht nur, was wir über Gott sagen – sie beobachten, wie wir mit ihm leben. Deshalb bist du die erste Bibel, die dein Kind lesen wird.
Kleine Rituale mit großer Bedeutung
Was mir bei den Rückmeldungen der Familien besonders aufgefallen ist: Fast alle haben ihre Gebetszeiten an feste Ankerpunkte im Alltag geknüpft. Es ist kein zusätzlicher Programmpunkt, der irgendwo zwischen Arbeit, Haushalt und Terminen untergebracht werden muss, sondern ganz selbstverständlich dort, wo das Familienleben ohnehin stattfindet.
Das Tischgebet vor dem Essen, das Gute-Nacht-Gebet vor dem Einschlafen, ein Segen, bevor jemand das Haus verlässt, oder ein kurzes Gebet, bevor das Auto startet – der Glaube wird nicht „eingeplant“, sondern begleitet den Alltag. Eine befreundete Familie erzählte mir, dass sie ganz selbstverständlich mit ihren Kindern betet, wenn jemand aus dem Umfeld Sorgen hat oder durch eine schwierige Zeit geht. Dadurch lernen die Kinder: Mit allem, was uns beschäftigt, dürfen wir zu Gott kommen.
Trotzdem war für alle Familien eines genauso wichtig: Der Sonntag bleibt etwas Besonderes. Wenn es möglich ist, gehört der gemeinsame Gottesdienst ganz bewusst zum Familienleben dazu, denn das ist der Ort, an dem alle gemeinsam Gott begegnen und neue Kraft für die Woche schöpfen.
Gott hat keine Enkelkinder
Natürlich dürfen wir dabei nicht vergessen, dass all‘ unsere Bemühungen keine Garantie dafür sind, dass unsere Kinder eines Tages automatisch den gleichen Glauben haben werden wie wir. Glaube ist ein Geschenk und gleichzeitig eine persönliche Entscheidung, die jeder Mensch selbst treffen darf – auch unsere Kinder! Der Satz „Gott hat keine Enkelkinder“ hat mich deshalb sehr zum Nachdenken gebracht. Er erinnert daran, dass der Glaube nicht automatisch von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Nur weil wir selbst Gottes Kinder sein dürfen, bedeutet das nicht, dass unsere Kinder dadurch automatisch „Enkelkinder Gottes“ sind. Jeder Mensch ist eingeladen, Gott selbst kennenzulernen und sein eigenes „Ja“ zum Glauben zu geben. Wir können unseren Kindern den Glauben nicht einpflanzen oder aufzwingen, aber wir können ihnen einen Raum schaffen, in dem sie Gottes Liebe an unserem eigenen Leben kennenlernen dürfen. Vielleicht bleiben ihnen genau diese kleinen Momente ein Leben lang in Erinnerung.






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