Im globalen Kampf um Energie und Unabhängigkeit droht Afrika erneut zum Spielball fremder Akteure zu werden. Noch ist offen, ob er den Kontinent in eine neue Katastrophe führt. Europa steht vor der Entscheidung, ob es die Geschichte des 19. Jahrhunderts wiederholt oder die Neuauflage zu einem Wendepunkt macht, aus dem Afrika gestärkt hervorgeht… Ein Kommentar.
Ein Platz an der Sonne – das war das Motto des europäischen 19. Jahrhunderts. Noch immer wirft die Erinnerung an das Kolonialzeitalter und die Rolle Europas einen dunklen Schatten auf unser heutiges Selbstverständnis als demokratische Wertegemeinschaft, die sich weltweit für Menschenrechte und eine wertebasierte Ordnung einsetzt.
Zur Gewissenserleichterung werden daher auch häufig die reuevolle Aufarbeitung dieser Zeit und die zahlreichen Bemühungen um Wiedergutmachung betont. Wie aufrichtig diese Bemühungen tatsächlich sind, lässt sich aktuell fast nirgendwo so gut beobachten wie in der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo).
DR Kongo: Afrikas Rohstoffreichtum weckt neue Begehrlichkeiten
Als Produkt der willkürlichen Grenzziehungen europäischer Mächte im 19. Jahrhundert, litt das Land ein knappes Jahrhundert lang unter dem ausbeuterischen und gewalttätigen Schreckensregiment seiner Kolonialherren. 1960 erkämpfte es sich schließlich die Unabhängigkeit, doch was die abziehenden Besatzer hinterließen, waren Armut, Zerstörung und Gewalt.
Bis heute leidet die DR Kongo unter zahlreichen gewalttätigen Konflikten zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, die um Macht, Grenzen und Kontrolle kämpfen – oft begleitet von dem Ringen um ethnische oder religiöse Deutungshoheit. Das Land ist instabil und geführt von einer Regierung, die ihren Einfluss auf die Peripherie gänzlich verloren hat.
Mitten in dieses Chaos, wollen nun auch noch zahlreiche ausländische Akteure ihren Hut ins Spiel werfen. Die DR Kongo könnte als Hotspot des “Scramble for Africa 2.0” bezeichnet werden, bei dem auch Europa nicht leer ausgehen möchte. Das neue Motto dieses Mal: “Ein Kampf um einen Platz im Boden”.
Kongo ist ein geopolitisch einzigartiges Land
Verschaffen wir uns zunächst einen Überblick, denn die DR Kongo nahm bislang wohl eher wenig von unserer Aufmerksamkeit ein, dabei kommt dem Land eine Schlüsselstellung in der Zukunft unserer globalen Welt zu. Denn es ist ein Land der Superlative:
Als zweitgrößtes Land Afrikas passt es mehr als sechs Mal in die Bundesrepublik Deutschland. Es beherbergt den zweitgrößten Regenwald – einen unserer wichtigsten Waffen im Kampf gegen den Klimawandel – und darüber hinaus auch den zweit-wasserreichsten Fluss der Erde – den Kongo, der über 50% der afrikanischen Wasserreserven stellt.
Kobalt, Kupfer und Lithium: Warum die DR Kongo so begehrt ist
Die im Land potentiell produzierbare Wasserkraft würde ausreichen, um den gesamten afrikanischen Kontinent mit grünem Strom zu versorgen und die Zahl der vorhandenen Rohstoffvorkommen sind schwindelerregend: Es besitzt 70 bis 76% der weltweiten Kobaltreserven, 60 bis 80% der weltweiten Koltanreserven, mit die größten noch unerschlossenen Lithiumvorkommen und ist die Nummer eins im Hinblick auf Afrikas Kupferressourcen, die mit 4,5% zudem einen deutlich höheren Erzgehalt als üblich aufweisen (der weltweite Durchschnitt liegt bei 1%).
Angesichts dieser unfassbaren Zahlen besteht an der Bedeutsamkeit dieses Landes kein Zweifel mehr. Die zahlreichen Gold-, Diamanten-, Zinn-, Nickel-, und Wolframvorkommen sind damit noch gar nicht erwähnt. Auch wird vermutet, dass sich eine große Menge an seltenen Erden im Boden verbirgt. All das erklärt das große Interesse, das die DR Kongo bei fremden Mächten weckt, die um globalen Einfluss, Macht und wirtschaftliche Stärke ringen. Das Mithalten im weltweiten Wettbewerb um die Sicherung dieser wichtigen Rohstoffe für die Hightech- und Rüstungsindustrie sowie für die Energiewende wird entscheidend dafür sein, sich auch zukünftig einen Platz auf der großen Weltbühne zu sichern.
China dominiert den Bergbau in der DR Kongo
China hat das schon lange verstanden und schloss bereits 2008 ein Abkommen auf der Grundlage: “Mineralien gegen Infrastruktur”. Das Projekt “Sicomines” soll China Zugang zu den wichtigen Rohstoffvorkommen des Landes gewähren. Im Gegenzug dafür hat es sich verpflichtet, den Ausbau der kongolesischen Infrastruktur voranzutreiben, indem es in den Bau von Straßen, Krankenhäusern und Schulen investiert.
Für die kongolesische Bevölkerung war dieses Projekt bisher eher wenig rentabel, viele Projekte, die China verwirklichen wollte, sind nicht fertiggestellt oder “verschoben”. Doch für China sieht die Bilanz selbstverständlich anders aus: Nach Informationen des Atlantic Council soll China heute bereits an 15 der 19 im Land vorhandenen Minen beteiligt sein; eine denkbar schlechte Ausgangsposition für Europa, das im Wettlauf um Afrikas Ressourcen demgegenüber ziemlich weit abgeschlagen ist. Die Plätze im Erdinneren scheinen bereits in fester Hand. Doch nun rüstet Europa auf, um China seine dominante Stellung streitig zu machen.
Europas Aufholjagd – die Global Gateway Strategie
Von zentraler Bedeutung ist dabei die “Global Gateway Strategie” (GGS), die 2021 von Ursula von der Leyen ins Leben gerufen wurde. Sie soll zu einem einflussreichen Konkurrenten von Chinas “Neuer Seidenstraße” werden und die globale Vernetzung der EU durch den Aufbau neuer weltweiter Partnerschaften stärken. Projekte zur Förderung von Bildung, Gesundheit, Forschung und Infrastruktur in Drittländern bilden dabei zentrale Aspekte.
Mit dem Versprechen, eine Partnerschaft auf Augenhöhe zu etablieren, bei der Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, demokratische Werte sowie der Schutz von Umwelt- und Sozialstandards zum Maßstab werden sollen, will man sich klar von China abgrenzen und als “wertebasierte” Alternative überzeugen. Ein großes Auge hat man dabei auf Afrika geworfen. Eines der Kern- und Herzensprojekte der GGS liegt nämlich ebenfalls in der DR Kongo: der Ausbau des Lobito-Korridors.
Europas Wettlauf um Afrikas Rohstoffe
Beim Lobito-Korridor handelt es sich um den Ausbau einer früheren Eisenbahnstrecke, die den Hafen Lobito in Angola mit dem großen Kupfergürtel in der DR Kongo und dem nördlichen Sambia verbinden soll. Ein großer Teil der historischen Strecke ist bereits fertiggestellt und in Betrieb. Der letzte Teil soll bis 2028 folgen. Indem so eine direkte Verbindung zwischen den Minen im Osten und Südosten des Landes und dem angolanischen Hafen geschaffen wird, wird der Export nach Europa und in die USA um einiges effizienter, rentabler und schneller. Denn bis dato führte der Weg meist per LKW über marode Straßen in die weit entfernten Häfen Südafrikas oder Tansanias.
Alleine diese erste Etappe zum Hafen nahm dabei bis zu vier Wochen in Anspruch. Demgegenüber sind die sieben Tage, die es zukünftig mit der Bahn nach Lobito sein sollen, fast schon Lichtgeschwindigkeit. Nachdem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Angola im November 2025 bereiste, rief er deutsche Unternehmen aktiv zur Beteiligung und zu Investitionen in dieses Projekt auf, das “wirtschaftlich von ungeheurer Bedeutung” sei.
Global Gateway: Europas Antwort auf Chinas Neue Seidenstraße
So hat die deutsche Gauff GmbH nun auch schon einen Auftrag im Umfeld des Korridors in der Tasche, die Bahnsparte Mobility von Siemens hat sich beworben und Logistikunternehmen wie Hapag-Lloydt und DHL Global Forwarding erproben die neue Route bereits.
Wir sehen, die Verlockungen der DR Kongo sind groß und wie vor knapp 200 Jahren will sich jeder seinen Platz sichern. Die Vorteile für uns liegen dabei auf der Hand: die Abhängigkeit von China wird reduziert, der geopolitische Einfluss ausgeweitet und überlebenswichtige Rohstoffe zu günstigen Preisen gesichert, sodass die heimische Rüstungs- und Hightech-Industrie expandieren kann.
Aber auch die Gefahr für die drei afrikanischen Länder ist offensichtlich. Sie drohen erneut zum Spielball fremder Akteure zu werden, deren materielles Interesse und die Sorge um die eigene Vormachtstellung größer sind als humanistisches Engagement.
Lobito-Korridor soll Export nach Europa beschleunigen
Der Abbau von Rohstoffen und die Arbeit im Bergbau ist ein dreckiges Geschäft, sowohl für die Umwelt als auch für die Beschäftigten, die großen Gesundheitsgefahren und katastrophalen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind. Extreme Ausbeutung, sklavenähnliche Verhältnisse, Kinderarbeit und Gewalt prägen den Arbeitsalltag der kongolesischen Bergwerker, die meist ohne jegliche Schutzausrüstung ihr Leben aufs Spiel setzen, um am Ende des Tages nicht mehr als einem Hungerlohn erhalten, von dem sie kaum überleben können.
Internationale Großkonzerne, ausländische Bergbauunternehmen oder bewaffnete Rebellengruppen sind die großen Nutznießer dieses Geschäfts. Doch es sind nicht nur die Menschenrechte, die hier unter die Räder kommen. Die Umwelt ist die zweite große Verliererin in diesem Spiel. Sie hat gegen den Bergbau und Profitinteressen keine Chance und so nimmt man es in Kauf, dass der zweitgrößte Regenwald durch Abholzung zerstört, die lebenswichtigen Wasserreservoirs und Flüsse mit toxischem Abwasser kontaminiert, der Lebensraum von bedrohten Tierarten wie Okapis, Waldelefanten und Berggorillas vernichtet und Flächen für den Anbau von Nahrungsmitteln vergiftet und unfruchtbar werden. Hinzu kommt die zwanghafte und unnachgiebige Umsiedlung zahlreicher Landbewohner, die in den lukrativen Abbauregionen leben.
Das ist das Umfeld, in dem nun auch die EU mitmischen möchte. Doch als offizielle Hüterin von Moral und Werten geht ihr Projekt selbstverständlich mit heroischen Zielen einher: Anstatt um Ausbeutung und Extraktion geht es vielmehr um den Aufbau einer egalitären Partnerschaft und einer engen Kooperation. Zahlreiche Investitionen im Umfeld des Lobito-Korridors sollen die lokale Wertschöpfung und Wirtschaft stärken, Arbeitsplätze und Ausbildungsprogramme schaffen sowie nachhaltige, ökologische Produktionsketten für die Landwirtschaft aufbauen. Angesichts dieses Engagements wird man wohl kaum von neuen kolonialen Strukturen sprechen können – oder? Na ja, gut gemeint ist nicht immer gut gemacht, denn die Praxis bleibt hinter den schönen Ankündigungen deutlich zurück.
Bergbau in der DR Kongo: Menschen und Umwelt als Verlierer
Insbesondere die DR Kongo, in der der Großteil der wichtigen Rohstoffe abgebaut, die Umwelt zerstört und Arbeiter ausgebeutet werden, wird von den EU Investitionen kaum profitieren. Das Landwirtschaftsprogramm kommt hauptsächlich angolanischen Provinzen zu Gute, die entlang der Schienenverbindung leben. Genauso wie die angekündigten Bildungsprogramme, die sich zumeist auf den Betrieb der Eisenbahn konzentrieren, der fest in der Hand eines angolanischen Konsortiums liegt.
Von breitgefächerten Ausbildungsmöglichkeiten, von denen auch die kongolesische Bevölkerung profitieren würde, ist nicht die Rede. Diese Menschen werden wohl weiterhin im dreckigen Minengeschäft ihre Arbeit finden müssen. Und wie sieht es mit den Plänen aus, den Aufbau einer lokalen Wertschöpfungsindustrie zu fördern? Auch hier kommen Versprechen und Realität nicht überein: Nach wie vor dominiert der reine Abtransport der Rohstoffe. Verbindliche Abnahmeverträgen für im Land selbst veredelte Produkte fehlen, sodass Investoren sich scheuen, die kostspieligen Verarbeitungsanlagen vor Ort aufzubauen.
Ganz zu schweigen davon, dass dafür zuallererst eine stabile Stromversorgung garantiert werden müsste, denn die existiert in der DR Kongo bei weitem nicht. Es ist paradox, dass ausgerechnet eines der rohstoffreichsten Länder der Welt unter Energiemangel leidet. Es bleibt also dabei: Rohstoffe gehen raus, zerstörte Hoffnungen und eine ausgebeutete Natur bleiben zurück. Genauso wie die Instabilität, die Rebellengruppen und die Korruption. Die Priorität liegt klar auf dem kostengünstigen Erwerb der wichtigen Rohstoffe und der Unabhängigkeit von China. Erst in zweiter Linie auf der Erfüllung humanitärer Versprechen. Wirtschaftsinteressen kommen in unserer Welt vor den Interessen von Mensch und Umwelt.
Mit kolonialen Strukturen brechen
Nichts spricht gegen eine engere wirtschaftliche und politische Kooperation mit afrikanischen Staaten. Ganz im Gegenteil: das Lobito-Projekt hat durchaus das Potential für beide Seiten zu einem großen Gewinn zu werden. Das Problem liegt in der Art der Umsetzung, die dann doch wieder stark an zweihundert Jahre alte Muster erinnert. Wenn die europäischen Pläne auf afrikanische Realität treffen, wird schnell klar, wie wenig sie an die lokalen Bedingungen und die wirklichen Bedürfnisse der Bevölkerung angepasst sind. Das wird nicht zuletzt daran offensichtlich, dass unter den aktuellen Umständen an eine lokale Verarbeitungsindustrie in der DR Kongo gar nicht zu denken ist, oder daran, dass die Arbeiter in den Minen von Ausbildungsprogrammen wohl nie etwas bemerken werden.
Nach wie vor fehlt der politische Wille und Mut, neue Wege zu gehen und mit althergebrachten Mustern zu brechen. Denn dafür braucht es Investitionen, deren Erfolge sich nicht zuerst in Wirtschaftszahlen oder Bilanzen von Großunternehmen niederschlagen, sondern in die Verbesserung der örtlichen Lebensbedingungen. Es wären Projekte, die nicht nur Geld, sondern auch viel Engagement, Ausdauer und Zeit kosten würden, bevor sie sich rentieren. All das macht sie nicht gerade attraktiv für westliche Regierungen, die auf schnellen politischen und wirtschaftlichen Erfolg aus sind. Aber sie würden die Autonomie und Souveränität der afrikanischen Staaten stärken und so verhindern, dass wir in ein neues Zeitalter der Ausbeutung hineinschlittern.
EU-Investitionen im Kongo: Anspruch und Realität
Und schließlich profitieren auch wir deutlich stärker von einem wirtschaftlich starken, politisch stabilen und sozial gerechten afrikanischen Kontinent als von kurzfristiger Ressourcenausbeutung. Wenn die dortige Umwelt geschützt, soziale Sicherheiten geschaffen, eine stabile Wirtschaft aufgebaut und gerechte politische Strukturen etabliert werden, werden in der Folge auch Fluchtgründe schwinden, der Klimawandel verlangsamt und starke, kontinentübergreifende Partnerschaften aufgebaut werden können, ohne die man in unserer multipolaren Welt auf lange Sicht nicht wird bestehen können.
Wir alle wissen, dass ein Text über all diese Dinge wohl vorerst nichts ändern kann. Solche Forderungen treffen in Berlin, Brüssel und Co nicht auf ausgebreitete Arme und offene Ohren. Aber wenn wir anfangen hinzusehen, was wirklich hinter den großen Versprechen und schön klingenden Projekten steckt und mit schweigender Zustimmung brechen, werden unsere Stimmen vielleicht irgendwann doch so laut, dass sie nicht mehr ignoriert werden können – so zumindest meine Hoffnung.






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