Psychische Erkrankungen und verhaltensauffälliges Verhalten sind in den letzten Jahren die häufigste Ursache für Krankenhausaufenthalte bei Jugendlichen und Kindern geworden. Und leider ist diese Zahl in den letzten 20 Jahren immer weiter gestiegen. Depressionen sind dabei die häufigste diagnostizierte Erkrankung (Statistisches Bundesamt 2026).

Außerhalb des „Systems“
Im Endeffekt dauerte meine Erkrankungsphase, in der ich aus dem System „draußen war“, dies Mal neun Monate. Das ist meine individuelle Erfahrung und nicht auf dich übertragbar! Andere Bekannte aus meiner Klinikzeit sind nach einigen Wochen wieder in ihre Berufe zurückgekehrt. Das ist super individuell. Ich würde mich auch nicht als „komplett geheilt“ beziffern. Das ist eine Erkrankung, die immer wieder zurückkommen KANN (nicht MUSS).
Man ist sensibel dafür und daher ist es auch wichtig, immer nach sich zu schauen, um beim nächsten Mal früher die Reisleine zu ziehen, damit es einfach nicht mehr so stark wird. Man lernt in solchen Phasen unfassbar viel über sich! Das habe ich als sehr bereichernd empfunden. Immerhin auch eine positive Sache, die aus dieser Erkrankung gezogen werden kann.
Man lernt auf manchmal brutale Art und Weise, was man wirklich braucht und möchte, damit es einem gut geht. Ich habe immer noch hin und wieder Ängste oder sehe die Zukunft nicht ganz so rosig. Dann helfen mir meine erlernten Skills und Reden mit Familie und Freunden.
Hilfe zur Selbsthilfe
Du kennst dich am besten. Wenn du immer mal wieder solche oder ähnliche Phasen erlebst, sammle dir deine individuellen Tipps, die dir in solchen Momenten und Phasen helfen. Ich habe mir nach dieser zweiten tiefen Phase Tipps, Tricks und Mutmacher in einem Büchlein gesammelt, die mir in dieser Zeit geholfen haben. Dort stehen die wichtigsten Nummern, Handlungsoptionen in Paniksituationen genauso wie ein mutmachender Brief von mir an mein Zukunfts-Ich drin.
Da ich solche Krankheitsphasen nun auch immer wieder mal erlebt habe, steht dort auch dick und fett drin: „Es wird wieder besser!“. Da man das am Tiefpunkt nicht glauben kann, muss man es von sich selbst irgendwo aufgeschrieben lesen können. Denn das Einzige, was wirklich gewiss ist, ist, dass es wieder besser wird! Und aus meiner Erfahrung genau dann, wenn du loslässt und ohne, dass du viel tun musst.

Was du tun kannst – Die ersten wichtigen Schritte
- Hol dir Hilfe! So schwer es auch fällt, sprich mit Familie, Freunden und/oder deiner Hausärztin bzw. deinem Hausarzt über deine Gefühle und Gedanken. Ich war unfassbar überrascht, wie viele meiner Freund*innen nach meiner Offenbarung auch erzählt haben, dass sie das von sich kennen und zum Teil auch in Therapie sind.
- Such dir einen Therapieplatz! Ja das kann manchmal dauern, daher fang bitte möglichst früh an zu suchen und dich auf Wartelisten setzen zu lassen. Chat GPT und Co. sind kein Therapieersatz! Sie können dir vielleicht kurzfristig mal Tipps geben oder dir Infos raussuchen, aber eine komplette Therapie ersetzen sie nicht!
- Wenn du Suizidgedanken hast, fährst du bitte sofort in die Notaufnahme der nächsten Psychiatrischen Ambulanz oder rufst die 112!
- Vom Wochenplan habe ich schon erzählt. Ich fand es sehr hilfreich, um in der Zeit, in der ich krankgeschrieben war, eine Struktur zu haben, sonst hängt man nur auf dem Sofa und igelt sich ein. Ja, es ist auch Zwang dabei, aber es ist wichtig!
- Auch wenn es viel Überwindung kostet, triff dich mit Leuten! Es gibt auch Selbsthilfegruppen zu vielen Erkrankungen – auch das kann helfen. Es ist aber wichtig, dass du in Menschenkontakt bleibst, so schwer das auch fällt.
- Such‘ im Internet nach möglichen Skills, die dir akut helfen könnten. Mir hilft es z.B. in Panikmomenten, detailliert und laut zu beschreiben, was ich gerade sehe. Das ist ein Skill, den man auch in der Tagesklinik lernt. Das vegetative Nervensystem wird dadurch abgelenkt und nach einigen Minuten beruhigt sich der Herzschlag wieder. Unser Körper kennt nur eine Panik – die um sein Leben. Er kann biologisch andere Bedrohungen noch nicht anders einordnen. Als Urmensch in der Natur gab es keinen Jobstress oder ähnliches, sondern nur Bedrohung ums Leben oder eben gerade keine Bedrohung. Durch die Beschreibung der Umgebung und das dabei Um-Sich-Schauen, checkt der Körper: Es ist gerade keine lebensbedrohliche Situation da, ich kann mich wieder beruhigen.
Wichtigste Anlaufstellen
- 116117 – Darüber bekommst du sehr schnell einen Notfalltermin bei einem Therapeuten oder einer Therapeutin. Ich habe freitags angerufen und hatte montags morgens einen Termin. Diese Person stuft dann ein, was du als Nächstes brauchst. Stationärer Klinikaufenthalt, Tagesklink, Therapie etc.
- Die Notfallambulanz der nächsten psychiatrischen Klinik. Auch psychiatrische Kliniken haben eine Art Notaufnahme. Dort kannst du jederzeit vorstellig werden, wenn du das Gefühl hast, du brauchst akut Hilfe und kannst vor allem gerade nicht mehr allein zuhause leben. Man muss dort leider häufig länger warten, doch es wird dir dann direkt geholfen und in einem gemeinsamen Gespräch geschaut, was du gerade brauchst. Sie können dich immer dortbehalten, wenn du das brauchst! Ich möchte dir da auch die Angst nehmen! Du entscheidest immer mit, ob du dortbleiben möchtest oder nicht! Und so komisch und beängstigend es sich vielleicht auch erstmal anfühlt, alle Menschen, die ich in der Klinik getroffen habe, war eigentlich sehr nett! – Bei Suizidgedanken gehst du bitte sofort dorthin!
- Hausarzt*in – Sie können dir helfen einen Therapieplatz zu bekommen und dich fürs erste auch Krankschreiben! Leichte Beruhigungsmittel und erste körperlichen Ursachen können sie auch ausschließen.
- Therapeut*in – Fang frühzeitig an jemanden zu finden, denn es ist leider in den meisten Gegenden in Deutschland als gesetzlich versicherte Person schwer, Plätze zu bekommen. Lass dich ruhig auf 3 oder 4 Warterlisten setzen.
- Psychiater*in – Das sind die Ärzte, die in der Regel für die Verschreibung von Medikamenten zuständig sind. Sie schreiben dich dann auch in der Regel krank. Es ist dabei superwichtig, dass du dir jemanden suchst, bei dem*der du dich richtig wohl und verstanden fühlst. Leider ist das nicht in jeder Praxis der Fall, doch ich habe durch Wechseln immer wieder jemanden gefunden! Das Vertrauen, dass diese Praxis immer für mich da ist, ich im Notfall schnell einen Termin bekomme und dort immer Verständnis erhalte, hat mir sehr viel Last von den Schultern genommen.
- Nummer gegen Kummer 116111 etc. Es gibt auch immer mehr regionale, themenspezifische Angebote für die Telefonseelsorge. Nutze sie sehr gerne, wenn du schnell jemanden zum Reden brauchst. Es gibt noch eine Telefonseelsorge unter 116123, die mir bekannt ist.
- Notfallnummer Suizidgedanken: 112 – die holen dich ab, egal wo du gerade bist und helfen dir direkt! Bitte zögere nicht dort anzurufen.
Noch ein bisschen Mut zum Schluss
Ich bin, seitdem ich 15 Jahre alt bin, immer wieder in Therapie gegangen, was ich inzwischen gar nicht mehr verwerflich finde, sondern eigentlich jedem ans Herz legen kann, der*die das Gefühl hat, mit jemandem über das, was einen gerade belastet zu sprechen. Die Therapeut*innen schätzen für dich ein, wie lange so eine Therapie nötig ist und was du gerade brauchst.
Ich gehe inzwischen unregelmäßig zu meiner Therapeutin, immer wenn ich Bedarf sehe. Es ist ein Privileg, dass wir in Deutschland diese Möglichkeit haben und ich finde auch nichts Schlechtes daran, diese Möglichkeit zu nutzen. Im Gegenteil: Es zeigt, dass du dich mit deinen Themen auseinandersetzt und dir Hilfe suchst, wenn du sie brauchst.
Du übernimmst Verantwortung für dich und deine Gesundheit. Daher kann ich nur jeder*m empfehlen, sich frühzeitig einen passenden Therapieplatz zu suchen! Umso früher du dir Hilfe suchst, umso besser bist du in sehr schwierigen Zeiten aufgehoben! Du bist nicht allein! Es gibt viele Menschen, denen es so geht wie dir und es gibt sehr viele Angebote, die dir helfen können. Gib‘ dir die Zeit, die du brauchst und nutze sie – ganz in Ruhe für dich und deine Gesundheit. Du bist wertvoll und es ist es wert, für dich zu kämpfen und dir die Zeit für dich zu nehmen, die du brauchst.
Ich wünsche dir nun alles erdenklich Gute! Ich hoffe, dass du merkst, dass du nicht allein bist und dass jede dunklere Phase auch wieder mit einem Lichtblink am Ende des Tunnels enden wird.
Denk immer dran: Es wird wieder gut! Mein Körper braucht das gerade, ich gebe ihm diese Zeit, aber es wird auch wieder gut werden!
Quellen:
Statistisches Bundesamt 2026: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/04/PD26_N021_23.html (18.06.2026).






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