Trotz der eskalierenden Gewalt bewaffneter Banden setzt die katholische Kirche in Haiti ihren Einsatz für die Menschen fort. Bischof Joseph Gontrand Décoste aus Jérémie berichtet von einer dramatischen Lage – und zugleich von einer Kirche, die auch unter schwierigsten Bedingungen Hoffnung, Orientierung und konkrete Hilfe gibt.

Die katholische Kirche in Haiti steht angesichts der zunehmenden Gewalt bewaffneter Banden vor großen Herausforderungen. Dennoch hält sie an ihrem Einsatz für die Menschen fest. „Wir sind der letzte verbliebene Schutzwall: moralisch, ethisch, spirituell und prophetisch“, sagte Bischof Joseph Gontrand Décoste aus Jérémie im Gespräch mit dem internationalen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN).
Bewaffnete Gruppen kontrollieren lokalen Angaben zufolge inzwischen zwischen 70 und 90 Prozent der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince sowie strategisch wichtige Gebiete in anderen Regionen des Landes. Sie finanzieren sich unter anderem durch illegale Straßenzölle und verbreiten durch Morde, Entführungen und weitere Gewalttaten Angst und Unsicherheit.
Die Kirche benennt diese Gewalt öffentlich und setzt sich weiterhin für Frieden, Menschenwürde und gesellschaftlichen Zusammenhalt ein. Genau das macht sie nach Einschätzung von Bischof Décoste zugleich zu einem Ziel der bewaffneten Gruppen.
Kirche bleibt bei den Menschen
Die Gewalt hat das kirchliche Leben massiv verändert. Im Hauptstadtbistum Port-au-Prince mussten nach Angaben des Bischofs rund 40 Pfarreien aus Sicherheitsgründen schließen. Weitere etwa 25 Pfarreien in anderen Teilen des Landes sind ebenfalls betroffen. Auch Geistliche und Ordensleute wurden Opfer von Angriffen. Kirchliche Schulen und andere Einrichtungen wurden teilweise zerstört oder mussten ihren Betrieb einstellen.
Doch die Kirche sucht neue Wege, um für die Menschen da zu sein. In den südlichen und westlichen Diözesen nimmt sie Tausende Binnenvertriebene auf. Wo Präsenz vor Ort nicht möglich ist, erreichen kirchliche Radiosender die Menschen mit Gottesdiensten, religiösen Programmen und Informationen. Auch Online-Unterricht wurde eingerichtet, damit Kinder und Jugendliche trotz geschlossener Schulen weiterlernen können.
Wo die Sicherheitslage es zulässt, finden zudem weiterhin Wallfahrten und Prozessionen statt. „Es gibt ein kreolisches Sprichwort: Die Kinder der Jungfrau Maria verlieren niemals eine Schlacht“, erzählt Bischof Décoste. „Deshalb machen wir weiter.“
Hoffnung trotz großer Gefahr
Besonders eindrücklich zeigt sich diese Haltung bei der Ausbildung des Priesternachwuchses. Rund 200 Priesteramtskandidaten setzen ihre Ausbildung trotz der unsicheren Lage fort. Im zentralen Priesterseminar in Port-au-Prince müssen Studenten nach Angaben des Bischofs teilweise unter ihren Betten Schutz suchen, wenn in der Umgebung Schüsse fallen.
Trotz aller Gefahren will die Kirche ihre Hoffnung bewahren. „Wir beten, singen und tanzen weiter“, sagt Décoste. Diese Worte stehen für eine Kirche, die sich trotz der Gewalt nicht aus dem Leben der Menschen zurückzieht. Sie begleitet Familien, unterstützt Vertriebene, ermöglicht Bildung und hält mit ihren Gottesdiensten und Medienangeboten Räume für Gemeinschaft und Hoffnung offen.
Auch politisch steht Haiti vor einer ungewissen Zukunft
Neben der Sicherheitslage bleibt auch die politische Situation angespannt. Die für Dezember vorgesehenen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen wurden erneut verschoben. Haiti wartet damit weiterhin auf reguläre Wahlen – seit zehn Jahren hat das Land keine nationalen Wahlen mehr abgehalten. Die letzten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen fanden vor der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse im Jahr 2021 statt.
Gerade in dieser Situation kommt kirchlichen Einrichtungen und ihren sozialen Angeboten eine besondere Bedeutung zu. Sie gehören vielerorts zu den wenigen Strukturen, die auch unter schwierigen Bedingungen weiterarbeiten und Menschen erreichen.
Internationale Unterstützung macht Hilfe möglich
Bei ihrem Einsatz ist die katholische Kirche auf internationale Unterstützung angewiesen. Bischof Décoste dankt ausdrücklich Organisationen wie „Kirche in Not“: „Diese Widerstandskraft ist möglich dank der großen Unterstützung, die wir von Organisationen wie ‚Kirche in Not‘ erfahren. Ohne sie könnten wir nicht weitermachen.“
Das Hilfswerk unterstützt die katholische Kirche in Haiti unter anderem bei der Arbeit diözesaner Radiosender und bei Solarenergieprojekten. Darüber hinaus werden die Ausbildung und die Existenzsicherung von Priestern, Ordensfrauen und Katecheten gefördert.
So kann die Kirche auch dort präsent bleiben, wo die Bedingungen besonders schwierig sind – und Menschen ein Zeichen geben, dass sie nicht allein sind.






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