Inzwischen hat es ADHS, zumindest fast weitestgehend, zu einer anerkannten Krankheit geschafft. Zwar scheuen sich Eltern teilweise immer noch davor, ihrem Kind die Medikamente zu geben oder überhaupt eine Diagnostizierung anzufragen. Dafür sind aber Ärzte und Therapeuten mehr geschult in dem Thema und stoßen im Verdachtsfall eine Diagnostizierung an. Und auch die Wissenschaft hat enorme Schritte zum tieferen Verständnis der Krankheit erlangt. Und das ist gut so, denn die Folgen einer nicht behandelten ADHS-Erkrankung sind weitreichend.
Nicht das Gehirn, sondern die Nutzung passt nicht
Das Gehirn von Menschen mit ADHS verarbeitet Botenstoffe anders. Ganz einfach gesagt, braucht es ständig Belohnungen und ist daher darauf ausgelegt, neugierig zu sein, schnell zu reagieren und eine starke Aufmerksamkeit für Veränderungen in der Umgebung zu haben. Dinge, von denen man inzwischen ausgeht, dass sie Überbleibsel unserer Vorfahren in der Steinzeit sind, wo sie durchaus überlebensnötig waren und ihren Teil dazu beitrugen, dass wir Menschen uns weiter entwickeln konnten.
Heute hingegen müssen wir stillsitzen, uns lange auf ein und dieselbe Sache konzentrieren, haben wenige kurzfristige Veränderungen, die wir verarbeiten sollen und erhalten daher kaum Belohnungen für unser Gehirn.
Gleichzeitig steigt jedoch, dank Technik, Verkehr, sozialen Interaktionen, Schule oder Arbeit, die Menge an Reizen, die wir gleichzeitig wahrnehmen können und ausfiltern müssen. Kein Wunder also, dass einen manchmal der Kopf schwirrt – selbst ohne ADHS.
Die übersehenen Symptome
Eine weitere Folge dieses Lebensstils ist, dass bestimmte ADHS-Symptome nicht auf den ersten Blick wahrnehmbar sind. Denn bei ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung) denken alle direkt an den anstrengenden überaktiven kleinen Jungen, der ständig Blödsinn macht und nie zuhört. Diese Symptome sind schon lange bekannt und es gibt sogar ein sehr bekanntes Buch über sie. Nämlich das Buch „Der Struwelpeter“ von Heinrich Hoffmann (1809 – 1894) mit den Geschichten vom „Zappelphilipp“, „Hans guck in die Luft“, dem „zündelndem Paulinchen“ und einigen mehr. Der Arzt Heinrich Hoffmann behandelte zu seinen Lebzeiten bereits Kinder die verhaltensauffällig und schwer erziehbar waren und galt als Pionier der Jugendpsychiatrie. Es ist also gar nicht so abwegig, dass einige Vorbilder für die Figuren in seinem Buch ADHS hatten.
Seit einigen Jahren weiß man nun aber zum Glück, dass ADHS keine Kinderkrankheit ist. Zudem tritt sie auch nicht nur überwiegend beim männlichen Geschlecht auf.
Auch Mädchen haben es, aber die Symptome liegen dort meistens im nicht sichtbaren und störenden Bereich, weshalb eine Diagnose nie vermutet wurde. Statt der körperlichen Überaktivität zeigt sich die Hyperaktivität überwiegend im Kopf. Die Gedanken springen wild umher und die Person wirkt oft verträumt oder desinteressiert; ohne, dass sie dabei jemanden anderes stört oder gefährdet.
In der Schule schaffen es diese Mädchen oft, ihre Schwierigkeiten im Lernen durch ihre Stärken, wie der schnellen Auffassungsgabe zu kompensieren und kommen dadurch sehr weit, ohne dass eine Diagnose vermutet wird. Entdeckt wird die Grunderkrankung ADHS – mit Glück – als erwachsene Frau, wenn man wegen eines Burnouts, Depressionen, oder anderen psychischen Störungen behandelt wird. Aber leider wird auch dort noch häufig bei der Untersuchung von Angstzuständen, Essstörungen oder Schlafstörungen die zugrunde liegende Krankheit ADHS nicht erkannt.
Die Überraschung mit 28
So war es auch bei mir. Nachdem ich wegen einer, durch die Arbeit, ausgelösten Angststörung und depressiven Episoden bereits eine Zeit lang in Therapie war, stellte mir meine Therapeutin die Frage: “Wurden sie schon auf ADHS getestet?” Das war für mich sehr lustig, da in meinem Umfeld eine weitere Frau gerade die Diagnose bekommen hatte. Sie sprach mit mir ungefähr drei Wochen vorher darüber, dass sie jetzt versteht, woher ihre Schwierigkeiten im Organisieren des alltäglichen Haushalts kommen und sie sich nun endlich nicht mehr fragen muss, weshalb sie nicht funktioniert. Und sie sagte mir, dass sie bei mir oft die Symptome einer ADHS-Erkrankung als Erklärung für mein Verhalten passend findet.
Meine Mutter sagte mir ebenfalls, dass sie, nachdem sie eine Reportage zu dem Thema sah, sich fragte, ob das bei mir der Fall sein könnte, und sprach mich darauf an. Also machte ich das Diagnoseverfahren, welches übrigens sehr umfassend ist und nicht nur mehrere Fragebögen beinhaltet, sondern auch die Aufarbeitung der Kindheit durch Zeugniseinsicht und Befragung der Eltern oder andere nahestehender Verwandten miteinbezieht. Die Symptome müssen bereits in der Kindheit dagewesen sein, um ADHS sein zu können. Und fast schon keine Überraschung mehr: mein ADHS wurde bestätigt.
Sichtbar aber übersehen
Das Bescheuertste an der Geschichte? Es gab deutliche Zeichen – bereits in meiner Kindheit. Beim Zusammentragen der Informationen für meine Diagnostizierung, empfand ich selbst es immer mehr als offensichtlich und fragte mich, wie kein Pädagoge oder Arzt es bemerken konnte. Die Antwort ist einfach. Sie konnten es damals noch nicht besser wissen.
Meine Eltern fragten in der Grundschule bereits die Lehrer, ob etwas dahinterstecken könnte, dass ich nicht lange Hausaufgaben machen kann und die meiste Zeit am tagträumen bin. Die Empfehlung der Lehrer war ein LRS-Test, der natürlich negativ ausfiel. In meinem Zeugnis der dritten Klasse steht, dass ich einerseits oft Arbeiten voll mit Flüchtigkeitsfehlern abgebe, aber andererseits zu hundert Prozent fehlerfreie Arbeiten schreibe. In der vierten Klasse hieß es, ich sei still und oft geistesabwesend, was meinen Eltern gegenüber aber als bei Mädchen üblich abgewunken wurde.
Bis heute noch fällt es mir schwer. das 12-Stunden und 24-Stunden Zeitsystem richtig zu kombinieren. Dinge lege ich prinzipiell irgendwo ab und dann sind sie verschwunden. So findet man dann nachmittags die frischen Socken, wegen derer Suche man morgens fast den Zug verpasst hat, in der Besteckschublade. Oder bekommt drei Tage nach dem Treffen ein Foto von seinem Portemonnaie, das noch beim Kollegen am Stuhl hängt, während ich es gesucht habe. Und ich schreibe absichtlich nicht “verzweifelt” gesucht. Denn ich weiß, dass wenn etwas weg ist, es nie verloren ist, sondern bald wieder auftaucht.
Für mich ist das, gelebte Normalität. Ebenso wie für alle anderen Normalität ist, dass ich in der Regel mindestens 5 Minuten Verspätung habe. Egal wie oft meine Eltern versucht haben bei Lehrern oder Ärzten Hilfe zu bekommen, weil sie sich sorgten, dass etwas mit mir nicht stimmt, war es immer als normales Verhalten eines schüchternen Mädchens abgetan worden. Und das, obwohl ich gar nicht schüchtern war, sondern dies erst im Laufe meines Lebens leider immer mehr wurde.
Verschiedene Charaktereigenschaften
Schusseligkeit, Vergesslichkeit, Unpünktlichkeit, Unordentlichkeit, Unkoordiniertheit, Impulsivität, Kreativität, Rastlosigkeit, Prokrastination, …
Alles Eigenschaften die bei jedem Menschen unterschiedlich stark auftreten. Aber bei manchen, können sie eine ADHS-Erkrankung zu Grunde haben. Das heißt nicht, dass jeder, der ein bisschen zerstreut ist oder aktiver ist direkt ADHS haben muss. ADHS wird häufig noch als “Modekrankheit” betitelt, mit der jeder etwas Auffälligere eine Ausrede hat. Aber das ist sie nicht, wie der Zappel Phillip aus 1845 beweist.
Und das es erscheint, als würde sie heute jeder haben, ist ein gutes Zeichen dafür, dass die Diagnostizierung endlich ernst genommen wird und sich weiterentwickelt hat. Denn wenn jemand sein Leben lang versucht, sein anders arbeitendes Gehirn in die streng einheitlich arbeitende Welt anzupassen, ist es kein Wunder, dass sehr viele dieser Eigenschaften bei ihm auftreten. Und immer mit dem Gefühl leben zu müssen, dass man scheinbar nicht funktioniert und anders ist als der Rest, kann schwere Folgen haben.
Die Folgen unbehandelter ADHS
ADHS verwächst sich nicht. Lange Zeit wurde es als Kinderkrankheit gesehen, tatsächlich bleibt die Krankheit jedoch ein Leben lang bestehen. Die Symptome entwickeln sich mit dem Erwachsen werden weiter. Die körperliche Überaktivität wandelt sich bei Erwachsenen oft in die innere Überaktivität um. Von außen sieht es also so aus, als wäre man geheilt, im Inneren geht es aber weiter.
Und auch die anderen Symptome, Unaufmerksamkeit, Impulsivität, emotionale Dysregulation und Desorganisation bleiben erhalten und erschweren den Alltag.
Ich habe während der Diagnose festgestellt, dass ich viele Dinge durch gute Erziehung abtrainiert hatte. Zum Beispiel unterbreche ich nie oder nur ungerne Menschen, während sie reden. Das geht so weit, dass ich mich sogar nicht mal traue Bekannte zu begrüßen, wenn sie sich unterhalten. Vermutlich, da ich in Vergangenheit mit dem Unterbrechen anderer oft negativ aufgefallen war. Der Drang jetzt dazwischen zu sprechen, meine Meinung zu sagen, mitzureden und dabei sein zu wollen, ist aber trotzdem da – ich unterdrücke ihn nur.
Unbehandeltes ADHS bedeutet, dass derjenige unter enormen Anstrengungen versucht nicht aufzufallen und zu funktionieren. Die Folgen sind Burnouts, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen bis hin zu Schizophrenie und sogar das Messie-Syndrom können Folgen eines Lebens in einer nicht, für unser Gehirn, angepassten Welt sein. Darum sind die Diagnostizierung und Behandlung, wenn nötig auch mit Medikamenten, enorm wichtig!
Die Scheu vor Medikamenten
Wie bei Depressionen können gerade die Medikamente der wichtigste Schritt sein. Denn sie sorgen dafür, dass das Gehirn die Botenstoffe richtig versendet und somit das Chaos im Kopf geordnet wird. Dieser Schritt ist in vielen Fällen nötig, um überhaupt behandelbar zu sein. Denn wie bei Depressionen, bei denen einem gar nicht mehr klar ist, wie glückliche Gedanken sich anfühlen und wie man früher gefühlt hat, kann man auch mit ADHS gar nicht verstehen, wie es eigentlich sein müsste.
Was man nie gekannt hat, kann man auch nicht lernen, denn dann weiß man ja nicht, was das Ziel ist. Wichtig ist dabei zu verstehen, dass die Medikamente nicht die Persönlichkeit verändern, sondern lediglich das Chaos beheben, Botenstoffe richtig versenden und somit eine erhebliche Hilfe in allen Lebenslagen sind und einen vor schweren Folgen schützen.
Prokrastination, Schusseligkeit, Verständnisprobleme, Selbstbewusstseinsverlust, erhebliche Schwierigkeiten Ordnung zu halten – Situationen auszuhalten – Gespräche zu führen; das alles muss nicht sein.
Jeder Vermutung nach gehen
Sobald ein Verdacht besteht, sollte man ihm nachgehen. Denn unsere Psyche ist genauso wichtig wie unser Körper. Wenn unser Körper nicht funktioniert, lassen wir ihn direkt behandeln. Also macht es auch genauso mit eurem Kopf. Ob es am Ende ADHS, Hochsensibilität, Hochintelligenz, Autismus oder vielleicht doch nur euer Character ist, ist; da braucht man keine Angst vor haben und sich auch nicht schämen. Derjenige mit schlechten Knochen, schwachem Immunsystem oder Arthrose schämt sich ja auch nicht.
Die Diagnose ist wichtig und kann ein ganzes Leben positiv beeinflussen. Und dies am besten so früh wie möglich, aber auch spät ist eine Diagnose eine Erlösung für den Betroffenen.






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