Die Woche geht zu Ende, der nächste Tag ist ein Feiertag – Reformationstag in Sachsen-Anhalt. Christopher, mein Verlobter, ruft zwei Stunden vor Ladenschluss in der Druckerei an, um zu erfragen, ob noch spontan zwei A2-Plakate gedruckt werden können. Etwas später präsentiert er stolz unsere ersten Schilder mit dem Logo von „Mission:Miteinander“ und der Aufforderung „Lass uns miteinander reden“. Wir schicken einen Post in unseren WhatsApp-Kanal und auf unseren jeweiligen Status und verfolgen am Abend gespannt die Nachrichten.

Seit Tagen wurde für den 31. Oktober deutschlandweit zu Demos unter dem Namen „GenZ regelt“ aufgerufen. Christliche Organisationen, wie das Gebetshaus Augsburg, planen Parallelveranstaltungen à la „GenZ betet“. Und in Köln, Leipzig, Berlin u.a. verbarrikadieren Ladenbesitzer ihre Schaufenster. Es ist, als würde das Land mit Spannung erwarten, was am nächsten Tag passiert. Denn in Frankreich brennen seit einigen Wochen Autos und wurden Läden geplündert. Doch die Initiative „GenZ regelt“ möchte friedlich demonstrieren.
Auch wenn mein Verlobter und ich ganz gerne den Reformationstag gebührend in Lutherstadt Wittenberg gefeiert hätten, sehen wir eine Chance, unsere eigene Initiative „Mission:Miteinander“ (folgend M:M) das erste Mal auf die Straße zu bringen. In einem früheren Artikel habe ich von der Vision erzählt, wie wir als dritte, „neutrale“ Partei auftreten wollen. Wir demonstrieren nicht für oder gegen etwas, sondern möchten einen Gesprächsraum eröffnen, um unterschiedlichen Positionen Gehör zu schenken und dadurch verbindend zu wirken.

Unterwegs auf der Demo
Zunächst sind wir uns aber gar nicht sicher, was überhaupt in unserer Stadt Halle (Saale) stattfinden soll. Diese ist nicht auf der offiziellen Seite von „GenZ regelt“ gelistet. Hinzu kommt, dass es immer leichter ist, über eine Vision zu schreiben, als diese in die Tat umzusetzen. Für mich wäre das ein großer Schritt raus aus der Comfort-Zone, die ich nun wirklich nicht Demo-erprobt bin. Und doch machen wir uns zu zweit auf den Weg zum August-Bebel-Platz, wo die Kundgebung beginnen soll.
Wir werden von politischem Deutsch-Rap begrüßt und finden die Menge doch einigermaßen zahlreich. In gebührendem Abstand, um nicht als Demo-Teilnehmer verstanden zu werden, versuchen wir, die Lage einzuschätzen. In den ersten einstimmenden Reden, die von den Organisatoren gehalten werden, werden die Anliegen präsentiert: marode Schulen, schlechte Zukunftsaussichten, Widerstand gegen eine mögliche Wehrpflicht, Sozialkürzungen, fehlende Plätze in der Psychotherapie, Klimakrise, ein grundsätzlicher Frust, als junge Menschen von der Politik nicht wahrgenommen zu werden.
Vermengt werden diese politischen Statements je nach Sprecher mehr oder weniger stark mit Forderungen nach einem grundlegenden Systemwechsel, mit Erklärungen aller Probleme durch den Kapitalismus und mit wütenden Vorwürfen der Polizeigewalt.
Nun ist Christopher bereit, unsere Schilder hochzuhalten. Da ich mich nicht wirklich traue, ist unser Deal, dass nur er ein Plakat hält und ich neben ihm stehe. Gesagt getan fangen wir die ersten Blicke ein. Als sich der Zug in Bewegung setzt, laufen wir zügig um eine Häuserecke und platzieren uns am Kopf der Demo am Straßenrand, sodass der gesamte Zug an uns vorbeimarschiert.

Gespräche am Rande der Demo
Es dauert nicht lang, da kommen zwei junge Männer auf uns zu und fragen, was wir da machen. Scheinen sie anfangs noch durchaus konfrontativ, brechen wir schnell das Eis mit der Rückfrage, was sie denn auf dem Herzen hätten.
So unterhalten wir uns über die Anliegen der Demo, über den Unterschied von demokratischen und nicht-demokratischen Parteien (der unserem gemeinsamen Verständnis nach im Respekt des Grundgesetzes liegt), über die Unterscheidung von kapitalistischen Läden der Großketten (einer nannte Gucci als Beispiel) im Gegensatz zu lokal geführten Shops und über erwünschte Reaktionen auf diese Demo.
Es wurde Frust darüber deutlich, dass diese Demos von Politik und Medien schon im Vorhinein kriminalisiert worden seien und dass die beiden Männer zwar eine politische Antwort wünschen, aber eher nicht davon ausgehen. Wir bedanken uns für das Gespräch und die beiden Männer mischen sich wieder unter die Leute.

Wir lassen uns an das Ende des Zuges fallen und sprechen einen sozialwissenschaftlichen Professor der Universität in Halle an, um seine Einschätzung zu erfragen. Er ist bis zu dem Punkt ebenfalls mitgelaufen. Grundsätzlich empfindet er die Anliegen der Demo als legitim und wichtig. Gleichzeitig beobachtet er, wie sie von politisch extremen Gruppierungen übernommen wurde, mit denen er sich nicht identifizieren könne – eine Einschätzung, die wir teilen.
Wieder zurück bei der Demo spricht uns ein Bekannter von Christopher an, der ebenfalls das erste Mal an solch einer Kundgebung teilnimmt. Hier wird deutlich – und damit steht er bestimmt stellvertretend für einen großen Teil anderer Teilnehmer –, dass er sich nicht wirklich mit den Parolen und vertretenen Gruppierungen auskennt und dadurch auch kaum eine Abgrenzung zu den Extremen vornehmen kann.
Unsere Bilanz
Unsere Bilanz zum ersten Demo-Einsatz mit M:M: ermutigend und hat Freude bereitet. Sobald man ein Schild trägt, bekommt man Aufmerksamkeit von den Leuten in der Menge und auch am Straßenrand. Für mich konnten Ängste gegenüber einer solchen Situation abgebaut werden und ich wollte gar nicht mehr aufhören. Der Professor, mit dem wir uns unterhalten haben, war sichtlich angetan von unserer Idee. Auch über andere Wege haben wir bereits einigen Zuspruch erhalten.
Wir hoffen sehr, dass unsere Initiative auffällt und wir immer mehr gute Gespräche einsammeln können. Wir wünschen uns, dass andere Menschen sich uns anschließen, um sich für ein besseres Miteinander in Deutschland einzusetzen. Selbstverständlich werden wir dafür auch auf politisch ganz andere Kundgebungen gehen!
Noch einige Worte zur Initiative „GenZ regelt“: Wie oben geschrieben, war die Kundgebung in Halle nicht bei der deutschlandweiten Initiative angegliedert. Zunächst haben wir vermutet, dass sie deswegen so schnell von extrem linken (kommunistischen und antifaschistischen) Gruppen und deren Slogans übernommen werden konnte. Doch die Nachrichten aus anderen Städten zeugten davon, dass dieses Problem sehr häufig aufgetaucht ist.
Ich frage mich ehrlich – und würde mich über weitere Gedanken dazu freuen – wie man solch eine Demonstration mit legitimen Anliegen derart gestalten kann, dass Menschen unterschiedlicher politischer Couleur sich wohlfühlen und mitlaufen würden, sie also nicht auf linke und weit linke Personengruppen beschränkt würden. Eine Möglichkeit wäre das Verbot von Flaggen (in Halle waren meiner Beobachtung nach ausschließlich klassenkämpferische und Antifa- sowie Palästina-Flaggen vertreten), eine zweite das Vorgeben der Parolen und Sprechgesänge. Was denkt ihr?







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