Wie ist es, einen Menschen zu lieben, der mit einer psychischen Erkrankung bzw. einer Suchterkrankung lebt? Ein schmaler Grat zwischen Mitgefühl und Selbstaufgabe und dem Verständnis, das Liebe allein nicht jede Wunde heilen kann.

KI-generierte Illustration.
Am Anfang wieder ein Feuerwerk.
Schnelle Liebesgeständnisse.
Hundert Nachrichten am Tag.
Diesmal keine großen Versprechen.
Manchmal sogar Skepsis und Zweifel.
Wiederholt das Leben Muster?
Gerade Männer über 35 brachten oft eine Geschichte mit. Eine gescheiterte Ehe. Kinder. Eine große Liebe, die zerbrochen war. Oder Verletzungen, die man nicht auf den ersten Blick sah.
Ein alter Arbeitskollege hatte sie vor solchen Männern gewarnt. Sie wollte diesem Schubladen-Denken nicht glauben.
Und dann lernte sie ihn kennen.
Er war selbstreflektiert. Ehrlich. Er erzählte von seiner Vergangenheit. Von seiner Ehe. Von seinem Kind. Von seiner Suchterkrankung. Seit zwei Jahren war er abstinent.
Sie wusste, worauf sie sich einließ. Er kämpfte täglich mit seinen Dämonen. Und trotzdem blieb sie.
Nicht weil sie dachte, sie könne ihn retten. Sondern weil sie glaubte, Liebe bedeute auch, den anderen mit seiner Geschichte anzunehmen und dieser Person eine Chance zu geben, ein anderer werden zu können.
Die Vergangenheit war die Gegenwart
Mit der Zeit veränderte sich etwas. Nicht plötzlich.
Aus kleinen Unsicherheiten wurden große Zweifel.
Aus intensiven Gesprächen wurden doch Rückzüge.
Aus Nähe wurde Abstand.
Sie merkte, wie sehr ihn seine eigenen Gedanken beschäftigten. „Probleme“ wurden größer, als sie waren. Und wenn sie ehrlich zu sich war, gab es gar keine richtigen „Probleme“. Seine Stimmung wechselte. Manchmal schien alles leicht. Manchmal wirkte jede Kleinigkeit wie eine Last.
Und irgendwann drehte sich alles nur noch um ihn und seine Vergangenheit, die ihn ständig einholte.
Sie wollte verstehen. Sie fragte, hörte zu, nahm Rücksicht.
Immer wieder.
Doch sie verlor sich.
Sie wartete darauf, dass er sich für sie entschied.
Darauf, dass er heute die Nähe akzeptierte. Schließlich war doch vor zwei Tagen alles gut?
Doch Liebe funktioniert nicht wie ein Pflaster. Sie verstand, sie werde ihn nicht gesund lieben können.
Nähe bedeutet nicht für jeden Sicherheit
Während sie immer mehr Nähe suchte, brauchte er immer mehr Abstand.
Für sie bedeutete Nähe Geborgenheit.
Für ihn wurde sie offenbar zur Überforderung.
Sie wollte reden. Doch er wurde still.
Je mehr sie versuchte, die Verbindung zu halten, desto weiter entfernte er sich.
Nicht weil sie falsch war. Sondern weil zwei Menschen manchmal unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie sich Sicherheit anfühlt.
Sein Blick auf sie veränderte sich. Plötzlich war sie zu lieb.
Zu verständnisvoll.
Zu harmonisch.
„Warum sei sie denn nie genervt von ihm?“
„Warum bliebe sie immer so ruhig?“
Sie begann sich zu fragen, ob tatsächlich etwas mit ihr nicht stimmte.
“Ich weiß es nicht.”
Es gibt Sätze, die klingen harmlos.
Und trotzdem sagen sie alles und verletzten die Seele.
“Ich weiß es nicht.”
Wochenlang hoffte sie, dieser Satz würde irgendwann zu einem „Ja“ werden.
Oder wenigstens zu einem klaren Nein.
Dann begriff sie etwas, das schmerzhaft und gleichzeitig befreiend war:
Ein “Ich weiß es nicht.” ist manchmal längst eine Entscheidung.
Menschen, die mit sich selbst kämpfen, finden leichter Fehler im Gegenüber als Antworten in sich selbst.
Und wer ständig anfängt, an sich zu zweifeln, verliert irgendwann den Blick dafür, was eigentlich wirklich passiert.
Sie lernte wieder von Neuem, was für sie Liebe bedeutete:
Verlässlichkeit und Sicherheit.
Liebe trägt füreinander – aber nicht dauerhaft den anderen, denn eine Partnerperson kann nur dann heilen, wenn beide bereit sind, ihren Teil des Weges zu gehen.
Ein Satz, den sie sich auf ihrem Handy abspeicherte:
“Wenn dir jemand zeigt, wer er ist, glaube ihm beim ersten Mal.”
Nicht, weil Menschen sich nicht verändern können. Sondern weil Liebe niemanden verändert, der sich selbst nicht verändern möchte oder eben nicht kann.
Und manchmal besteht die größte Form der Selbstliebe darin, zu akzeptieren, dass man jemanden lieben kann und trotzdem gehen muss.






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