Wer an einen Tierpark denkt, hat meist schnell Bilder von Gehegen, Besuchergruppen und Schautafeln vor Augen. Der Alternative Wolf- und Bärenpark Schwarzwald ist jedoch kein gewöhnlicher Tierpark. Hier geht es nicht darum, Tiere zur Unterhaltung auszustellen. Es geht um Rettung, Rehabilitation und einen Neuanfang.

Mitten im Schwarzwald, zwischen Bad Rippoldsau und Schapbach, leben Bären, Wölfe und Luchse, die eines gemeinsam haben: Viele von ihnen haben zuvor ein Leben voller Leid erlebt.
Wenn Wildtiere zu Attraktionen werden
Bären gehören zu den faszinierendsten Wildtieren Europas. Gleichzeitig wurden sie über Jahrzehnte hinweg immer wieder als Attraktionen missbraucht. Manche mussten in Zirkussen auftreten. Andere wurden vor Restaurants oder Geschäften gehalten, um Kunden anzulocken. Wieder andere verbrachten ihr Leben in winzigen Käfigen, ohne ausreichend Bewegung, Beschäftigung oder artgerechte Ernährung.
Genau hier setzt die Arbeit der Stiftung für Bären an. Die gemeinnützige Organisation engagiert sich seit vielen Jahren für Wildtiere, die aus schlechter Haltung gerettet werden müssen. Ihr Ziel ist klar formuliert: „Unsere Vision ist eine Welt, in der Wildtiere grundsätzlich in freier Natur leben und nicht mehr zu Unterhaltungszwecken missbraucht oder zur Schau gestellt werden.“
Da viele der geretteten Tiere aufgrund ihrer Vorgeschichte nicht mehr ausgewildert werden können, benötigen sie einen Ort, an dem sie dennoch möglichst naturnah leben können.

Ein Zuhause statt eines Geheges
Deshalb entstand zunächst der Alternative Bärenpark Worbis in Thüringen. 2010 folgte der Alternative Wolf- und Bärenpark Schwarzwald. Auf mehr als zehn Hektar Wald- und Wiesengelände leben heute Bären, Wölfe und Luchse in großzügigen naturnahen Bereichen. Statt Betonböden, engen Käfigen und Kunstfelsen finden die Tiere hier Bäche, Waldstücke, Rückzugsorte und natürliche Beschäftigungsmöglichkeiten.
Dabei steht nicht die Präsentation für Besucher im Mittelpunkt, sondern das Wohl der Tiere. Futter wird beispielsweise jeden Tag an unterschiedlichen Orten versteckt. Mal finden die Bären Früchte, mal Nüsse, Fisch oder Honig. Dadurch werden natürliche Such- und Jagdinstinkte gefördert und Langeweile vermieden.
Gerade bei traumatisierten Tieren spielt dies eine wichtige Rolle. Viele von ihnen mussten erst wieder lernen, wie ein natürliches Bärenleben überhaupt funktioniert.
Die Geschichte von Franca
Eine dieser Bewohnerinnen ist die Bärin Franca. Ihre Geschichte steht stellvertretend für viele Schicksale im Park.
Jahrelang wurde sie von Schaustellern gehalten. Als deren Betrieb scheiterte, wurde die Bärin nicht etwa in eine bessere Umgebung gebracht. Stattdessen landete sie in einem dunklen Kellerraum. Dort lebte sie zwischen Ratten und erhielt teilweise nur verdorbene Essensreste. Erst durch die Intervention der Stiftung für Bären konnte sie gerettet werden.
Heute durchstreift Franca das weitläufige Gelände des Schwarzwaldparks. Sie sucht nach Birnen, die sie besonders gerne frisst, bewegt sich selbstständig durch ihr Revier und kann erstmals viele Verhaltensweisen ausleben, die ihr zuvor verwehrt geblieben waren.

Wenn Bären nie gelernt haben, Bären zu sein
Manche Geschichten gehen noch tiefer. Die Bären Arthos, Arian und Agonis wurden bereits als Jungtiere von ihrer Mutter getrennt. Statt in der Natur aufzuwachsen, dienten sie als sogenannte „Restaurantbären“. Besucher konnten sie streicheln, fotografieren oder mit Süßigkeiten füttern.
Was auf den ersten Blick harmlos erscheinen mag, hatte schwerwiegende Folgen. Viele natürliche Verhaltensweisen konnten die Tiere nie erlernen. Sie wussten nicht, wie man eine Winterhöhle baut. Sie kannten keine normalen sozialen Grenzen. Einige entwickelten sogar Verhaltensstörungen als Folge von Stress und Angst.
Die Mitarbeiter des Parks sprechen deshalb oft von einer Art Rehabilitation. Schritt für Schritt sollen die Tiere lernen, ihre natürlichen Instinkte wiederzuentdecken. Ganz zurück in die Wildnis können sie zwar meist nicht mehr. Doch sie erhalten die Chance auf ein Leben, das ihrer Natur deutlich näherkommt.
Rettung ist oft ein langer Kampf
Die Arbeit der Stiftung endet nicht mit dem Transport eines Tieres. Oft müssen zunächst langwierige Gerichtsverfahren geführt werden. Denn viele Besitzer geben ihre Tiere nicht freiwillig ab. Hinzu kommen aufwendige Rettungsaktionen, tierärztliche Untersuchungen, spezielle Transporte und die anschließende Betreuung der Tiere.

Jeder einzelne Fall bedeutet einen erheblichen organisatorischen und finanziellen Aufwand. Besonders schwierig ist dabei, dass Einrichtungen wie der Alternative Wolf- und Bärenpark keine regelmäßige staatliche Förderung erhalten. Die Stiftung finanziert ihre Arbeit überwiegend durch Spenden, Patenschaften und Eintrittsgelder.
Ein neues Projekt: Die Bären-Reha
Aktuell plant die Stiftung bereits den nächsten wichtigen Schritt. Im Schwarzwald soll eine spezielle „Bären-Reha“ entstehen. Dort sollen besonders traumatisierte Tiere zunächst in einem geschützten Bereich ankommen können, bevor sie mit anderen Tieren zusammenleben.
Gerade Bären, die jahrelang isoliert gehalten wurden oder schwere Misshandlungen erlebt haben, benötigen oft Zeit, um Vertrauen zu fassen und sich an ihre neue Umgebung zu gewöhnen. Die Verantwortlichen sehen darin einen wichtigen Baustein für die Zukunft ihrer Arbeit.
Mehr als ein Tierpark
Wer den Alternativen Wolf- und Bärenpark besucht, begegnet deshalb nicht nur Tieren, sondern auch ihren Geschichten. Viele Besucher berichten, dass sie den Park nachdenklicher verlassen, als sie gekommen sind. Die Schicksale der Bären und Wölfe werfen Fragen auf, die weit über den Schwarzwald hinausgehen.
Wie gehen wir mit Tieren um? Wo beginnt Verantwortung? Und welche Folgen hat es, wenn Wildtiere zu Unterhaltungsobjekten werden? Der Park versteht sich deshalb nicht nur als Zufluchtsort für Tiere, sondern auch als Bildungsort. Führungen, Informationsangebote und Veranstaltungen sollen Besucher für Tierwohl, Artenschutz und den respektvollen Umgang mit Wildtieren sensibilisieren.

Hoffnung nach Jahren des Leids
Die Geschichten vieler Bewohner beginnen mit Vernachlässigung, Gefangenschaft oder Missbrauch. Doch im Schwarzwald erhalten sie die Chance auf einen neuen Lebensabschnitt. Sie können wieder graben, klettern, baden, Futter suchen oder sich zurückziehen. Dinge, die für Wildtiere selbstverständlich sein sollten, aber vielen von ihnen jahrelang verwehrt wurden.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieses besonderen Ortes: Selbst nach Jahren des Leids kann ein Neuanfang möglich sein. Nicht in Freiheit – dafür ist es für viele Tiere zu spät. Aber in Würde.






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