Die katholische Kirche lehrt, dass das Heil ganz von Gott ausgeht. Nach dem Sündenfall ist die menschliche Natur durch die Sünde verwundet und kann aus eigener Kraft nicht zu Gott zurückkehren. Deshalb schenkt Gott dem Menschen seine Gnade. Ohne diese göttliche Hilfe könnte niemand zum Glauben gelangen, seine Sünden überwinden oder das ewige Leben erlangen.
Der freie Wille
Gleichzeitig hat Gott den Menschen mit einem freien Willen erschaffen. Der Mensch wird nicht gezwungen, Gott zu lieben oder ihm zu folgen. Wahre Liebe kann nur frei geschenkt werden. Deshalb lädt Gott den Menschen ein, zwingt ihn aber niemals. Jeder Mensch kann Gottes Gnade annehmen oder zurückweisen.
Manche glauben, dass Gottes Allwissenheit den freien Willen ausschließt. Doch dass Gott bereits weiß, welche Entscheidungen wir treffen werden, bedeutet nicht, dass er sie verursacht. Gott kennt unsere freien Entscheidungen, ohne sie zu erzwingen. Seine Vorherkenntnis nimmt dem Menschen weder seine Freiheit noch seine Verantwortung.
Gnade im Widerspruch zum freien Willen?
Die Gnade und der freie Wille stehen nicht im Widerspruch zueinander. Gott wirkt zuerst durch seine Gnade und bewegt das Herz des Menschen. Der Mensch bleibt demnach frei und kann auf diesen Ruf antworten oder ihn ablehnen. Das Konzil von Trient lehrt, dass der Mensch bei seiner Rechtfertigung mit der Gnade Gottes kooperiert, ohne dass dadurch Gottes Vorrang aufgehoben wird.
Der heilige Thomas von Aquin fasste dieses Verhältnis in einem berühmten Satz zusammen: „Gratia non tollit naturam, sed perficit” („Die Gnade hebt die Natur nicht auf, sondern vollendet sie.“) Die Gnade zerstört also nicht die menschliche Freiheit, sondern heilt, stärkt und vervollkommnet sie.
Das Vorbild der Allerheiligsten Dreifaltigkeit
Gott ruft den Menschen nicht nur zum Heil, sondern auch dazu, sein Leben nach dem Vorbild der Allerheiligsten Dreifaltigkeit zu gestalten. Der Vater offenbart seine Liebe, der Sohn seine Barmherzigkeit, und der Heilige Geist führt uns in die Wahrheit. Deshalb soll das christliche Leben von Liebe, Barmherzigkeit und Wahrheit geprägt sein.
Wenn wir die Liebe des Vaters leben, denken wir an Gott. Wenn wir die Barmherzigkeit Christi leben, denken wir an die Sünder. Wenn wir in der Wahrheit des Heiligen Geistes leben, denken wir an die Kirche. Ein wahrer Christ achtet auf diese drei Wirklichkeiten. Wahrheit ohne Liebe wird hart; Liebe ohne Wahrheit ist willkürlich; Barmherzigkeit ohne Wahrheit verliert ihre Richtung.
Sünde entschuldigen, aber Wahrheit verschweigen?
Das bedeutet jedoch nicht, dass wir die Sünde entschuldigen oder die Wahrheit verschweigen sollen. Christus selbst zeigte das perfekte Gleichgewicht zwischen Wahrheit und Barmherzigkeit. Er liebte die Sünder, rief sie jedoch gleichzeitig zur Umkehr auf. Deshalb muss auch der Christ die Wahrheit der Kirche treu bewahren und gleichzeitig den Menschen mit Geduld, Liebe und Barmherzigkeit begegnen.
Das christliche Leben besteht darin, mit Gottes Gnade zusammenzuarbeiten und täglich in Liebe, Barmherzigkeit und Wahrheit zu wachsen. Gott schenkt die Gnade und der Mensch antwortet darauf. So wirken Gottes Gnade und der freie Wille gemeinsam am Heil der Seele und führen den Menschen immer tiefer in die Gemeinschaft mit der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.






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