Viele beschreiben Sport und Bewegung als DAS Heilmittel für alle körperlichen Leiden und als reine gute Form, um sein Leben ins Positive zu wenden. Was viele dabei aber verschweigen, ist, was es mit deinem Kopf und mit deinen Gefühlen macht.
Auch ich habe lange Zeit gedacht, dass Sport in sich gut ist und keine negativen Effekte haben kann. Doch daran habe ich mich getäuscht, denn in letzter Zeit habe ich gemerkt, was Sport eigentlich mit mir angerichtet hat.

Als der Körper plötzlich die Gefühle freisetzte
Durch meine Halbmarathon-Vorbereitung habe ich mit dem Joggen angefangen. Was dabei passiert ist, hätte ich allerdings nicht erwartet. Schon bei meinem zweiten Training ging ich etwas mehr an meine Grenzen – und nach etwa 20 bis 30 Minuten begann ich plötzlich unkontrolliert zu weinen. All die Gefühle, die Trauer, die ich monatelang in mir aufgestaut hatte, brachen einfach heraus. Es war so überwältigend, dass ich stehen bleiben musste. Ich fragte mich: Woher kommt das alles?
Die Antwort war zunächst erstaunlich einfach. Ich war erschöpft. Müde. Meine Beine und Knochen schmerzten. Und weil ich aus meiner Arbeit im Fitnessstudio weiß, dass körperliche Anstrengung und Schmerz bis zu einem gewissen Punkt zum Training dazugehören, erlaubte ich mir, genau das zu spüren. Ich sagte mir: Es ist in Ordnung, dass es gerade wehtut. Vielleicht bedeutet es sogar, dass ich etwas für mich tue.
Wenn körperlicher Schmerz plötzlich emotionalen Raum schafft
Und genau da passierte etwas, das ich bis dahin nicht verstanden hatte. Indem ich mir erlaubte, den körperlichen Schmerz wahrzunehmen, gab ich auch meinen anderen Gefühlen Raum. Plötzlich durfte auch mein Herz spüren, was ich so lange verdrängt hatte.
Damit habe ich eine Seite von Sport verstanden, die mir mein jahrelanges Studium nicht beigebracht hatte: Bewegung formt nicht nur den Körper. Sie kann auch ein Ventil für das sein, was sich in uns angestaut hat – und manchmal hilft sie uns, wieder zu hören, was unser Herz längst sagen wollte.
Sport als Ort, an dem Gefühle sein dürfen
Genau diese Seite des Sports mache ich mir inzwischen zunutze. Ich gehe nicht mehr joggen oder ins Fitnessstudio, um Frust, Wut oder Trauer einfach herauszulassen. Stattdessen versuche ich, in dem Moment, in dem ich meinen Körper fordere, genau diese Gefühle überhaupt erst zuzulassen. Mit jedem Schritt, mit jeder Wiederholung sage ich mir: Es ist in Ordnung, dass es wehtut. Und es ist genauso in Ordnung, traurig zu sein.
Das hat für mich vieles verändert. Früher habe ich Wut und Trauer genutzt, um noch mehr Kraft aufzubringen. Heute erlaube ich mir, einfach ich selbst zu sein – und auch einmal Schwäche zuzulassen.
Wieder fühlen lernen
Gerade deshalb ist diese Fähigkeit, wieder zu fühlen, für mich so wichtig geworden. Vor einigen Monaten habe ich im Urlaub eine Frau kennengelernt. Seit Jahren hatte ich mich nicht mehr auf eine Beziehung eingelassen. Vielleicht auch deshalb, weil ich mich nicht mehr getraut hatte, wirklich zu fühlen. Durch sie habe ich gemerkt, wie viel ich verdrängt hatte – und wie schwer es mir fällt, mich wieder wirklich auf einen anderen Menschen einzulassen.
Der Sport hat mir geholfen, diese Gefühle wieder wahrzunehmen. An Tagen, an denen es mir nicht gut geht oder Zweifel in mir hochkommen, nutze ich Bewegung heute nicht, um sie wegzudrücken. Ich gebe ihnen Raum. Manchmal bedeutet das auch, beim Laufen zu weinen. Für mich ist Sport dadurch zu einem Weg geworden, wieder in meinem eigenen Körper anzukommen, mich selbst anzunehmen und dadurch auch wieder Nähe zu anderen Menschen zuzulassen.
Bewegung als Weg zurück zu mir – und zu anderen
Ich weiß, das klingt vielleicht kitschig. Aber für mich war es ein entscheidender Schritt auf dem Weg, wieder jemanden lieben und Liebe annehmen zu können.
Wenn du also wirklich herausfinden möchtest, wer du bist und was du vom Leben willst, dann beweg dich. Es muss kein Marathon sein. Es kann ein Spaziergang sein, die ersten zwei oder drei Liegestütze oder genau die Übung, von der du weißt, dass sie dich herausfordern wird.
Denn Training ist nicht nur das, was Muskeln wachsen lässt. Training beginnt überall dort, wo wir unsere Komfortzone verlassen, uns bewusst einer Herausforderung stellen und uns erlauben, daran zu wachsen.






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