Es ist kein Geheimnis, dass die Welt aktuell mehr denn je aus den Fugen zu geraten scheint: Zahllose Kriege, Konflikte und Herausforderungen prägen unser Zeitgeschehen, unterbrochen vonhoffnungsvolle Geschichten. Einen Einblick in die Geschehnisse und die Perspektiven von Menschen, die sie hautnah erlebt haben, zeigt die World Press Photo-Ausstellung in Balingen.
Die Verzweiflung ist ihnen anzusehen, sie springt einem regelrecht entgegen, reißt einen mit sich. Mehrere Hände halten sich an einem Mann fest, von dem nur ein himmelblaues T-Shirt zu sehen ist. Eine Szene, wie sie in den USA traurigerweise inzwischen bekannt und gefürchtet ist: Der Mann wird gerade von der Einwanderungsbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement) verhaftet und gewaltsam von seiner Familie getrennt – ohne Gnade.

Verzweifelt und hilflos steht auch der Betrachter dieser Szene gegenüber; auch wenn er, wie ich in diesem Fall, kaum weiter entfernt davon sein könnte. Festgehalten ist diese Szene nämlich in einem Pressefoto von Carol Guzy mit dem Titel „Separated by ICE“. Es ist das Siegerfoto des diesjährigen „World Press Photo-Wettbewerbs“ (WPP) und wird noch bis 14. Juni zusammen mit weiteren Fotografien in der Balinger Stadthalle ausgestellt.
Achterbahnen der Gefühle und Schicksale
Die Auswahl war keine einfache: Aus knapp 60.000 Einsendungen von 3747 Fotografen aus 141 Ländern hat zunächst eine regionale, dann eine globale Jury die nun prämierten Fotografien in den Kategorien Einzelfotos, Serien und Langzeitprojekte ausgewählt, heißt es in einer Sonderbeilage zur Ausstellung. Nur ein Teil der Bilder wird in der Stadthalle gezeigt; die vollständige Auswahl ist in einem Buch zum Wettbewerb sowie online auf der englischsprachigen Webseite von WPP zu sehen. Insgesamt wurden dieses Jahr 44 Gewinner aus aller Welt ausgezeichnet.
Alle Fotos haben eines gemeinsam: Sie erzählen von Geschichten und Ereignissen, die sich im Verlauf des vergangenen Jahres zugetragen haben. Einblicke in Lebensgeschichten, die ein jähes Ende finden oder denen das Ende noch bevorsteht. Ein Kampf gegen Naturgewalten, Krieg, Unmenschlichkeit und Klimawandel – und von Hoffnungsschimmern im Elend. Kurz gesagt: Die World Photo Press-Ausstellung zeigt die Quintessenz unserer aktuellen Zeitgeschichte.
Geschick und Hingabe der Fotografen zeigt sich in jedem Bild

Foto: Dunja Kuster
Wie die Bilderserie „Extramuros“ von William Keo aus den Pariser Banlieues: Ghettoähnliche Wohnviertel mit Immigranten, deren Alltag geprägt ist von Straßenkämpfen, hoher Arbeitslosigkeit und Armut – in denen sich aber eine fast einmalige Verbundenheit, Menschlichkeit und Resilienz wiederfindet. Oder die pensionierte Ärztin Sheng Hailin in China, die nach dem Tod ihres ersten Kindes durch künstliche Befruchtung noch im Alter von 60 Jahren Zwillingstöchter zur Welt bringt.

Foto: Dunja Kuster
„Bilder wie diese verdeutlichen das Geschick und die Hingabe der Fotografen“, erzählt Ausstellungsführerin Silke Thiercy. Im Fall der chinesischen Seniorin habe der Fotograf Wu Fang die damals noch schwangere Frau und ihren Mann aufgesucht, ohne Kamera, und sich ihre Geschichte einfach erzählen lassen. Erst nach einigen Treffen habe er seine Kamera mitgenommen und die Familie über Jahre begleitet, woraus die Bilderserie „Motherhood at 60“ entstand.
Die Auswahl: Erst das Bild, dann der Kontext, dann der Name
Wie aber werden die Bilder für die Ausstellung ausgewählt? Thiercy zufolge ist es ein mehrstufiger Auswahlprozess: Die Jury sieht zuerst nur die Bilder ohne jeden weiteren Kontext. Wenn das Bild überzeugt, erfährt die Jury Titel und Hintergrundgeschichte des Bildes. Und erst in der letzten Auswahlrunde, wenn auch diese Infos die Jury überzeugen und zum Bild passen, dann erst lernt sie den Namen des Fotografen kennen und trifft die finale Entscheidung.
Die Situation von Journalisten weltweit wird immer schlechter
Eine eigene Entscheidung hat auch Silke Thiercy getroffen und zeigt während der Führung ein Bild der libanesischen Journalistin Amal Khalil, die über den Krieg mit Israel berichtete: Laut „Reporter ohne Grenzen“ (RoG) wurde sie am 22. April 2026 tot in den Trümmern eines Gebäudes aufgefunden, in welchem sie zuvor Zuflucht vor israelischen Luftangriffen gesucht hat. Ihre Kollegin Zeinab Faraj wurde schwer verletzt geborgen.

Foto: Dunja Kuster
Die Kritik von RoG und Silke Thiercy (selbst erfahrene Journalistin): Obwohl RoG mehrfach an die Regierung Benjamin Nethanjahus appellierte, Rettungskräften Zugang zu Amal Khalil zu ermöglichen, habe die israelische Armee verhindert, dass diese rechtzeitige Hilfe erhalte. „Die gezielte Tötung einer Zivilistin, die als Journalistin tätig ist, stellt ein Kriegsverbrechen dar“, resümiert RoG in einer Pressemitteilung.
Dieser kleine Exkurs sollte vor allem eines verdeutlichen: Die Situation von Journalisten weltweit verschlechtert sich zusehends – auch bei uns: Laut Rangliste der Pressefreiheit 2026 belegt Deutschland den 14. Platz „und wir waren mal in den Top Ten“, kommentierte Thiercy.
Düstere Aussichten und Geschichten aus dem Trotz heraus
Zurück zur Ausstellung: Zugleich erzählen viele dieser Bilder von einem „Trotzdem“, erzählt Thiercy weiter. Etwa die Fotos mit dem Titel „Farisat: Töchter des Schießpulvers“ von Chantal Pinzi: Die Pferde, Kostüme und Pulver-Lizenzen sind sehr teuer; trotzdem gehen sie einer Tradition nach, die Frauen lange Zeit von ihrer Ausübung ausgeschlossen hat. Die Bilder von Jahi Chikwendiu über einen Mann mit Darmkrebs im Endstadium; trotzdem gründet er mit seiner Frau eine Familie und erfreut sich an dem Anblick seiner wenige Tage alten Tochter, ehe er stirbt. Oder ein Hurrikan, der durch die Philippinen zieht; trotzdem entscheidet sich ein Brautpaar in Malolos dazu, die Trauung zu vollziehen und gibt sich im kniehohen Wasser das Ja-Wort, wie die Bilder mit dem Titel „Wedding in the Flood“ von Aaron Favila zeigen.
Und dann gibt es Bilder, in deren Hintergrundgeschichte sich Boten des Unheils verbergen: Wie die Bilderserie „The Last Dolphin Hunters von Matthew Abbott; die Größe der Fanalei-Insel schrumpft seit Jahren durch die steigenden Meeresspiegel und wird voraussichtlich in einigen Jahren in Gänze versunken sein. Fotos von verheerenden, großflächigen Bränden, von fliehenden Bewohnern und Feuerwehrleuten, die verzweifelt versuchen zu retten, was noch zu retten ist.

Foto: Dunja Kuster
Oder Fotos aus dem Ukraine-Krieg, die zum Beispiel eine Werkstatt zeigen, in der Hobby-Drohnen zu Instrumenten des Todes umgebaut werden, die das Elend und Zerstörung für die Angreifer in weite Ferne rücken – und weg von Bildern wie „Russian Attack on Kyiv“ von Evgeniy Maloteka, das eine Frau in blutverschmierter Kleidung zeigt, die geschockt und apathisch in die Ferne schaut; ihr Haus wurde bei einem Bombenangriff schwer beschädigt, das Haus gegenüber wurde zerstört.
Und doch gibt es Hoffnung und Frohsinn in der Welt

Foto: Dunja Kuster
In all den Geschichten über Elend, Tod und Zerstörung, Trauer und Verzweiflung gibt es aber auch Hoffnungsschimmer: Ein laut Thiercy „One-in-a-million-shot“ eines Pandas von Rob G.Green in freier Wildbahn mit dem Titel „Mountain Resident of Wanglang“. Eine Großmutter, die im Foto „A Territory of Hope“ von Priscila Ribeiro gemeinsam mit ihren Enkelkindern lacht, während sie auf die Legalisierung ihres Landbesitzes wartet – und damit auch auf Zugang zu Strom, Wasser und Abwasser. Oder das Foto von Victor J. Blue „The Trials of the Achi Women“, die nach 14 Jahren den Prozess gegen ihre Vergewaltiger und Peiniger gewonnen haben. Auch das zeigt die „World Photo Press-Ausstellung“, die so dem Betrachter das schwere Herz vielleicht ein wenig leichter werden lässt.
Wer sich selbst einen Eindruck über die Bilder vor Ort machen will: Online unter https://www.worldpressphoto.org/calendar?filter=349 sind alle Termine in Deutschland aufgelistet.






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