Wer Mut hat, wird belohnt! Der christliche Glaube ist vielfältig und bietet von unterschiedlichen Seiten Möglichkeiten zur Bereicherung des persönlichen Lebenswegs. Hilfreich kann dabei der Blick über den eigenen konfessionellen Tellerrand sein – auch beim Thema Bibel.
Katholische Skepsis
Als Untereichsfelder[1] ist mir eine gewisse skeptische Grundhaltung quasi angeboren. Neues stößt hierzulande in aller Regel zunächst auf Ablehnung – jedenfalls lösen neue Konzepte oder Ideen nur sehr selten Euphorie aus. „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht“, gilt bei uns in besonderem Maße bei Glaubensthemen, was aufgrund der bewegten Geschichte des Landstrichs nur allzu verständlich ist. Die katholische Enklave in der Mitte Deutschlands hatte es im Zuge der Reformation und durch die Teilung Deutschlands im 20. Jahrhundert nicht leicht, sich in Sachen Glauben zu behaupten. Der nötige Widerstand gegen äußere Einflüsse erklärt aber einerseits, warum die Eichsfelder ihren Glauben bewahrt haben. Andererseits erklärt er die Skepsis gegenüber allem, was nicht den bewährten Traditionen entspricht.

Bibel-Traditionen
Ich kenne das von mir selbst nur zu gut. War ich in meiner Jugendzeit der Kirche eher fern, so bin ich doch nie ausgetreten oder habe überhaupt darüber nachgedacht. Auch war für mich damals klar: Sollte ich wieder etwas mit Glauben und Kirche zu tun haben, kommt nur die Katholische Kirche infrage – eine Vorahnung, die sich bewahrheitet hat.
Der Sinn für das Altbekannte macht auch bei der Bibellektüre nicht halt. Über die alte Herder Bibel meiner Mutter lasse ich nichts kommen, war sie doch die erste Bibelausgabe, mit der ich mit Gottes Wort in Kontakt gekommen bin. In unserem Bücherregal steht außerdem an besonderer Stelle noch eine Ausgabe des Neuen Testaments, die einst meinen Großeltern gehörte. Und dass unser kleiner Sohn die gleiche Kinderbibel wie der Papa hat, ist selbstverständlich.
Wunsch nach Neuem
Da ich die alte Bibel meiner Mutter nicht vollschreiben wollte, habe ich mir vor einigen Jahren eine Standard-Ausgabe der aktuellen Einheitsübersetzung für den täglichen Gebrauch zugelegt. Obwohl ich grundsätzlich sehr zufrieden mit der Ausgabe bin, hat mich die enthaltene Übersetzung der Psalmen doch nie angesprochen. Als ich durch Lektüre einiger Kirchenväter mehr und mehr das Gefühl hatte, mich mit den Psalmen auseinandersetzen zu wollen, entstand der Wunsch nach etwas Neuem.
Die Suche nach einem geeigneten Psalter war dabei gar nicht so einfach, da ich eine handliche Ausgabe mit ansprechender Übersetzung suchte, die wirklich zum Lesen einlädt und nicht nur schick im Bücherregal aussieht.
Der Blick über den katholischen Tellerrand
Entsprechend meiner Anforderungen an das Büchlein, begann ich mich sehr schnell für Psalter abseits der katholischen Übersetzungen zu interessieren. Aber auch unter den zahlreichen Ausgaben aus protestantischer Tradition wurde ich nicht fündig.
Dann plötzlich wurde ich überrascht: Auf der Suche nach einem anderen Buch stieß ich zufällig auf einen orthodoxen Psalter, der vom russisch-orthodoxen Kloster des Hl. Hiob von Pocaev in München herausgegeben wird. Mein Interesse wurde besonders dadurch geweckt, dass die Übersetzung auf dem griechischen Alten Testament basiert, das auch von den frühen Christen verwendet wurde.
Nachdem ich mit dem Psalter bereits über viele Monate hinweg gute Erfahrungen gemacht hatte, stand zuletzt die Suche nach einem Neuen Testament an. Und wieder fand ich mich unerwartet mit einer orthodoxen Übersetzung konfrontiert: Anfang 2026 erschien tatsächlich die erste vollständige Übersetzung des Neuen Testament in deutscher Sprache aus orthodoxer Tradition. Die Übersetzung entstand unter Leitung von S’chi-Archimandrit Justin Rauer des Stavropegial-Klosters Verkündigungs-St.Justin-Einsiedelei. Mit den Einkünfte aus dem Verkauf der Bibel wird die Arbeit des Klosters direkt unterstützt.[2]
Spannend auch hier, dass die Übersetzung nicht auf dem gebräuchlichen griechischen Text des Neuen Testaments basiert, sondern auf dem sogenannten Byzantinischen Mehrheitstext, der noch heute in der orthodoxen Liturgie verwendet wird.
Bereicherung für den eigenen Glauben
Schon die ersten Kapitel des wohlbekannten Matthäus-Evangeliums hatten es in sich. Die Übersetzung kommt erfrischend daher und nimmt Abstand von altbekannten Formulierungen. Man merkt der Bibelausgabe ihre Texttreue an und kann die geistliche Herangehensweise der Bearbeiter spüren. Um ein kurzes Beispiel zu geben: Das griechische Verb für „umkehren“ wird mit „umgeisten“ übersetzt. Der neue Begriff gibt das griechische μετανοέω (metanoéō) tatsächlich noch präziser wieder, da in diesem das Wort für „Geist“ bzw. „Verstand“ (νοῦς / nûs) anklingt, während „Umkehr“ eher die physische Dimension statt der inneren Haltung betont.
Diese und andere kleine Details sorgten schon beim Lesen der ersten Seiten für viel Erstaunen und Nachdenken meinerseits. Ich hatte das Gefühl, den bekannten Text noch einmal ganz neu kennenlernen zu dürfen.
Fazit
Die erfahrene Bereicherung für den eigenen Glauben schiebe ich auf den Mut, etwas Neues auszuprobieren und den Schritt über die eigene Skepsis hinaus zu wagen. Das Wagnis wird reich belohnt.
Am Ende will ich deshalb die andere Hälfte der Eichsfelder Mentalität nicht verschweigen. Ist einmal die anfängliche Distanz verringert und die Skepsis überwunden, öffnen die Menschen doch ihr Herz für das Neue – es braucht einfach nur etwas Zeit. Aber so ist es auch mit Gott. Er möchte uns in seine Weite und seinen Reichtum führen, weiß aber am besten, dass das nicht in einem Moment geschieht.
Haben wir also Mut und nehmen wir uns die nötige Zeit, uns auf neue Glaubenserfahrungen einzulassen – abseits der ausgetretenen Pfade!
[1] Das Eichsfeld ist eine Landschaft im nordwestlichen Thüringen, südlichen Niedersachsen und nordöstlichen Hessen. Die Bezeichnung „Untereichsfeld“ bezieht sich im lokalen Sprachgebrauch auf den niedersächsischen Teil der Region.
[2] Weitere Informationen zum Kloster finden sich hier: https://st-justin.de/






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