Schon seit einigen Jahren erfreuen sich melancholische Pop-Songs großer Beliebtheit und verzeichnen teils großen kommerziellen Erfolg für die Interpreten. Aber was macht bedrückende Lieder so beliebt? Ist es einfach nur traurige Musik für traurige Menschen oder steckt da noch etwas mehr dahinter?

Ende der 2000er und Anfang der 2010er Jahre waren Elektropop und Dance-Musik international besonders angesagt. Künstler wie Lady Gaga und Katy Perry sowie DJs wie David Guetta und Avicii feierten große Charterfolge; „Party“ war das musikalische Motto der Zeit. Entsprechend waren in den Musikvideos gefüllte Clubs mit ausgelassenen Party-Gängern zu sehen. Die filmische Untermalung der Pop-Musik wurde mehr und mehr durchinszeniert im Stil kleiner Kurzfilme – Stichwort „Maximalismus“. Der Fokus wurde vom Akustischen zum Visuellen hin verschoben.
Neue Klänge
In genau diese Musiklandschaft hinein veröffentlichte Elizabeth Grant 2011 ein ruhiges, melancholisches Lied. Das zugehörige Video setzt sich aus Archivaufnahmen, alten Filmszenen und persönlichen Video-Schnipseln zusammen – „Lo-Fi“ und „Selfmade“ könnte man sagen. Grant traf mit ihrem Song einen Nerv. Nummer-Eins-Platzierungen in den Charts verschiedener Länder und hohe Verkaufszahlen legen Zeugnis darüber ab. Die britische Zeitung „The Guardian“ kürte den Titel sogar zum Song des Jahres 2011.
Bei besagtem Lied handelt es sich um Video Games, welches Elizabeth Grant unter ihrem Künstler-Pseudonym Lana Del Rey veröffentlichte. Der Song wurde wegweisend – nicht nur für ihren eigenen musikalischen Weg. Weitere Singles wie Blue Jeans oder Summertime Sadness schlugen in die gleiche Kerbe und nahmen die melancholische Grundstimmung von Video Games auf. Der traurigen Mainstream-Musik wurde damit die Bahn geebnet. Lana Del Rey prägt mit ihrem ungewöhnlichen Sound eine ganze Generation junger Künstler. Musikerinnen wie Billie Eilish oder Olivia Rodrigo nannten sie als wichtigen Einfluss ihrer eigenen Musikentwicklung. Taylor Swift bezeichnete Del Rey sogar als die „meines Erachtens einflussreichste Künstlerin des Pop“1.
Zwischen Intimität und Hollywood-Ästhetik
Lana Del Rey schafft es mit ihren Songs auf ganz unterschiedliche Weise, beim Hörer nostalgische Gefühle hervorzurufen. Die meisten ihrer Lieder sind eher langsam, das Schlagzeug wirkt – wenn vorhanden – fast schleppend. Einige Songs weisen eine geradezu minimalistische Instrumentalisierung auf. Sweet Carolina und Blue Banisters werden beispielsweise sanft von Klavier-Akkorden begleitet; Yosemite hingegen von akustischen Gitarrenklängen. Der Gesang ist abwechslungsreich von tieferen, fast gesprochenen Passagen über flüsternd gehauchte Vocals bis zu beinahe zerbrechlichen hohen Tönen geprägt.
Musik und Gesang erzeugen zusammengenommen eine gewisse Intimität, die den Hörer fesselt und den Raum für Introspektion öffnet.
Auf der anderen Seite versteht sich Lana Del Rey auf „großes Kino“: Songs wie Young And Beautiful, Carmen oder Ride sind geprägt von Streichinstrumenten und sorgen für eine gewisse filmische Ästhetik. Generell prägen traurig-epische Arrangements das Album Born to Die aus dem Jahr 2012. Nicht umsonst wurde die Musik als „Hollywood Sadcore“ bezeichnet. Auch Del Reys 2014 erschienenes Studioalbum Ultraviolence geht voll und ganz in dieser epischen Stilrichtung auf. Der Gesang wirkt teilweise fast schon gelangweilt, die schwermütige Gitarren-Musik lässt den Hörer in eine romantisierte Vergangenheit eintauchen.
Sehnsucht und Vergänglichkeit

Die nostalgische Stimmung der Musik wird in den Liedtexten thematisch aufgegriffen. Vergänglichkeit und Sehnsucht nach besseren Zeiten spielen häufig eine zentrale Rolle. So wird beispielsweise im Lied White Mustang wehmütig eine vergangene Liebe besungen: „Didn’t call when I got your number, but I liked you a lot“. Ähnlich gestaltet sich der Song California, wobei sich ganz deutliche Sehnsucht zeigt:
„If you come back to California, you should just hit me up.
We’ll do whatever you want, travel wherever how far, we’ll hit up all the old places“.
Auch der Tod geliebter Menschen wird von Lana Del Rey thematisiert; verbunden sowohl mit Hoffnungen, wie im Lied Coachella – Woodstock in My Mind, als auch mit Ängsten, wie in Dark Paradise:
„No one compares to you, I’m scared that you won’t be waiting on the other side.“
In vielen Songs, wie Chemtrails Over the Country Club oder This is what Makes Us Girls wird der Blick ganz klar auf die Vergangenheit gerichtet. In letzterem Lied besingt Lana Del Rey jugendliche Freundschaft:
„They were the only friends I ever had, we got into trouble and when stuff got bad, I got sent away, I was wavin’ on the train platform, cryin’ ’cause I know I’m never comin’ back.“
Der Hörer wird emotional mitgenommen und fühlt sich vermutlich bei dem einen oder anderen Lied an Stationen des eigenen Lebenswegs erinnert. Die Musik bietet so die Möglichkeit zur Selbstreflexion.
Singing Blues Has Been Getting Old
Gerade hier liegt das eigentliche Potenzial der melancholischen Lieder à la Lana Del Rey. Der Hörer wird in seinen Erfahrungen und Emotionen abgeholt und steht entsprechend nicht mehr allein dar. Die Musikerin schafft es vielleicht dadurch sogar, Trost zu spenden, weil der Zuhörer das Erlebte bisher nicht in Worte packen konnte. Bisher schwer zu definierende Gefühle können konkretisiert werden, wodurch ein ungeahnter Raum für Befreiung entstehen kann.
Der texanische Songwriter Townes Van Zandt, der selbst für melancholische Musik bekannt ist, bezeichnete Blues-Musik einmal als „Happy Music“. Sie gebe der Traurigkeit des Lebens einen Rahmen. Derartige Musik helfe dabei, negative Gefühle zu akzeptieren. Habe man die Traurigkeit dort abgeladen, so lasse sich der Fokus auf die schönen Seiten des Lebens richten.
Die Musik von Lana Del Rey und vergleichbaren Künstlern kann so zu einem sicheren Ort werden, um sich mit eigenen Emotionen auseinanderzusetzen. Dabei ist es natürlich wichtig, den „Blues“ irgendwann loszulassen und an die Musik „abzugeben“, anstatt sich weiter in die eigene Melancholie zu vertiefen. Bei einem solchen Loslassen können auch wieder andere, eher positive Lieder wie Radio oder Love mitwirken. Oder bereits genanntes Ride, das mit der Botschaft „Singing Blues has been Getting Old“ startet und im Hörer den Wunsch nach Freiheit anfacht.
- Quelle: YouTube, “Taylor Swift Accepts Woman of the Decade Award | Women In Music” 2019, Minute 6:27-6:31, https://www.youtube.com/watch?v=ZVpkFb9-fts. ↩︎






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