„Wie geht es dir?“, fragt mich meine beste Freundin. „Gut“ antworte ich. Oder „Mega“ oder „Super, und dir?“.
Alles Antworten, die nicht der Wahrheit entsprechen, denn in dem Moment geht es mir nicht gut. Es geht mir auch nicht sonderlich schlecht. Ein bisschen Druck hier, ein bisschen Druck da – es ist viel auf einmal. Nichts Dramatisches, aber mein Kopf ist zu voll und mein Herz auch – mit so vielen Gefühlen.
„Mir geht es super.“ Doch wie geht es dir wirklich?
Da ist Wut über Dinge, die ich nicht ändern kann; Traurigkeit über Dinge, die schief laufen; Enttäuschung, weil schon wieder etwas nicht geklappt hat …
Und dann ist da noch dieses riesengroße Gefühl: Ich bin undankbar. Undankbar für die fast unbegrenzten Möglichkeiten, die ich habe, nur weil ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren wurde. Undankbar dafür, dass es bei mir so wenige Gründe gibt, traurig zu sein.
Und doch sind die Gefühle da, und manchmal werden sie einfach zu viel …
Und dennoch antworte ich „super“. Nicht, weil es so ist, sondern weil es von der Gesellschaft so erwartet wird. Würde man auf so eine Frage mit „nicht so gut“ oder sogar „schlecht“ antworten, wären die meisten wohl sprachlos.
„Wie geht es dir“ als Beruhigung des Gewissens
Wann haben sie zuletzt jemanden gefragt, wie es ihm oder ihr geht, und sich wirklich für die ehrliche Antwort interessiert? Man stellt diese Frage nicht aus Interesse, sondern als eine Art Beruhigung für das eigene Gewissen. Damit man am Ende des Tages sagen kann: Ich kümmere mich um meine Mitmenschen. Ich frage sie, wie es ihnen geht, und höre zu.
Zuhören – das ist so ein großes Wort, das viel zu schnell verwendet wird. Ein großes Wort, das für zwei so verschiedene und dennoch so ähnliche Dinge steht.
Ich höre meinem Lehrer zu, wie er freitags in der letzten Stunde irgendetwas erklärt, während mir beinahe die Augen zufallen. Und dann höre ich meiner Freundin zu, die weinend vor mir sitzt und nicht weiß, was sie machen soll.
Wie wichtig ist „echtes Zuhören“?
So wichtig das erste Zuhören auch ist, das zweite ist das, worauf es wirklich ankommt.
Was glauben Sie, was passieren würde, hätte jeder Mensch auf dieser Welt eine Person, die ihm einfach nur zuhören würde? Die, wenn es ein Problem gibt, vor ihm sitzen würde, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten? Dann wäre die Welt ein so viel besserer Ort. Wenn die Frage „Wie geht es dir?“ auch wirklich so gemeint ist.
Wir urteilen so schnell über Menschen, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, was in ihnen vorgeht. Wir beschweren uns über die laute Mitschülerin, die nie ruhig sein kann. Dabei ist der Klassenraum der einzige Ort, an dem sie so sein kann, wie sie ist, weil das zu Hause nicht geht.
Wie ist der Mensch wirklich?
Wir beschweren uns über den Autofahrer vor uns, weil er so schnell fährt, und dabei ist er gerade auf dem Weg zu seiner schwer kranken Mutter. Manchmal wundere ich mich, wie egoistisch Menschen eigentlich sind. Wie selbstfokussiert wir unser Leben leben, immer mit der Ausrede: „Man kann ja auch nicht allen helfen, ich habe ja selbst genug zu tun.“
Wir laufen an Menschen ohne Zuhause vorbei und haben die Dreistigkeit, uns darüber zu beschweren. Vielleicht wäre die Person gar nicht erst auf der Straße gelandet, hätte ihr jemand zur rechten Zeit ein offenes Ohr geschenkt. Vielleicht hätte ein Zuhörer oder eine Zuhörerin geholfen, sie von den Nadeln fernzuhalten, über die wir alle so viel schimpfen.
Hör zu!
All das sind nur Gedanken. Gedanken, aufgeschrieben und zusammengefasst.
Aber eins ist sicher: Fangt an, euren Mitmenschen wirklich zuzuhören. Bietet euch an, egal ob ihr die Person kennt oder nicht. Denn auch das reicht schon aus.
Nicht nur, dass man jemandem zuhört, sondern allein schon das Gefühl, das ihr der anderen Person schenkt, weil sie jetzt weiß, dass jemand für sie da ist.






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