Wir alle kennen diese Momente. Alles läuft wie am Schnürchen, bis plötzlich ein dummer Fehler droht, alles zu zerstören. So ist es mir letztens ergangen.
Das „fröhliche Mitentfernen“

Ein Artikel, an dem ich einige Zeit lang saß, war plötzlich weg. Das Thema war definitiv eine Challenge, dementsprechend ist mir auch das Schreiben durchaus schwerer gefallen. Und dann das. Die ganze Arbeit – plötzlich weg?
Ich hatte dieses kleine Dokument beim Ausmisten meines PC-Speichers wohl übersehen und im Frühlings-Putz-Wahn fröhlich mitentfernt – na toll. Nun saß ich da: ohne halbfertigen Artikel, den Abend dafür fest eingeplant, um ihn endlich zu Ende zu bringen.
Was sollte ich nun mit mir und meiner Zeit anfangen? Während ich also so dasaß, fing ich an die ganze Aktion zu überdenken. Durchaus eine amüsante Story, die vielleicht auch eine Chance darstellen kann? Eine Chance, die auf einem Fehler beruht?
Ganz so dramatisch war es dann also doch nicht, ärgerlich aber dennoch. In jedem Artikel steckt schließlich sehr viel Arbeit und viel Herzblut. Das tagelange Grübeln; die verbrachten Stunden am PC; das sehnliche Warten auf den Release. Alles umsonst? Diese Fragen gingen mir durch den Kopf. Ich bin mir sicher, damit nicht alleine zu sein, denn egal ob Artikel, Kunstwerk oder das fast perfektionierte Video-Spiel. Fehler passieren – manchmal nur leider zu den scheinbar ungünstigsten Zeitpunkten, oder nicht?
Chaos – insgeheim eine Chance?
Vielleicht sind solche Momente, so nervig sie auch sein mögen, letztendlich notwendig. Fehler sind menschlich und gehören gewissermaßen zum Leben dazu. Sie zeigen uns, dass wir ,,echt“ sind. Keine Illusion. Keine Marionette, die macht, was man ihr sagt. Nein, Fehler bedeuten Chaos. Denn für einen kurzen Moment scheint alles außer Kontrolle. Fehler sind aber auch Chancen. Eine Chance zu lernen. Die Chance, sich zu verbessern. Deine Chance für einen Neuanfang.
Chaos muss nicht immer schlecht sein. Fehltritte können dein Leben zum Positiven wandeln. Sie können dich dazu anspornen, deine eigenen, scheinbar in Stein gemeißelten Grenzen neu zu formen. Dir dabei helfen, zu wachsen. Vorausgesetzt du lässt es zu.
Ein kleiner Fehler – das Ende der Welt?
Manche Menschen definieren sich durch ihre Fehler. Nichts scheint gut genug – egal, wie viele Erfolge und kleine Meilensteine sie schon erreicht haben. Was am Ende bleibt, ist das Gefühl zu versagen; den Erwartungen nicht gerecht zu werden. Die unmittelbare Gefahr: In Selbstmitleid, das sich langsam aber sicher in Selbsthass verwandelt, zu versinken. Das alles wegen eines einfachen Fehlers? Absolut unnötig.
Unsere Gesellschaft lyncht diejenigen, die es wagen, mal einen Fehler zu begehen. Ein kleiner Fehltritt und schon wirst du unter vorwurfsvollen Blicken begraben.
Social Media verstärkt dieses Phänomen. Ein Klick. Und deine Welt scheint zusammenzustürzen. Tausend fiese Kommentare. Irgendwelche x-beliebigen Personen, die sich alle für die „Queen“ höchstpersönlich halten. Als hätten diese Menschen noch nie einen Fehler begangen oder eine unkluge Entscheidung getroffen. Vielleicht entspricht das in ihrer eigenen, ziemlich abgedrehten Vorstellung sogar der Wahrheit? Wer weiß?
Fakt ist: Fehler sind menschlich und gehören zu uns, wie die Faust aufs Auge. Eine Studie zeigt: Jede und jeder von uns macht stündlich zwei bis fünf Fehler. Selbstverständlich keine weltbewegend großen Fehler, aber dennoch: Ein kleiner Versprecher oder eine unbedachte Aussage. Egal, wie groß oder klein. Fehler bieten uns die Möglichkeit, uns zu verbessern. Sie gehören zum Leben dazu und sollten dementsprechend auch nicht totgeschwiegen werden.
Ein alter “Fehler“ – bis heute relevant?
Trotz allem gelten Fehler in unserer Gesellschaft als direktes Indiz dafür, versagt zu haben. Und das, obwohl sie seit Anbeginn der Menschheit ein Teil von uns sind. 1839: Lange vor unserer Zeit gelang es Charles Goodyear, Gummi zu dem festen Gegenstand zu machen, den wir heute kennen. Das eigentlich eher flüssige Material hätte ohne einen kleinen Fehler auf Seiten des Wissenschaftlers wohl nie so funktioniert, wie es uns heute vorliegt.
Zur damaligen Zeit experimentierten diverse Forschende mit Gummi. Ihr Ziel: Das, in der Natur ursprünglich als Milchsaft vorliegende Material, widerstandsfähiger zu machen. Allerdings vergeblich. Nichts schien zu funktionieren. Bis eines Tages schließlich Goodyear den entscheidenden Treffer landete: Eine kleine Unachtsamkeit seinerseits führte zur lang ersehnten Lösung.
In Gedanken versunken, ließ er sein Gummi-Schwefel-Gemisch auf einem heißen Ofen stehen und siehe da: anstatt zu einer kümmerlichen Pfütze zu schmelzen, härtete sich das Material aus und wurde zu dem, was wir heute täglich nutzen. Beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit oder Schule, denn ohne Gummi rollen weder die Fahrradreifen noch unsere Autos und Busse.
(Positive) Fehlerkultur – So trägst auch du zu einem Wandel bei
Warum herrscht also gewissermaßen eine Totschweigekultur, was Fehler angeht? Fakt ist, Fehler passieren uns allen. Und zwar ständig. Warum also schweigen wir lieber, anstatt offen mit kleinen oder auch größeren Missgeschicken umzugehen? Ist es nicht viel authentischer einfach ehrlich zu sein und zu seinen Fehlern zu stehen?
Für eine Antwort braucht es kein Diplom in Psychologie oder ein Fachstudium: Wer offen zugibt, sich eventuell geirrt zu haben, zeigt Schwäche. Man macht sich verletzlich. Ich denke wir alle kennen den Moment, bei dem man sich wohl oder übel eingestehen muss, in einem Streit oder in einer Diskussion im Unrecht gewesen zu sein. Ein eher unschönes Gefühl. Zuzugeben, dass man selbst falsch lag? Der Großteil unter uns zögert solche Momente wohl unnötig lange hinaus, anstatt der anderen Person direkt ihr Recht einzuräumen.
„Schuldig im Sinne des Angeklagten“; kaum einer wird den obigen Punkt wohl bestreiten können. Vielmehr stellt sich die Frage, warum wir da überhaupt noch mitspielen? Wäre es nicht viel schöner, wenn wir uns gegenseitig Raum bieten würden, um eigene Fehler einzuräumen?
Nur so kann man schließlich auch daraus lernen. Schweigen wir unsere Fehler ständig tot oder versuchen sogar, sie zu vertuschen, geben wir uns selbst keine Chance, angemessen zu reflektieren, sondern versinken in einem Konstrukt aus notdürftigen Lügen und Kompromissen. Stattdessen könnten wir, jede und jeder Einzelne unter uns, dazu beitragen, dass sich diese ,,Fehlerkultur“ in etwas Positives verwandelt. Indem wir selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Indem wir Andere nicht für ihre Fehler abstrafen, sondern sie für ihren Mut und ihre Ehrlichkeit feiern, kreieren wir Stück für Stück eine offenere Gesellschaft, in der das Miteinander dominiert.






Einblick in 25 Ausgaben “Excellence and Leadership”: eine in Deutschland einmalige Veranstaltungsreihe
Sehr guter Artikel Sophie. Ganz toll geschrieben und so wahr. Weiter so!
Ich feier dich für deine Artikel 🙂