In Zeiten von sich rasend schnell weiterentwickelnden KI-Tools stellt sich immer wieder die Frage, ob KI bald womöglich herkömmliche Verfahren ersetzen wird. Das betrifft nicht nur berufliche, politische und wirtschaftliche Kontexte, sondern auch Situationen im Bildungsbereich und Privatleben.
Dass sich die Frage gestellt wird, ob künstliche Intelligenz die verschiedensten Tätigkeiten ersetzen kann, zeigt die große Unsicherheit bezüglich der Zukunft, aber auch ein nicht zu unterschätzendes Vertrauen in die Möglichkeiten von KI – unter positiver wie negativer Auffassung. Doch das Potential von KI wird in einigen Fällen womöglich überschätzt.
Alles rein eine Frage des Könnens?
Die Einsatzmöglichkeiten von KI werden in der Regel danach beurteilt, was KI kann und wozu die Tools in der Lage sind. Auch, wenn das eine grundlegend Voraussetzung ist, gerät dabei eine wichtige Überlegung aus dem Fokus: Was nützt uns das? Und daran anknüpfend: Wollen wir das?
Als Beispiel lässt sich die Frage anführen, ob es in Zeiten von KI unnötig sein wird, Bücher zu lesen. Die Annahme dahinter ist, dass KI immer verlässlicher und korrekter dazu in der Lage ist, Bücher zusammenzufassen, zu erklären und so alle Informationen aus dem Text in übersichtlicher Kürze darbieten kann. Man selbst müsse daraufhin nicht mehr selbst das Buch lesen, was womöglich 400-mal so lang ist wie die KI-Zusammenfassung.
Bücher zusammenfassen lassen – Wollen wir das?
Studien zeigen, dass KI bereits heute als Tool zum Erstellen von Zusammenfassungen sehr beliebt ist. [1] Als Gründe dafür werden vor allem Zeitersparnis und die einfachere Zugänglichkeit genannt. Allerdings muss hierzu angemerkt werden, dass es sich um akademische Kontexte wie Schul- oder Unilektüren handelt. Diese werden in der Regel gelesen, um am Unterricht teilhaben zu können und sich Wissen anzueignen.
Doch daneben gibt es das Lesen im privaten Alltag, das weder einem Zwang noch primär der Informationserlangung dient. Als Gründe, warum sie lesen, nennen Menschen in der Regel das “Eintauchen” in die fiktionale Welt, die Spannung und den Spaß beim Lesen, aber auch damit verbundene Vorteile wie Empathiesteigerung und Entspannung. [2]
All sowas kann eine Zusammenfassung nicht ersetzen: Der Leseprozess und die Involviertheit gingen verloren. Warum sollten Menschen, die aus diesen intrinsisch motivierten Gründen heraus lesen, dies in Zukunft nicht mehr tun, nur weil es möglich wäre?
Die Situation abseits des Lesens
Was am Beispiel von Lesen erklärt wurde, lässt sich auf viele weitere Tätigkeiten übertragen. Die Können-Wollen-Abwägung trifft auch auf viele Bereiche außerhalb von KI zu: Viele Kunden präferieren persönlichem Kontakt beim Einkaufen, [3] obwohl sie online oder an Selbstbedienungskassen gehen können.
Tagebuchschreiben ist nach wie vor beliebt, [4] obwohl dies online oder gar per Sprachnachricht viel einfacher und schneller gehen würde. Manchmal geht man lieber spazieren, obwohl man mit dem Fahrrad oder Auto in kürzerer Zeit am Ziel wäre. Menschen kochen und backen, obwohl man alles inzwischen als Fertigprodukte bekommt.
Die Liste ließe sich beliebig weit fortsetzen.
Natürlich steht außer Frage, dass es einen Wandel gibt und immer mehr mit KI gemacht werden kann und auch wird. Man sollte sich allerdings bei Überlegungen dazu bewusst sein, dass es ebenso ein Hilfsmittel für eine Tätigkeit ist wie alle anderen Hilfsmittel. Wenn es sich als hilfreich für das, was ich erreichen möchte, erweist, kann ich es nutzen.
Wenn es jedoch nicht meinem Ziel zugutekommt, werde ich es nicht nutzen, mögen noch so viele andere potentielle Vorteile damit verbunden sein. Denn möglich ist Vieles, doch seit wann tut man es nur aus diesem Grund?
[1] Siehe beispielsweise Sonix: 26 Statistiken zur KI-gestützten Zusammenfassung, die jeder Fachmann im Jahr 2026 kennen sollte. 4.7.2026. Online unter: https://sonix.ai/resources/de/statistiken-zur-ki-gestutzten-zusammenfassung/ [zuletzt aufgerufen am 6.8.2026].
[2] Siehe beispielsweise BR1: Lesen macht glücklich. Online unter: https://www.br.de/radio/bayern1/lesen102.html [zuletzt aufgerufen am 6.8.2026].
[3] Siehe KPMG: Trends im Handel 2025. Erfolgreich in Zeiten von Omni-Business. S. 9.
[4] Siehe beispielsweise Stiftung für Zukunftsfragen: Der Reiz des Schreibens: Wieso Tagebuch führen unser Wohlbefinden steigert. Online unter: https://www.stiftungfuerzukunftsfragen.de/der-reiz-des-schreibens-wieso-tagebuch-fuehren-unser-wohlbefinden-steigert/ [zuletzt aufgerufen am 6.8.2026]






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