Kaum ein Thema berührt so tief – und bleibt zugleich so oft im Verborgenen: Die Geschichten hinter einer Abtreibung sind immer sehr persönliche Geschichten – von inneren Konflikten, Ängsten und Fragen, die oft lange nachwirken. Und doch geht es nicht nur um Schmerz, sondern auch um die Sehnsucht nach Heilung, Versöhnung und einem neuen Anfang. Diana Koppelt vom Jugend-Online-Magazin f1rstlife hat mit Sonja Horswell gesprochen. Sie leitet SaveOne Europe und begleitet seit vielen Jahren Menschen auf ihrem Weg der Verarbeitung und Heilung.

Frau Horswell, was hat Sie persönlich dazu bewegt, sich Menschen in Schwangerschaftskonflikten und später auch der Begleitung nach einer Abtreibung zu widmen?
Mit 21 Jahren hatte ich eine prägende Begegnung mit Gott, die mein Leben grundlegend verändert hat. Damals wusste ich, dass ich einmal mit verletzten und zerbrochenen Menschen arbeiten würde – nur noch nicht mit welcher Zielgruppe. Später leitete ich 15 Jahre lang eine Schwangerenberatungsstelle in Wien. Gemeinsam mit meinem Team entwickelten wir konkrete Alternativen zur Abtreibung für Frauen in Not. Rund 95 Prozent der Frauen und Paare entschieden sich schließlich für ihr Kind.
In dieser Zeit hatte ich den Eindruck, dass Gott mir zeigte, wie ich Heilung und Wiederherstellung nach einer Abtreibung nach Österreich bringen konnte. Nach einem Jahr gemeinsamen Gebets war klar: Wir möchten SaveOne in Österreich und später europaweit aufbauen, um das Tabu rund um das Thema Abtreibung zu durchbrechen.
Wenn Sie sich an Ihre ersten Begegnungen mit Betroffenen zurückerinnern – was hat Sie damals besonders berührt oder vielleicht auch herausgefordert?
Die ersten Betroffenen kamen über Kirchen, christliche Gemeinden sowie Psychologen, Psychotherapeuten und Beratungsstellen zu uns. Besonders bewegt haben mich die tiefen Tränen, die große Verzweiflung und die seelische Not, die viele Menschen bereits beim ersten Gespräch mitbrachten.
Manche waren suizidgefährdet. Sie wussten, dass sie ihre Entscheidung nicht mehr rückgängig machen konnten, waren jedoch oft nie über mögliche seelische und psychische Folgen einer Abtreibung aufgeklärt worden.
Mit den psychischen Folgen, unter denen viele Menschen leiden, werden Sie als Beraterin direkt konfrontiert und müssen mit diesen umgehen lernen: Was war für Sie besonders schwierig, als Sie begonnen haben, Menschen in Situationen nach einer Abtreibung zu begleiten?
Eine meiner größten Herausforderungen war ein Gottesdienst, in dem mein damaliger Pastor mich bat, SaveOne vorzustellen. Anschließend kamen zehn Frauen unterschiedlichen Alters auf mich zu und baten um Hilfe. Damals hatte ich jedoch noch kein Team, das mich bei der Begleitung unterstützen konnte.
Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie groß der Bedarf ist. Wenn wir Menschen ohne Verurteilung begegnen und konkrete Hilfe anbieten, öffnen sie sich oft erstaunlich schnell. Viele betroffene Frauen, Männer und Jugendliche sitzen auch heute noch in unseren Kirchen und Gemeinden, ohne passende Unterstützung zu finden.

Bei SaveOne Europe bieten Sie ein 10-Schritte-Programm an, das Männern und Frauen hilft, nachhaltig zu heilen und ihre Beziehungen wiederherzustellen: Was sind die wichtigsten Inhalte auf diesem Weg?
Im Mittelpunkt steht zunächst, Gott als liebevollen und vergebenden Vater kennenzulernen – nicht als jemanden, der verurteilt. Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Vergebung: gegenüber Menschen, die an den damaligen Ereignissen beteiligt waren oder sie durch Fehlinformationen verletzt haben, aber auch sich selbst gegenüber.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist, dem ungeborenen Kind einen Namen, eine Identität und einen Platz in der Familie zu geben. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer schreiben ihrem Kind einen persönlichen Brief. Dieser Schritt hilft vielen dabei, den Heilungsprozess bewusst abzuschließen.
In der Arbeit von SaveOne Europe spielt der christliche Glaube eine wichtige Rolle. Viele Frauen und Männer mit Abtreibungserfahrungen haben jedoch keine persönliche Gottesbeziehung oder verstehen sich nicht als gläubig. Inwiefern stehen die Hilfsangebote auch diesen Menschen offen?
Unsere Hilfsangebote stehen jeder Frau und jedem Mann zur Verfügung. Beim unverbindlichen Erstgespräch wird erklärt, worum es im Aufarbeitungskurs konkret geht. Die Betroffenen, die keine persönliche Gottesbeziehung haben, können ihre Ängste, Unsicherheiten und Skepsis ansprechen und Fragen stellen.
Wir erarbeiten in diesem Gespräch gemeinsam, welches Hilfsangebot, sei es SaveOne, Psychologen oder Berater, für sie am besten passt. Derzeit arbeiten wir mit rund 50 Prozent gläubigen und 50 Prozent nicht gläubigen Betroffenen.
Gibt es Gefühlsmuster, die Ihnen in der Begleitung besonders häufig begegnen?
In den vergangenen 15 Jahren sind mir immer wieder ähnliche Belastungen begegnet: Albträume, Schlafstörungen, Schuld- und Schamgefühle, emotionale Leere, Depressionen, Suizidgedanken, Wut, Niedergeschlagenheit sowie Schwierigkeiten in Beziehungen. Manche berichten auch von belastenden Gefühlen beim Anblick von Babys oder erleben den Jahrestag der Abtreibung beziehungsweise den errechneten Geburtstermin als besonders schmerzhaft.
Aus meiner christlichen Überzeugung heraus glaube ich, dass Abtreibung nicht Gottes ursprünglichem Gedanken von Familie entspricht. Deshalb bin ich überzeugt, dass sie Folgen hinterlässt – manchmal unmittelbar, manchmal erst viele Jahre später.
Viele Betroffene sprechen kaum über ihre Erfahrungen. Warum sitzt dieses Schweigen oft so tief?
Viele Frauen erleben nach einer Abtreibung eine tiefe innere Zerrissenheit. Was ihnen zuvor als einfache Lösung oder kleiner medizinischer Eingriff vermittelt wurde, empfinden sie später häufig als schmerzliche Erfahrung. Hinzu kommen Angst vor Ablehnung, Scham und die Sorge, verurteilt zu werden.
Gerade weil viele gehofft hatten, die Abtreibung würde ihre Not lösen, fällt es ihnen oft besonders schwer, über ihre Gefühle zu sprechen. Doch Heilung beginnt dort, wo dieses Schweigen endet.

Was macht es mit einem Menschen, wenn diese Gefühle über lange Zeit keinen Raum bekommen?
Viele Frauen wissen bereits zu Beginn der Schwangerschaft, dass sie ein Kind erwarten. Um eine Abtreibung psychisch bewältigen zu können, werden diese damit verbundenen Gefühle häufig verdrängt. Dadurch bleibt oft auch der Trauerprozess aus. Das wirkt sich auf die seelische und manchmal auch körperliche Gesundheit aus und zeigt sich beispielsweise in einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) mit unterschiedlichen Folgeerscheinungen.
Ich erlebe außerdem, dass manche Frauen durch die unterdrückten Gefühle emotional verhärten oder ihre innere Wut unbewusst an ihren lebenden Kindern auslassen. Für diese Kinder ist das oft nicht nachvollziehbar. Wenn die Mutter ihre Abtreibung aufarbeitet, darüber spricht und um Vergebung bittet, kann Versöhnung innerhalb der Familie entstehen.
Wenn wir selbst helfen möchten: Was wäre ein erster konkreter Schritt, um dieses Schweigen, von dem Sie sprachen, behutsam zu durchbrechen?
Der wichtigste erste Schritt ist, Betroffenen ohne Verurteilung zu begegnen. Wer Annahme erfährt, findet leichter den Mut, Hilfe anzunehmen. Hilfreich ist es außerdem, auf psychologische, seelsorgerliche oder pastorale Unterstützungsangebote hinzuweisen – ohne Druck auszuüben.
Wenn eine Freundin merkt, dass es jemandem nach einer Abtreibung nicht gut geht, kann sie einfach zuhören und behutsam fragen: „Brauchst du Hilfe?“ oder „Wie kann ich dich unterstützen?“ Oft ist allein dieses ehrliche Interesse ein wichtiger Anfang.
Was ist dann im weiteren Umgang besonders wichtig, damit sich Betroffene wirklich öffnen können?
Betroffene brauchen vor allem einen geschützten und vertrauensvollen Rahmen, in dem sie sich ihrem Trauma stellen können. SaveOne verfügt inzwischen über rund 60 Anlaufstellen in 15 europäischen Ländern. Die Aufarbeitungskurse finden sowohl online als auch – wenn möglich – vor Ort statt. Entscheidend ist, dass jede Hilfe unkompliziert, niedrigschwellig und zeitnah erreichbar ist.
Woran merken Sie, dass Ihre Begleitung den Menschen wirklich weiterhilft?
Unsere Begleitung orientiert sich am Wort Gottes. Ich erlebe immer wieder, dass Wahrheit, liebevoll ausgesprochen, Veränderung ermöglichen kann. Es berührt mich, wenn Menschen neue Lebensfreude gewinnen, innere Lasten ablegen, Beziehungen wiederhergestellt werden und die belastenden Folgen ihrer Abtreibung ganz oder weitgehend verschwinden.
Gibt es Begegnungen, die Sie bis heute besonders bewegen?
Ja, viele. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Ehepaar, das sich bereits trennen wollte und über eine Paarberatungsstelle zu uns kam. Während der Aufarbeitung entschuldigte sich der Ehemann bei seiner Frau dafür, sie damals in ihrer Entscheidung für das Kind nicht unterstützt zu haben.
Diese Entschuldigung löste ihre tiefe Bitterkeit auf. Gemeinsam konnten sie die Abtreibung aufarbeiten. Frieden kehrte in ihre Ehe zurück, und ihre Beziehung bekam eine neue Chance. Solche Momente berühren mich bis heute sehr. Für mich war er ein eindrückliches Beispiel dafür, wie Versöhnung und der christliche Glaube Menschen und Beziehungen neue Hoffnung schenken können.

SaveOne Europe richtet sich ausdrücklich auch an Männer. Welche Folgen erleben Männer nach einer Abtreibung – und worüber wird Ihrer Meinung nach zu wenig gesprochen?
Das hängt stark davon ab, ob der Mann das Kind wollte oder nicht. Wenn er das Kind nicht wollte, erlebt er die Schwangerschaft häufig vor allem als Problem, das gelöst werden muss. Dahinter stehen oft verdrängte Verantwortung und eine ablehnende Haltung gegenüber der eigenen Vaterschaft.
Ganz anders ist die Situation bei Männern, die ihr Kind behalten wollten, es aber nicht schützen konnten. Viele erleben diese Ohnmacht als tiefen Verlust. Sie verlieren Vertrauen in sich selbst, manchmal auch in Gott oder andere Autoritäten. Schuldgefühle, Ängste, Depressionen oder aufgestaute Wut können die Folge sein. Manche entwickeln außerdem ein geringes Selbstwertgefühl, innere Leere oder Schwierigkeiten, stabile Beziehungen zu führen.
Was ist gerade für Männer besonders wichtig, wenn sie beginnen, sich mit diesen Erfahrungen auseinanderzusetzen?
Zunächst ist wichtig zu wissen: Sie sind nicht allein. Viele Männer haben ähnliche Entscheidungen getroffen und vergleichbare Gefühle erlebt. Ebenso wichtig ist die Hoffnung, dass Heilung möglich ist. Es gibt einen Weg zu Frieden, Vergebung und Wiederherstellung. Entscheidend ist, das Erlebte nicht zu verdrängen, sondern sich bewusst damit auseinanderzusetzen und darüber zu sprechen.
Welche Elemente sind aus Ihrer Sicht entscheidend, damit echte Heilung möglich wird?
Aus meiner christlichen Überzeugung beginnt Heilung dort, wo Menschen sich ihrer Geschichte ehrlich stellen und sie nicht länger verdrängen. Viele erleben es als befreiend, Schuld, Trauer und Schmerz auszusprechen und diese nicht mehr allein tragen zu müssen.
Im Rahmen unseres Zehn-Schritte-Programms spielen deshalb Vergebung, Versöhnung und die Auseinandersetzung mit dem Verlust eine zentrale Rolle. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen neue Hoffnung gewinnen, wenn sie lernen, sich selbst anzunehmen, Vergebung zuzulassen und ihrem ungeborenen Kind einen würdigen Platz in ihrer Lebensgeschichte zu geben. Für mich gehören dabei Gottes Liebe und seine Vergebung wesentlich zum Heilungsprozess.
Sie begegnen täglich viel Schmerz und schweren Lebensgeschichten. Wie gelingt es Ihnen, innerlich stabil zu bleiben?
Ich bin ein sehr strukturierter Mensch und kann klare Grenzen setzen. Dadurch gelingt es mir, belastende Geschichten nicht dauerhaft mit nach Hause zu nehmen. Meine Kraft schöpfe ich vor allem aus dem Gebet sowie beim Schwimmen und Wandern. Wenn es notwendig ist, nehme ich außerdem Supervision in Anspruch.
Was möchten Sie Menschen mit auf den Weg geben, die noch ganz am Anfang stehen und Angst davor haben, sich ihren eigenen Gefühlen zu stellen?
Ich möchte ihnen Mut machen, zunächst ganz unverbindlich Kontakt zu einer unserer Leiterinnen aufzunehmen – per WhatsApp, E-Mail oder Telefon. Ein erstes Gespräch kann helfen, herauszufinden, ob und wann der richtige Zeitpunkt für den nächsten Schritt gekommen ist. Hilfreich sind oft auch die Videoberichte von Menschen, die diesen Weg bereits gegangen sind. Sie machen deutlich: Heilung ist möglich.
Was gibt Ihnen persönlich Hoffnung, wenn Sie auf Ihre Arbeit und die Zukunft blicken?
Hoffnung gibt mir vor allem, zu sehen, wie viele Menschen nach ihrer Aufarbeitung neue Perspektiven gewinnen. Mittlerweile haben rund 45.000 Frauen und Männeran SaveOne-Angeboten teilgenommen. Viele von ihnen ermutigen heute selbst Frauen und Paare in Schwangerschaftskonflikten und geben ihre Erfahrungen weiter, um eine Entscheidung für das Kind zu stärken. Notfälle gibt es viele, aber ein Kind nur einmal.
Zuversichtlich stimmt mich außerdem, dass wir europaweit immer mehr Leiterinnen und Leiter ausbilden. Dadurch wächst die Aufklärung über die seelischen Folgen einer Abtreibung ebenso wie das Angebot für Menschen, die Heilung und Wiederherstellung suchen.
Frau Horswell, vielen Dank für das Gespräch.

SaveOne Europe ist ein christlich geprägtes Hilfs- und Beratungsangebot für Frauen und Männer, die eine Abtreibung erlebt haben. Herzstück ist ein auf biblischen Prinzipien basierendes Zehn-Schritte-Programm, das Betroffene auf ihrem Weg der Aufarbeitung, Heilung und Wiederherstellung begleitet.
Der gemeinnützige Verein unter der Leitung von Sonja und Chris Horswell gehört zu einem internationalen Netzwerk, das in den USA gegründet wurde und heute in zahlreichen Ländern aktiv ist. Das Angebot richtet sich ausdrücklich an Frauen, Männer, Paare und Familien. In Einzel- oder Gruppenkursen werden Themen wie Trauer, Schuld, Verlust, Identität und Vergebung in einem geschützten Rahmen bearbeitet. Ziel ist es, Betroffenen einen Raum zu geben, ihre Geschichte auszusprechen, Verständnis zu erfahren und neue Hoffnung für ihren weiteren Lebensweg zu gewinnen.
Weitere Informationen: www.saveoneeurope.org
Die Filmdokumentation „Lass uns reden“ zeigt darüber hinaus authentische Erfahrungsberichte von Frauen und Männern zum Thema Abtreibung und Heilung. Weitere Informationen dazu unter www.lassunsreden.film sowie auf YouTube.






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