Wenn Regina Lynch über ihre Reise nach Venezuela spricht, findet sie deutliche Worte. Die Geschäftsführende Präsidentin des internationalen katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“ (Aid to the Church in Need, ACN) beschreibt die Situation in den Ende Juni von schweren Erdbeben getroffenen Regionen als „apokalyptisch“. Was sie vor Ort gesehen hat, habe selbst sie, die weltweit Krisengebiete besucht, tief erschüttert.

„Ich hatte nicht mit einem solchen Ausmaß der Zerstörung gerechnet“, berichtet Lynch nach ihrer Rückkehr. „Wenn man überall die Trümmerberge sieht, wie schwere Baumaschinen sich durch die Schuttmassen arbeiten und wie ganze Wohnblocks unbewohnbar geworden sind, dann ist das sehr bedrückend.“
Nach offiziellen Angaben kamen inzwischen mehr als 5.000 Menschen ums Leben. Tausende weitere wurden verletzt oder haben ihr Zuhause verloren. Ganze Stadtviertel liegen in Trümmern, Straßen sind zerstört und viele Menschen wissen nicht, wo sie die nächste Nacht verbringen sollen. Doch mitten in dieser Katastrophe zeigt sich etwas, das vielen Betroffenen neuen Mut gibt: die Kirche.
Venezuela kämpft seit Jahren mit Krisen
Die Erdbeben treffen ein Land, das bereits seit vielen Jahren unter schwierigen Bedingungen lebt. Venezuela befindet sich seit Langem in einer tiefen wirtschaftlichen und sozialen Krise. Hyperinflation, Versorgungsengpässe, eine hohe Armut und die Auswanderung von Millionen Menschen haben die Gesellschaft stark belastet. Viele Familien verfügen ohnehin nur über das Nötigste.
Gerade deshalb trifft eine Naturkatastrophe die Bevölkerung besonders hart. Wo staatliche Strukturen vielerorts an ihre Grenzen stoßen, übernehmen häufig Kirchengemeinden, Ordensgemeinschaften und ehrenamtliche Helfer Verantwortung. Sie kennen die Menschen vor Ort, genießen Vertrauen und können oft schneller reagieren als andere Organisationen.

„Es war wie in einem Bienenstock“
Besonders beeindruckt zeigte sich Regina Lynch vom Einsatz der katholischen Kirche.
„Man erkennt, wie gut die Kirche in Venezuela organisiert ist. Überall arbeiten Freiwillige mit großem Einsatz zusammen. Es war wie in einem Bienenstock“, erzählt sie nach dem Besuch einer kirchlichen Verteilstelle für Hilfsgüter.
Priester, Ordensschwestern und zahlreiche Ehrenamtliche verteilen Lebensmittel, Trinkwasser, Kleidung und Medikamente. Gleichzeitig koordinieren sie Unterkünfte für Familien, organisieren Hilfslieferungen und begleiten Menschen, die alles verloren haben.
Gerade in einer Situation, in der viele Betroffene nicht wissen, wie ihre Zukunft aussehen wird, wird die Kirche zu einem Ort der Orientierung und Hoffnung.
Nicht nur Häuser sind zerstört – auch Herzen
Die Delegation von „Kirche in Not“ begegnete während ihrer Reise nicht nur materieller Not. Viele Menschen leiden unter schweren psychischen Belastungen.
In einem katholischen Krankenhaus in La Guaira hatten Mitarbeitende selbst Angehörige verloren oder ihre Häuser eingebüßt. Zwei Ärzte kamen bei der Katastrophe ums Leben. Trotzdem setzen viele ihren Dienst fort und kümmern sich um Verletzte und Traumatisierte.
Deshalb wird sich die Hilfe des Hilfswerks nicht allein auf Lebensmittel oder Baumaterial beschränken. „Kirche in Not“ will auch die psychologische und seelsorgliche Begleitung der Betroffenen unterstützen. Denn nach einer Katastrophe brauchen Menschen oft nicht nur ein neues Dach über dem Kopf, sondern auch jemanden, der ihre Trauer mitträgt und ihnen neue Hoffnung schenkt.
Gismelys Geschichte: Hoffnung trotz schwerer Verletzungen
Besonders bewegte die Delegation die Begegnung mit der 31-jährigen Gismely. Sie überlebte den Einsturz ihres Wohnhauses und stürzte aus dem zwölften Stockwerk. Dass sie diesen Fall überlebte, grenzt an ein Wunder. Dennoch verlor sie ein Bein. Viele Menschen würden angesichts einer solchen Erfahrung verzweifeln. Doch Gismely erzählt, dass sie durch die Begleitung einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin ihrer Pfarrei neuen Lebensmut gefunden habe.
„Ich weiß, dass es ohne mein Bein nicht einfach sein wird, aber mein Leben ist mehr als das“, sagt sie.
Ihre Worte zeigen eindrucksvoll, was christliche Hoffnung bedeutet. Sie blendet Leid nicht aus. Sie behauptet auch nicht, dass alles wieder gut wird. Aber sie vertraut darauf, dass Gott den Menschen auch durch dunkelste Zeiten trägt und dass Würde und Hoffnung nicht von Gesundheit oder Besitz abhängen.
Eine Gemeinde trauert um den Großteil ihrer Mitglieder
Wie groß das Ausmaß der Katastrophe tatsächlich ist, zeigt eine weitere Begegnung.
Die Mitarbeiter von „Kirche in Not“ sprachen mit einem Pfarrer, in dessen Gemeinde 80 Prozent der Gemeindemitglieder durch die Erdbeben ums Leben gekommen sind.
Es ist kaum vorstellbar, was das für eine Pfarrgemeinde bedeutet. Ganze Familien wurden ausgelöscht. Freundschaften, Nachbarschaften und jahrzehntelang gewachsene Gemeinschaften sind innerhalb weniger Minuten zerbrochen.
Auch kirchliche Gebäude wurden schwer beschädigt. Im Priesterseminar von La Guaira wurden mehrere Gebäudeteile zerstört. Bischof Pablo Modesto Gonzalez Perez und seine Seminaristen überlebten nur knapp. Doch statt sich von der Katastrophe entmutigen zu lassen, richtet der Bischof den Blick nach vorn.
„Wir sind hier, um dieses Land wieder aufzubauen. Ich glaube, dass dies derzeit eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche ist.“
Seine Worte machen deutlich, was Kirche im Kern ausmacht: Sie versteht sich nicht nur als Verkünderin des Evangeliums, sondern auch als Gemeinschaft, die Menschen konkret begleitet – gerade dann, wenn sie alles verloren haben.
Soforthilfe und langfristiger Wiederaufbau
Unmittelbar nachdem das Ausmaß der Katastrophe bekannt geworden war, stellte „Kirche in Not“ 100.000 Euro Soforthilfe bereit. Mit diesen Mitteln werden Priester, Ordensschwestern und Ehrenamtliche unterstützt, die die pastorale und humanitäre Hilfe koordinieren und den Überlebenden zur Seite stehen.
Doch die Hilfe soll langfristig weitergehen.
Derzeit prüft das Hilfswerk zusätzliche Projekte. Dazu gehören unter anderem:
- der Wiederaufbau zerstörter kirchlicher Einrichtungen,
- die Unterstützung traumatisierter Menschen,
- seelsorgliche Begleitung,
- Hilfen für Gemeinden und kirchliche Ausbildungsstätten.
Denn gerade Kirchen, Pfarrhäuser und Gemeindehäuser werden nach Naturkatastrophen häufig zu wichtigen Anlaufstellen für die Bevölkerung.
Christliche Hoffnung zeigt sich im Handeln
Naturkatastrophen werfen immer wieder schwere Fragen auf: Warum lässt Gott Leid zu? Warum trifft es oft gerade diejenigen, die ohnehin schon unter schwierigen Bedingungen leben? Auf viele dieser Fragen gibt es keine einfachen Antworten.
Das Christentum verspricht nicht, dass Leid ausbleibt. Aber es erzählt von einem Gott, der selbst Leid erfahren hat und Menschen darin nicht allein lässt. Jesus Christus begegnete den Leidenden nicht mit schnellen Erklärungen, sondern mit Nähe, Mitgefühl und konkreter Hilfe.
Genau darin sieht auch „Kirche in Not“ seinen Auftrag. Die Hilfe beginnt nicht erst beim Wiederaufbau von Häusern. Sie beginnt dort, wo Menschen füreinander da sind, zuhören, trösten, teilen und gemeinsam neue Hoffnung wagen. Regina Lynch fasst ihre Eindrücke deshalb in einem Satz zusammen, der nach ihrer Reise eine besondere Bedeutung gewonnen hat:
„Zum Glück gibt es die Kirche in Venezuela.“
Gerade in einer Situation, in der vieles zerbrochen ist, wird sie für unzählige Menschen zum Ort der Hoffnung – und erinnert daran, dass christlicher Glaube nicht nur in Worten besteht, sondern sich vor allem in gelebter Nächstenliebe zeigt.






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