Psychische Erkrankungen und verhaltensauffälliges Verhalten sind in den letzten Jahren die häufigste Ursache für Krankenhausaufenthalte bei Jugendlichen und Kindern geworden. Und leider ist diese Zahl in den letzten 20 Jahren immer weiter gestiegen. Depressionen sind dabei die häufigste diagnostizierte Erkrankung (Statistisches Bundesamt 2026).

Meine ersten Ängste hatte ich mit 15. Angst, dass mein Freund mich verlässt, Angst vor der Zukunft, Angst in die Schule zu gehen. Begleitet wurden diese Ängste von dunklen, deprimierenden Gedanken. Wie ich meine depressiven Phasen überwunden habe und was ich für meine Zukunft daraus gelernt habe, möchte ich mit dir in diesem Artikel teilen.
Über das Thema der psychischen Erkrankungen wird viel zu sehr geschwiegen, dabei betrifft es so viele von uns. Ich möchte dir mit diesem Artikel Mut machen, dass es viele Angebote gibt, viele Wege den Umgang mit der Erkrankung zu verbessern und wieder Hoffnung zu bekommen.
Wichtiger Hinweis: In diesem Beitrag geht es um psychische Erkrankungen. Schau bitte nach dir, falls es dir gerade nicht so gut geht. Scrolle sonst gerne einfach nach unten zu den Hilfsmitteln.
Da dies ein sehr sensibles Thema ist und ich hier offen sprechen möchte, haben wir beschlossen, diesen Artikel anonymisiert auf firstlife zu setzen. Falls du Fragen hast, schicke diese gerne an die Redaktion, sie leitet mir diese dann weiter.
Meine Erkrankung – Angststörung und Depression
Meine erste stärkere Erkrankungsepisode kam während einer unsicheren Jobsituation. Ich war auf der Suche nach einer neuen Tätigkeit, die mir Spaß machen könnte und wo ich mich erstmal wohlfühlen würde. Doch ich wurde nicht so richtig fündig, arbeitete nebenbei für Startups für wenig Geld, fand einen Minijob im Verkauf, aber hatte so sehr Angst, etwas „Festes“ zu finden, dass eine Therapeutin mir empfahl, in eine Tagesklinik zu gehen.
Ich kannte die Angebote der Psychiatrischen Kliniken bis dahin gar nicht. Für mich kamen immer nur die Menschen in die Psychiatrie, die selbstmordgefährdet oder schizophren sind. Leider ist die Psychiatrie in unserer Gesellschaft viel zu negativ belastet. Im Endeffekt sind psychische Erkrankungen Krankheiten wie viele anderen auch und diese werden nun mal im Krankenhaus behandelt!
Meine Ängste waren zu diesem Zeitpunkt so groß, dass ein solches Angebot wie ein Hoffnungsschimmer klang. Ich gehe dort 2-3 Monate hin und danach wird es mir besser gehen. Die Ärzte dort werden das schon schaffen. Ich hatte eine sehr utopische Vorstellung davon, was in so einer Klinik passiert. Ich dachte, ich arbeite einfach drei Monate intensiv ganz viel an mir, die haben da bestimmt ganz neue Methoden und dann wird das schon „weg gehen“.
Aufgefangen und “einfach sein”
Ich habe die Tage vor dem Klinikaufenthalt nicht geschlafen, mir war schlecht aus Angst, was da passieren würde und mir wurde bereits in der ersten Woche der Zahn gezogen, dass nach diesem Aufenthalt alles gelöst ist. Doch ich habe auch gemerkt, dass man mich mit meinen Sorgen dort ernst nahm. Ich wurde aufgefangen und durfte einfach sein: schlecht gelaunt, ängstlich, besorgt.
Niemand hat diese Gefühle wegwischen wollen oder nicht ernst genommen. In einer Tagesklinik geht man im Vergleich zu einem stationären Aufenthalt nach den Therapien nachmittags wieder nach Hause. Das heißt, man schläft zuhause und hat nur tagsüber Angebote in der Klinik. Die Idee dahinter ist, wieder einen regelmäßigen Alltag zu erleben, Gleichgesinnte zu treffen (was viel wichtiger ist, als man vorher denkt!) und durch die Angebote wieder Schritt für Schritt in die Bewegung und ins Leben zu kommen.
Außerdem werden in der Klinik auch körperliche Ursachen für deine Erkrankung ausgeschlossen. Ich hatte nach den drei Monaten dort das Gefühl, nicht wirklich etwas „erreicht“ oder „getan“ zu haben. Ich habe mir solch‘ einen Druck gemacht, dass ich meine Schritte, die ich dort gemacht habe, gar nicht gesehen habe.
Doch die netten Pflegekräfte haben mir diese sehr liebevoll aufgezeigt. Das Ende dieser Zeit hat mir sehr viel Angst gemacht, weshalb ich noch ein leichtes Antidepressivum mit auf den Weg bekommen habe. In der Klinik bekommt man eine offizielle Diagnose. Diese braucht die Krankenkasse zur Abrechnung und sie hilft auch den Therapeutinnen und Therapeuten zur Einordnung. Ich habe die Diagnose Angststörung mit depressiven Tendenzen erhalten. Solch‘ eine Diagnose kann sich aber auch ändern.

Schritt für Schritt…
Wichtig ist, dass man bereits während der Klinikzeit nach einer Therapeutin / einem Therapeuten sucht, für die Zeit danach (falls man noch niemanden hat). Bei der Verschreibung von Medikamenten braucht es auf lange Sicht zusätzlich einen Psychiater – das ist der Arzt, der Psychopharmaka, also in meinem Fall das Antidepressivum, verschreiben darf. Am Anfang kann dies aber auch erstmal der Hausarzt bzw. die Hausärztin übernehmen. Ein guter Psychiater*in ist Gold wert! Such‘ da bitte nach jemandem, bei dem du dich verstanden und aufgehoben fühlst. Das ist unfassbar wichtig!
Als ich aus der Klinik kam, habe ich beschlossen, kleinere Schritte zu gehen und mich nicht so stark zu überlasten. Ich habe erstmal ein halbes Jahr auf einem Biohof mitgearbeitet. Das hat mir sehr gutgetan. Ich war viel draußen, habe mit den Händen gearbeitet und war abends fix und fertig. Es gab keine großen Anforderungen an mich, da klar war, dass ich das zum ersten Mal mache.
Die Ängste und depressiven Gedanken waren nicht einfach weg, aber sie haben sich langsam aber heimlich immer mehr aus meinem Leben geschlichen, ohne dass ich, außer den wöchentlichen Therapiesitzungen, irgendetwas dagegen gemacht habe. Oder doch: Ich habe etwas gemacht, ich habe viel genauer auf mich und meine Bedürfnisse geschaut: wie es mir gerade geht, was ich brauche und was mir gerade guttun würde. Dazu gehörten auch immer wieder kleine Mediationseinheiten. Gerade morgens früh 10 Minuten hat mir das unfassbar gutgetan.
Nach dem halben Jahr war ich fit wieder genug, um in einen „richtigen“ Job einzusteigen. Ich fing zu meinem Erstaunen sogar ohne Angst in einer Stadtverwaltung auf einem Projekt an. Mir hat es gerade zu Beginn richtig Spaß gemacht. Ein nettes Team, spannende Aufgaben, mal ein völlig neuer Einblick. Nach einem halben Jahr dort, habe ich dann beschlossen meine Antidepressiva auszuschleichen. Es ging mir gut, der neue Job hat mir eine neue Perspektive aufgezeigt.
Was sollte ich wissen?
Wichtig dabei zu wissen: Solche Medikamente kann man nicht von heute auf morgen einfach absetzen. Das würde zu starken Stimmungsschwankungen führen. Deshalb schleicht man diese Medikamente aus. Das heißt, man nimmt über Wochen immer weniger Gramm davon.
Doch leider änderten sich dann langsam die Konditionen auf meiner Arbeitsstelle. Einige Kolleg*innen verließen das Team, die Verwaltungsspitze erschwerte uns das Arbeiten und der dunkle Herbst tat sein Übriges. Ich bemerkte bei mir immer wieder ein ungutes Gefühl, vor allem, wenn ich auf der Arbeit war. Zum Teil saß ich tageweise allein im Büro, hatte kaum Aufgaben und bemerkte auch bei meinen Kolleg*innen immer mehr Unmut.
Die Stimmung kippte nicht nur bei mir. Doch als auch ein zweiwöchiger Urlaub keine Besserung brachte, legte meine Therapeutin mir nah, mit den Medikamenten wieder zu beginnen. Ich rutschte immer tiefer in die dunkle Stimmung, weinte am Schreibtisch oder auf der Toilette im Büro, fühlte mich allein, bekam Angst, diese Situation aushalten „zu müssen“, was mich wieder trauriger und hilfloser machte. Irgendwann war klar, ich muss mich krankschreiben lassen.
Wichtig: JA, du kannst und DARFST dich auch wegen psychischer Belastung krankschreiben lassen! Das ist völlig in Ordnung! Genauso wie der Rücken überlastet sein kann, kann auch das Gehirn bzw. die Seele überlastet sein! Am besten wird man dabei von einem Psychater*in unterstützt, zu Beginn kann aber auch der Hausarzt*in helfen!
Was kann mir helfen?
Darauf folgten mehrere Wochen, in denen es mir nicht so gut ging. Ich habe gottlob das Privileg, eine Partnerin zu haben, die mich auffing. Sie kaufte ein, kochte und versuchte, mich jeden Abend zu überreden etwas zu essen. Sie ermutigte mich, draußen Spaziergänge zu machen und nahm mir den Druck, möglichst bald wieder funktionieren zu müssen.
Wichtige Hilfspunkte von meiner Therapeutin waren, sich einen Wochenplan zu schreiben. Dort sind vor allem die Essenszeiten einzutragen (Auch wenn ich in der ganz schlimmen Zeit kaum essen konnte, das geht aber auch wieder vorbei!) und vormittags und nachmittags jeweils eine Stunde etwas machen, was einem gut tut. Idealerweise 1x davon vor die Tür gehen. Ich konnte in dem Moment nicht spüren, was mir gut tut, ich habe Sachen gemacht, von denen ich von früher wusste, dass sie mir guttun. Vor allem Sachen, die keine großen Herausforderungen darstellen. Malen nach Zahlen, Puzzeln, Spazieren gehen, mit Freunden telefonieren, Sudoku etc.
Ich denke, im Nachhinein war gar nicht die Erkrankung an sich das Schlimmste, sondern das Gefühl des Kontrollverlustes und des Drucks, möglichst schnell wieder „zu funktionieren“. Deshalb ist einer meiner wichtigsten Ratschläge: Lass‘ dir die Zeit, die du brauchst! Und das ist super individuell. Ja, komplettes Verkriechen hilft nicht, aber man darf sich auch mal zwei oder drei Tage einfach auf dem Sofa einkuscheln und durchschlafen. Das hat mir richtig gutgetan. Es war wie eine Art Reset und hat mir geholfen, die darauffolgenden Weihnachtsfeiertage doch zu meiner Familie fahren zu können.
Ich war dann tatsächlich mit meiner Partnerin auf einer dreiwöchigen Reise. Dort ging es mir so unfassbar gut, das war echt krass – wie ausgewechselt. Ich habe dadurch begriffen, es ist nicht mein Kopf oder meine Seele, die das Problem hat, es ist meine Umgebung, mein Job, der mich krank macht! Das war für mich eine sehr wichtige Erkenntnis. Zurück aus dem Urlaub kamen die schlimmen Gefühle wieder und es war klar, dass ich wieder in eine Tagesklinik gehen werde. Ich habe dann außerdem meinen Job gekündigt, denn es war nach dieser Erfahrung für mich klar, dass ich dort nicht mehr hin zurück möchte.
Wichtiger Tipp: Wenn du deinen Job aufgrund einer Erkrankung kündigst, egal über körperlich oder eben psychisch, kannst du durch eine VOR der Kündigung ausgestellten Bescheinigung deines Arztes*in, versuchen beim Arbeitslosengeld nicht gesperrt zu werden. Diese Bescheinigung beinhaltet, dass es medizinisch notwendig war und empfohlen wurde, dass die Kündigung erfolgt. Ich habe dieses Schreiben beim Arbeitsamt eingereicht, musste dann noch Unterlagen ausfüllen, wurde aber am Ende nicht gesperrt und habe sofort Arbeitslosengeld erhalten. Das hat mich sehr entlastet.
Wichtigste Anlaufstellen
- 116117 – Darüber bekommst du sehr schnell einen Notfalltermin bei einem Therapeuten oder einer Therapeutin. Ich habe freitags angerufen und hatte montags morgens einen Termin. Diese Person stuft dann ein, was du als Nächstes brauchst. Stationärer Klinikaufenthalt, Tagesklinik, Therapie etc.
- Die Notfallambulanz der nächsten psychiatrischen Klinik. Auch psychiatrische Kliniken haben eine Art Notaufnahme. Dort kannst du jederzeit vorstellig werden, wenn du das Gefühl hast, du brauchst akut Hilfe und kannst vor allem gerade nicht mehr allein zuhause leben. Man muss dort leider häufig länger warten, doch es wird dir dann direkt geholfen und in einem gemeinsamen Gespräch geschaut, was du gerade brauchst. Sie können dich immer dortbehalten, wenn du das brauchst! Ich möchte dir da auch die Angst nehmen! Du entscheidest immer mit, ob du dortbleiben möchtest oder nicht! Und so komisch und beängstigend es sich vielleicht auch erstmal anfühlt, alle Menschen, die ich in der Klinik getroffen habe, war eigentlich sehr nett! – Bei Suizidgedanken gehst du bitte sofort dorthin!
- Hausarzt*in – Sie können dir helfen, einen Therapieplatz zu bekommen und dich fürs Erste auch Krankschreiben! Leichte Beruhigungsmittel und erste körperlichen Ursachen können sie auch ausschließen.
- Therapeut*in – Fang frühzeitig an jemanden zu finden, denn es ist leider in den meisten Gegenden in Deutschland als gesetzlich versicherte Person schwer, Plätze zu bekommen. Lass dich ruhig auf 3 oder 4 Wartelisten setzen.
- Psychiater*in – Das sind die Ärzte, die in der Regel für die Verschreibung von Medikamenten zuständig sind. Sie schreiben dich dann auch in der Regel krank. Es ist dabei super wichtig, dass du dir jemanden suchst, bei dem*der du dich richtig wohl und verstanden fühlst. Leider ist das nicht in jeder Praxis der Fall, doch ich habe durch Wechseln immer wieder jemanden gefunden! Das Vertrauen, dass diese Praxis immer für mich da ist, ich im Notfall schnell einen Termin bekomme und dort immer Verständnis erhalte, hat mir sehr viel Last von den Schultern genommen.
- Nummer gegen Kummer 116111 etc. Es gibt auch immer mehr regionale, themenspezifische Angebote für die Telefonseelsorge. Nutze sie sehr gerne, wenn du schnell jemanden zum Reden brauchst. Es gibt noch eine Telefonseelsorge unter 116123, die mir bekannt ist.
- Notfallnummer Suizidgedanken: 112 – die holen dich ab, egal wo du gerade bist und helfen dir direkt! Bitte zögere nicht dort anzurufen.
Denk immer dran: Es wird wieder gut! Mein Körper braucht das gerade, ich gebe ihm diese Zeit, aber es wird auch wieder gut werden!
Quellen:
Statistisches Bundesamt 2026: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/04/PD26_N021_23.html (18.06.2026).






Mit einem Klick alles weg – Der verschwundene Artikel
Schreibe einen Kommentar