Kirchen werden zusammengelegt, Gottesdienstbesucher werden weniger und viele Menschen haben kaum noch Berührungspunkte mit dem Glauben. Während viele Bistümer in Deutschland darüber nachdenken, wie sie mit diesen Entwicklungen umgehen können, setzt das Erzbistum Köln auf einen ungewöhnlichen Ansatz: Es gründet neue Gemeinden.
Das Konzept dahinter heißt „Church Planting“ – ein Begriff, der in Deutschland noch relativ unbekannt ist, in anderen Ländern aber bereits seit Jahrzehnten praktiziert wird. Doch was genau steckt dahinter? Und warum glaubt das Erzbistum Köln, dass ausgerechnet neue Gemeinden die Kirche erneuern können?

Was bedeutet „Church Planting“ überhaupt?
Wörtlich übersetzt bedeutet „Church Planting“ so viel wie „Kirchenpflanzung“. Gemeint ist damit die Gründung neuer christlicher Gemeinden.
Anders als bei einer klassischen Pfarrei geht es dabei nicht darum, bestehende Strukturen zu verwalten oder zu erhalten. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage: Wie können Menschen erreicht werden, die mit Kirche bislang wenig oder gar nichts anfangen können?
Die Idee dahinter ist einfach: Wenn Menschen nicht mehr selbstverständlich in die Kirche kommen, muss Kirche neue Wege finden, auf Menschen zuzugehen. Das Erzbistum Köln beschreibt Church Planting deshalb als Antwort auf Gottes Sehnsucht nach den Menschen und auf den Auftrag Jesu, den Glauben weiterzugeben.
„Jeder Mensch hat das Recht, die Botschaft des Evangeliums zu hören: dass er oder sie zutiefst geliebt und bedingungslos angenommen ist von dem, der alles Sein ins Dasein gerufen hat.“ Mit diesen Worten begründete Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki das Projekt bereits in seinem Fastenhirtenbrief 2025.

Mehr als nur ein neuer Gottesdienst
Wer bei einer Gemeindegründung lediglich an einen zusätzlichen Sonntagsgottesdienst denkt, greift zu kurz. Church Planting verfolgt einen umfassenderen Ansatz. Neue Gemeinden sollen Orte sein, an denen Menschen Glauben entdecken können – unabhängig davon, ob sie bereits kirchliche Erfahrungen haben oder nicht.
Dazu gehören Gottesdienste ebenso wie Lobpreisabende, Glaubenskurse, Kleingruppen, soziale Projekte und persönliche Begleitung. Das Ziel ist also nicht nur, bestehende Christen zu versammeln, sondern insbesondere Menschen anzusprechen, die bisher kaum Kontakt zur Kirche hatten.
Die Verantwortlichen sprechen deshalb häufig von „missionarischen Gemeinden“ – Gemeinden also, die aktiv auf Menschen zugehen und ihnen ermöglichen wollen, Christus kennenzulernen.
Die Idee kommt aus England
Der Ursprung des Kölner Projekts liegt nicht in Deutschland, sondern in Großbritannien.
Dort hat die anglikanische Kirche in den vergangenen Jahrzehnten umfangreiche Erfahrungen mit Gemeindegründungen gesammelt. Besonders das Gregory Centre for Church Multiplication (CCX) in London gilt inzwischen als eines der bekanntesten Ausbildungszentren für Church Planting weltweit.
Entstanden ist die Zusammenarbeit durch die Begegnung zwischen Kardinal Woelki und dem anglikanischen Bischof Ric Thorpe (Foto oben). Aus diesem Kontakt entwickelte sich eine Partnerschaft, durch die Erfahrungen aus rund vier Jahrzehnten Gemeindegründung nach Köln übertragen wurden.
Die Verantwortlichen betonen allerdings, dass das Konzept nicht einfach kopiert wurde. Vielmehr sei es an den katholischen und deutschsprachigen Kontext angepasst worden.

Vier Orte, vier Teams, ein gemeinsames Ziel
Im September 2025 wurden die ersten Teams offiziell ausgesandt.
Insgesamt entstehen derzeit vier neue Gemeindegründungen im Erzbistum Köln:
- St. Rochus in Düsseldorf-Pempelfort
- St. Marien in Wuppertal-Barmen
- St. Pius in Köln-Zollstock
- die Erzbischöflichen Schulen St. Ursula und Elisabeth von Thüringen in Brühl
Hinter jeder Gründung steht ein Team aus drei Personen: ein Priester, eine Referentin für Gemeindegründung sowie ein Lobpreisleiter oder eine Lobpreisleiterin.
Die Verantwortlichen orientieren sich dabei bewusst am Vorbild Jesu, der seine Jünger ebenfalls nicht allein aussandte. Diese Teams sollen zunächst kleine Gemeinschaften aufbauen, Beziehungen knüpfen, Menschen einladen und neue Formen kirchlichen Lebens entwickeln.
Warum setzt das Erzbistum auf dieses Modell?
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Seit Jahren verliert die Kirche in Deutschland Mitglieder. Gleichzeitig wächst die Zahl der Menschen, die keinen Bezug mehr zum Glauben haben. Viele Gemeinden kämpfen mit sinkenden Besucherzahlen und einer älter werdenden Gemeinschaft.
Church Planting setzt genau an diesem Punkt an. Statt ausschließlich auf den Erhalt bestehender Strukturen zu setzen, soll bewusst Neues entstehen. Die Hoffnung: Neue Gemeinden können Menschen erreichen, die sich von traditionellen Angeboten nicht angesprochen fühlen. Dabei geht es den Verantwortlichen nicht nur um Wachstum im Sinne größerer Zahlen. Vielmehr soll eine Kultur entstehen, in der Menschen ihren Glauben aktiv leben und weitergeben.
Ein Experiment mit offenem Ausgang
Die Initiatoren betonen selbst, dass es keine Erfolgsgarantie gibt.
„Planung ist alles – aber Pläne sind nutzlos. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit einem guten Konzept, großartigen Teams und einer professionellen Vorbereitung und Begleitung viel für das Gelingen von Church Planting im Erzbistum Köln tun können.“ Das sagt Tabea Wiemer, Leiterin des Fachbereichs Evangelisierung und verantwortlich für die Church-Planting-Projekte im Erzbistum Köln.
Gleichzeitig macht sie deutlich, dass die Initiatoren ihre Arbeit nicht allein als organisatorisches Projekt verstehen: „Wir wissen aber auch: alles beginnt und ist getragen im Gebet, alles gründet auf dem Vertrauen auf den Heiligen Geist und Gottes Wege sind nicht immer unsere Wege.“
Kann Church Planting die Kirche verändern?
Genau diese Frage wird sich in den kommenden Jahren beantworten müssen. International gibt es zahlreiche Beispiele, in denen neue Gemeinden gewachsen sind und Menschen neu für den Glauben begeistert haben. Gleichzeitig sind die gesellschaftlichen Voraussetzungen in Deutschland anders als etwa in Großbritannien oder den USA.
Für das Erzbistum Köln ist Church Planting deshalb auch ein Lernprozess. Die Vision reicht dabei weit über die ersten vier Standorte hinaus. Die neuen Gemeinden sollen langfristig selbst wieder neue Gemeinden hervorbringen. Die Verantwortlichen sprechen von „geistlicher Multiplikation“ – einer Entwicklung, bei der aus einer Gemeinde mehrere neue Gemeinschaften entstehen.
Noch steht dieses Projekt am Anfang. Doch die Idee dahinter ist ambitioniert: Statt nur auf den Rückgang von Kirche zu reagieren, möchte das Erzbistum Köln wieder Wachstum wagen. Oder anders gesagt: Während vielerorts über das Schrumpfen der Kirche gesprochen wird, stellt Church Planting eine andere Frage – was wäre, wenn Kirche auch heute noch wachsen könnte?






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