Zuletzt geriet der Kölner Dom aufgrund geplanter Eintrittskosten ab der zweiten Jahreshälfte in die Schlagzeilen. Ob mit oder ohne Eintritt: Das seit 1996 als UNESCO-Welterbestätte ausgezeichnete gotische Gebäude ist auch und gerade wegen seiner Schätze einen Besuch wert. Neben dem bekannten Dreikönigsschrein beherbergt der Innenraum das sogenannte „Gerokreuz“.

Quelle: Elke Wetzikg (elya), Wiki Commons (CC3)
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Was ist „Monumentalplastik“?
Entscheidende Datierungsansätze, die im kunsthistorischen Sinn durch Richard Hamann sowie durch die dendrochronologische Untersuchung von 1976 durch Ernst Holstein, Rolf Lauer, Bernhard Matthäi und Christa Schulze-Senger erfolgt sind, ordnen das Gerokreuz als eine der ältesten Monumentalplastiken ins 10. Jahrhundert ein.
Die in der Kunstgeschichte bis zum Beginn des letzten Drittels des 11. Jahrhunderts andauernde Epoche ottonischer Kunst galt zunächst als Geburt postantiker Monumentalplastik. Großplastische Arbeiten sind jedoch bereits für die Spätantike und die karolingische Epoche nachgewiesen. Die im Begriff enthaltene Monumentalität ist lediglich als Abgrenzung zu kleinplastischen Werken zu verstehen. Erhaltene Zeugnisse der ottonischen Monumentalskulptur bieten vor allem Marienfiguren, die Heiligenfigur der heiligen Fides in Conques und die Monumentalkruzifixe. Den ottonischen Monumentalkruzifixen vorausgegangen waren verschiedenste Entwicklungen innerhalb der karolingischen Zeit.
Im Zuge des byzanthinischen Bilderstreits verwarfen die im Auftrag Karls des Großen geschriebenen Libri Carolini sämtliche Bilderverehrung. In diesem Zusammenhang ließen diese das Kreuz neben dem gemalten Christus ausschließlich bildlos und als geistlichen Aspekt existieren. Doch beschreibt bereits der Bischoff Jonas von Orléans (760-843) die Daseinsberechtigung von Kruzifixen im Sinne der Erinnerung an die Leiden Christi in seiner Schrift De cultu imaginum gegen Mitte des 9. Jahrhunderts. Die Wertschätzung für die ottonische Monumentalskulptur ist im Fall der heiligen Fides in Conques, deren Gestalt bereits im 9. Jahrhundert entstand und deren erhaltene Fassung der ottonischen Monumentalskulptur des 10. Jahrhunderts zugerechnet wird, durch die erhaltene Quelle des Geistlichen Bernhard von Angers belegt. Somit war die Herausbildung einer mittelalterlichen Monumentalskulptur im Sinne der Monumentalkruzifixe zu Beginn der ottonischen Zeit bereits vollzogen. Das Gerokreuz knüpft als ottonisches Monumentalkruzifix an spätantike und karolingische Bildtraditionen an und ist als eine Fortführung bereits bestehender Bildtraditionen zu verstehen.
Erzbischof Gero und die „Heilung“ des Kreuzes

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Neben einer Vielzahl weiterer Bildwerke gilt das Gerokreuz als das älteste erhaltene Zeugnis ottonischer Monumentalkruzifixe und ist nach Ansicht der Forschung im 10. Jahrhundert entstanden. Das dritte Buch der Chroniken des von 1009 bis 1018 amtierenden Bischofs Thietmar von Merseburg (975/976-1018) beschäftigt sich u. a. mit dem vermeintlichen Wunder der „Heilung“ eines Kreuzes durch den von 969 bis 976 amtierenden Erzbischof Gero von Köln.
Innerhalb der kunsthistorischen Forschung gilt Thietmars Chronik als erster Quellenbeweis, dass es sich bei jenem Kreuz um das im heutigen Kölner Dom stehende Gerokreuz handeln muss. Dadurch gilt Gero gleichfalls als Stifter des Kreuzes. Laut der Erzählung sei Gero in der Lage gewesen, einen Spalt im Haupt mithilfe einer Hostie, eines Splitters des Kreuzes sowie durch demütiges Beten zu schließen. Nach dessen Tod im Jahr 976 befand sich das Kreuz auf der Grabstätte Geros im Alten Dom aus karolingischer Zeit.
Nach der Zerstörung des Alten Doms im Jahr 1248 durch einen Brand wurde das Kreuz um 1270 über dem Altar der Stephanuskapelle aufgestellt. Belegt ist dies durch ein erhaltenes Altarbild der Stephanuskapelle, das zwischen den Darstellungen Geros rechts und des heiligen Stephanus links einen schmalen Wandstreifen Platz für die Aufstellung des Kreuzes bereitstellte. Durch die Restaurationsarbeit Wilhelm Batzems (Lebensdaten unbekannt) im 19. Jahrhundert ist die Rahmenarchitektur in der ursprünglichen Unterbrechung jedoch fortgeführt. Um 1350 gelangte das Gerokreuz an seinen heutigen Standort an der Ostwand der Kreuzkapelle. 1683 errichtete der Domherr Heinrich von Mering (1620-1700) für das Gerokreuz einen Marmoraltar mit
Inschrift und Halterung für das Kreuz inklusive des Hintergrundes einer strahlenden Sonne. Weitere Restaurationstätigkeiten Batzems im Jahr 1904 ließen eine entstellte Farbfassung entstehen, die heute nahezu kaum erhalten geblieben ist.
Das Kreuz und die Christusfigur

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Die Größe des Kreuzes unterstreicht die Wirkung der Monumentalität. Das Kreuz als solches ist mit aus Eichenholz bestehenden, überbreiten, flachen Brettern angefertigt und misst im Längs- und Querbalken jeweils eine Länge von 2,85 m und 1,98 m. Die Balkenbreite beträgt in etwa 40 cm. 54 kg schwer hinterfängt das Kreuz nahezu vollständig die 1,87 m große und 36,5 kg schwere Figur des gekreuzigten Christus, welche ebenfalls aus Eichenholz angefertigt ist. Die Spannweite der Arme der Figur beträgt 1,65 m.
Oben am Längsbalken befindet sich ein 20 cm hoher und 49 cm breiter Titulus, der ein wenig über dem Kreuz auslädt und dessen Inschrift „INRI“ in schwarzen, gotischen Majuskeln nachträglich hinzugefügt worden ist. Als Teil des Kreuzes befindet sich hinter dem Haupt Christi ein mit Halbedelsteinen besetzter Nimbus mit 50,5 cm Durchmesser, bei dem nicht eindeutig geklärt ist, ob dieser im 12. oder erst im 13. Jahrhundert hinzugefügt wurde.
Die Figur Christi trägt im Unterkörperbereich ein die Oberschenkel überdeckendes Lendentuch, das durch Faltenbrüche einen blechartigen Eindruck vermittelt und auf Höhe der Lenden zu einem komplizierten Knotengeflecht beziehungsweise Zingulum geformt ist. Das Lendentuch legt sich dicht auf die ausgewinkelten Oberschenkel und setzt sich vor allem in diesem Bereich aus Parallelfalten zusammen. Zwischen den Beinen bildet das Tuch Spitzfalten. Die Anfertigung des Lendentuchs wird, zusammen mit der Existenz zahlreicher kleiner Nagellöcher am Kreuzbalken, auch als dafür gewertet, dass der Bildschnitzer Kenntnisse im Gebrauch von Gold- und Silberblech besaß.
Darstellung der Christusfigur

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Der Rücken der Figur ist ausgehöhlt. Die Figur ist durch die Handinnenflächen am Kreuz und durch die Füße an einem knapp beschnittenen Suppedaneum festgenagelt. Der Oberkörper der Figur liegt an den Armen und Schultern eng am Kreuz und weicht nach links aus, während Unterkörper und Oberschenkel sich immer weiter vom Kreuz ablösen, um schließlich durch die angenagelten Füße wieder zum Kreuz zu finden. Der Kopf ist mit geschlossenen Augen und herabgezogenen Mundwinkeln auf die rechte Brust gesunken und unterstreicht die Wirkung eines bereits verstorbenen, gekreuzigten Christus.
Die gedehnten Brustmuskeln sind uneben, da der rechte Muskel durch Einwirkung des gesunkenen Hauptes nach rechts gedrückt wird, während der linke durch den linken Arm nach oben gezogen wird. Die Existenz eines Reliquienrepositoriums (Aufbewahrungsort für Heiligenreliquien), geschweige denn eines Hohlraumes im Haupte Christi, wie es ein nicht unerheblicher Teil der Forschung annahm[1], ist seit der dendrochronologischen Untersuchung von 1976 widerlegt. Die Oberschenkel weichen, ebenso wie der Oberkörpers, nach rechts aus, während die Unterschenkel durch die genagelten Füße nach links ausweichen. Knie und Unterschenkel sind durch Knochen, Gelenke und Muskeln detailreich ausgearbeitet. Der Fokus der Darstellung des Körpers liegt nicht auf dem Material, sondern auf dem naturähnlichen Abbild des Gekreuzigten und der Erinnerung an den Erlösertod Christi im Typus des rex patiens.
Fazit
Trotz der Restaurationstätigkeiten Batzems ist das Kreuz bemerkenswert gut erhalten und stellt nicht den materiellen Wert, sondern die naturähnliche Darstellung des Gekreuzigten und die Erinnerung an den Erlösertod Christi in den Fokus. Für diejenigen, die sich abseits der üblichen Sehenswürdigkeiten außerhalb und innerhalb des Kölner Doms auch mit den anderen Kunstschätzen beschäftigen wollen, sei für das Gerokreuz als klare Empfehlung ausgesprochen.
Weiterführende Literatur
- Beer, Manuela: Ottonische und frühsalische Monumentalskulptur. Entwicklung, Gestalt und Funktion von Holzbildwerken des 10. und frühen 11. Jahrhunderts. In: Beuckers, Klaus Gereon, Cramer, Johannes, Imhof, Michael (Hsg.): Die Ottonen. Kunst – Architektur – Geschichte. Petersberg (2002), S. 129-152.
- Hamann, Richard: Grundlegung zu einer Geschichte der mittelalterlichen Plastik Deutschlands. In: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft. 1. Band, Marburg (1924), S. 15-18.
- Holstein, Ernst et al.: Das Gero-Kreuz im Kölner Dom. Ergebnisse der restauratorischen und dendrochronologischen Untersuchungen im Jahre 1976. In: Kölner Domblatt 41. Köln (1976), S. 9-56.
- Klein, Bruno: Das Gerokreuz. Revolution und Grenzen figürlicher Mimesis im 10. Jahrhundert. In: Klein, Bruno, Wolter von dem Knesebeck, Harald (Hsg.): Nobilis arte manus. Festschrift zum 70. Geburtstag von Antje Middeldorf Kosegarten. Dresden (2002).






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