Ein letzter Brief in meiner Serie „Briefe an meine Tante Anja“ soll dieses Jahr ihren Geburtstag hervorheben, der seit ich denken kann ein wichtiges Datum für die ganze Familie war – seit sie nicht mehr bei uns ist, ist da eine Lücke, doch die Erinnerung an meine wundervolle Tante bleibt…

Liebe Anja,
ich schaue in meinen Kalender und realisiere, dass für mich der 15. August für immer ein wichtiges Datum sein wird: dein Geburtstag. Und doch ist es hart zu wissen, dass ich ihn weder heuer noch nächstes Jahr mehr mit dir feiern kann. Du bist nach Hause gegangen und feierst wenn dann mit Jesus im Himmel.. Eine bessere Party kann dir mit Sicherheit keiner ausrichten!
Ich erinnere mich an deinen 47. Geburtstag vor vier Jahren. Damals wohntest du noch bei Oma und Opa zuhause. Die Diagnose „Demenz“ stand schon im Raum und ich weiß noch, wie ich dir immer wieder klar machen wollte, dass heute ein ganz besonderer Tag ist. Dein Tag. Doch so richtig begreifen konntest du es nicht, aber du hast immer wieder gelacht und dich auch über Besuch und Geschenke gefreut.
Ist es wichtig, dass man sich selbst feiert am Geburtstag? Du hast das für mich irgendwie in Frage gestellt. Mit dem gelben Luftballon hatten wir viel Spaß und auch gemeinsam anzustoßen bei festlichen Anlässen, da warst du gern dabei, hast gestrahlt über’s ganze Gesicht. Vielleicht, weil du dich in solchen Momenten so richtig erwachsen und zugehörig gefühlt hast? Es war jedenfalls immer wieder schön, dich so glücklich zu erleben.

Am liebsten erinnere ich mich an die Jahre vorher, an meine Kindheit, in der du so präsent und so prägend warst. Einfach ein Teil unserer Familie. Du hast mir so viele Berührungsängste genommen, mir und meiner Schwester von klein an neue Horizonte eröffnet, einfach durch deine Art und wer du bist und was dich ausmacht, auch dein Alltag…
Als Kind war ich manchmal irritiert von anderen im Rollstuhl oder die bestimmte Gehbehinderungen hatten, aber es gehörte einfach dazu und ich glaube das hat uns alle empathischer gemacht. Und auch gezeigt für was man dankbar sein kann, wenn man ohne Beeinträchtigung durch‘s Leben gehen darf.Und hinter jedem Einzelnen standen Familien, die sich hingebungsvoll kümmerten.

Ich erinnere mich an einen Besuch bei dir in der Werkstatt, früher warst du noch eine der Fitteren, führtest selbstständig die Arbeitsaufträge aus, ob das Kartons falten oder Lumpen zusammenlegen oder eine Steckarbeit war. Das hat dir immer viel Freude bereitet.
Später als es dir nicht mehr so gut ging, durftest du auch töpfern oder malen. Mir wurde das erst als Erwachsene bewusst, was dir da auch abverlangt wurde, du hast eine 40h Woche gearbeitet, in der Früh wurdest du mit dem Taxi abgeholt und am späten Nachmittag wieder gebracht… Welch eine Leistung!
Und auch, welche Geduld und Planung es für Oma und Opa brauchte, dich jeden Tag pünktlich mit Frühstück im Bauch und bereit für den Tag vor’s Haus zu begleiten. Du warst ja nicht die Einzige, die mitfahren wollte. Und wie schwer es dir fiel, wenn dann mal Urlaub war. Das hast du uns oft im Kalender gezeigt, besonders auch, wenn freitags manchmal noch ein Treffen der Lebenshilfe war oder du auf eine Freizeit mit durftest, das war für dich besonders schön und die Betreuer mochten dich auch immer sehr.
Als es dir dann in späteren Jahren schwerer fiel mit dem Aufstehen, freutest du dich über jedes Wochenende und Frühstück im Bett. Dein Leben war ziemlich durchgetaktet, eigentlich bis es wirklich nicht mehr ging und du pflegerische Hilfe im Altenheim brauchtest. Es war so schwer, dich loszulassen, ganz besonders für Oma und Opa – und doch ging es nicht anders. Die Demenz schritt so schnell voran, wir besuchten dich, wann immer wir konnten, selbst wenn es x Corona-Tests brauchte.
Waren Besuche dann mal nicht möglich, war das Warten besonders für deine Eltern wie eine Ewigkeit. Es war keine leichte Zeit, dir ging es nicht immer gut und deine letzten zwei Wochen waren schwer, mit anzusehen. Du konntest nicht mehr essen, hattest auch keinen Appetit. Eine Magensonde? Nein, das wollten wir dir ersparen, wollten dich gehen lassen, wann einfach Zeit ist. Und das war ok so. Trotzdem traf es mich sehr, als der Anruf kam.
Ich war berührt, dass der Pfarrer bei der Beerdigung betont hat, dass es nicht das Down-Syndrom war, warum dein Tod eine Erlösung war, sondern dir die fortschreitende Demenz so zu schaffen gemacht hatte, bis der Zeitpunkt gekommen war, Abschied zu nehmen.
Liebe Anja, du warst einfach ein Schatz für uns – und bist noch immer in unseren Herzen. „Anja konnte das Leben genießen auf eine Weise, die uns leider verwehrt ist: sorglos…“ – So meinte es der Pfarrer, ob das immer der Fall war, weiß ich nicht… Auch du hattest es nicht immer nur einfach, auch eigene Träume, viele unerfüllt…
Jemand schrieb in den Kondolenzkarten: „Sie hat eine leuchtende Spur in unserem Leben hinterlassen.“ Ja, das hast du! Und wenn ich dann manchmal deine Großnichte so anschaue mit ihren fast 2 Jahren, sehe ich deine Augen in so manchem Blick und es berührt mich zutiefst. Sie hat zwar nicht das Down-Syndrom, aber wer dich gekannt und geliebt hat, so wie wir, sieht die Ähnlichkeit.
Ich bin zutiefst dankbar dafür, dass ich diese Parallele entdecken durfte. Auch meine Schwester meinte manchmal schon: „Da hat sie jetzt gerade geschaut wie die Anja.“ Ich glaube das ist ein besonderes Geschenk Gottes an mich, dich in ihr nochmal so „live“ zu sehen. Du fehlst uns so oft und doch bleibt für mich der Trost der Ewigkeit ganz fest im Herzen verankert, auch wenn ich nicht sagen kann, wie du mir dort begegnen wirst. 😊Auf irgendeine Weise noch immer „DU“… 😊
in nie aufhörender Liebe,
deine Nichte Michi 💕







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