Es ist kurz vor neun an einem Freitag. Vor dem Eingang der Kölner Messehallen warten sie bereits zu Tausenden: vor allem junge Menschen sind es, die der FIBO auch in diesem Jahr neue Erfolgszahlen beschert haben: 175.173 Besucher aus 136 Ländern haben an den vier Tagen vorbeigeschaut – absoluter Rekord. Das Erfolgskonzept der FIBO ist der Erfolg einer ganzen Branche: Sie verkauft eine Idee vom besseren Leben – und verrät nur die halbe Wahrheit. Ein Kommentar.

Die Inszenierung von sportlicher Gesundheit
Direkt nach dem Eingang habe ich schon die Qual der Wahl: Entweder rein zu ESN (Elite Sports Nutrition) oder rein zu MORE, die mir das Versprechen geben, “mehr” für meine sportliche Gesundheit zu tun. Die Strategie ist die gleiche: Teil einer besonderen Gruppe zu sein, die es ernst meint. Die verstanden hat, worauf es wirklich ankommt – weniger Zucker, weniger leere Kohlenhydrate, weniger Fett. Wer in die beiden Hallen hineinkommen möchte, muss zuerst durch eine “leere” Halle hindurch, eine “Wartehalle”. Auch hier werden die Botschaften klar und verständlich vermittelt: zu viel Zucker, zu viele Kohlenhydrate, zu viel Fett. Was gut gemeint ist, wirkt bei genauerem Hinsehen eher wie Schein als Sein.
Denn sowohl ESN als auch MORE gehören zusammen. Sie sind Teil der “The Quality Group GmbH” und werden zentral gesteuert. Sie fokussieren sich lediglich auf zwei unterschiedliche Zielgruppen – ESN fokussiert auf klassisches Kraftsport-Protein, More Nutrition eher auf Lifestyle, kalorienbewusste Ernährung und eine weibliche Zielgruppe.
Darüber hinaus täuscht der Eindruck, der zunächst vermittelt wird. Sowohl Produkte von ESN als auch MORE enthalten zwar weniger Zucker, dafür aber oft mehrere künstliche Süßstoffe. Laut Daten des Bundesinstitut für Risikobewertung gelten viele Süßstoffe zwar innerhalb bestimmter Grenzwerte als sicher, gleichzeitig wird aber weiterhin erforscht, wie sie langfristig auf Stoffwechsel, Darmflora und Essverhalten wirken. Studien weisen darauf hin, dass bestimmte Zuckeraustauschstoffe die Zusammensetzung des Mikrobioms verändern können – mit potenziellen Folgen für die Gesundheit.
Laut der Ernährungs-App “YUKA” wird etwa Sucralose verdächtigt, krebserregend zu sein und das Risiko für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2, chronischen Entzündungen im Verdauungstrakt sowie andere Stoffwechselstörungen zu erhöhen. Der Süßstoff Acesulfam-K wird ebenfalls verdächtigt, krebserregend zu sein und dieselben Risiken wie Sucralose zu verursachen. In Produkten wie “MORE Zerup Barista Vanilla” sind beispielsweise beide Süßstoffe gleichzeitig drin, ebenso wie in Produkten von ESN.
ESN reagiert auf die Vorwürfe in einem Blog-Artikel auf der eigenen Website, geschrieben von einer privaten Person mit einer Privatmeinung. Suchmaschinenoptimiert aufbereitet, findbar für jeden. Dass viele Proteinpulver tatsächlich Krankheiten wie Dickdarmkrebs begünstigen können, wissen die meisten Unternehmer, wie sie gegenüber f1rstlife äußern. Aber, die Meinung ist immer dasselbe: Die Kunden kaufen es und der Einkauf aus dem Ausland ist besonders günstig. Image vor Gesundheit. Ein Zeichen unserer Zeit.

Zwei Fitness-Trends: Ästhetik oder Gesundheit
Denn Sport wird heute mehr denn je mit Schönheit, Reinheit und sexueller Attraktivität in Verbindung gebracht. Ein Eindruck, der unserem Konsumverhalten geschuldet bzw. darin begründet ist: Studien aus der Sportpsychologie zeigen seit Jahren, dass gerade soziale Medien und Fitnesskultur stark visuell geprägt sind und damit ein sehr einseitiges Bild von „Gesundheit“ vermitteln. Der Fokus liegt oft auf Ästhetik – sichtbar, vergleichbar, bewertbar – während innere Faktoren wie Belastbarkeit, Regeneration oder mentale Stabilität in den Hintergrund rücken.
Dabei ist das Problem ist nicht der Wunsch, gut auszusehen. Kritisch wird es vor allem dort, wo das äußere Erscheinungsbild zum Maßstab für Gesundheit wird. Ein niedriger Körperfettanteil oder sichtbare Muskeln sind nämlich keine Garantie für ein funktionierendes Hormonsystem, stabile Energielevel oder langfristiges Wohlbefinden. Im Gegenteil: Untersuchungen zeigen, dass übermäßiger Fokus auf Körperoptimierung mit erhöhtem Stress, gestörtem Essverhalten und einem verzerrten Selbstbild einhergehen kann. Schönheit wird dann nicht mehr als Nebenprodukt eines gesunden Lebensstils verstanden, sondern als Ziel – oft um jeden Preis.
Hyrox als Gegentrend
Doch es gibt auch Gegentrends: Sport wird in Verbindung mit Vitalität, Beweglichkeit, Ausdauer und Stärke in Verbindung gebracht. In einer weiteren Halle auf der FIBO geht alles um Hyrox. Hyrox ist ein weltweit wachsender Fitness-Wettkampf, der funktionelles Krafttraining mit Ausdauerlauf kombiniert. Der Wettkampf besteht aus 8 km Laufen (1 km vor jeder Station) und 8 Stationen, darunter SkiErg, Sled Push, Sled Pull, Burpee Broad Jumps, Rudern, Farmers Carry, Sandbag Lunges und Wall Balls. Es ist als “Fitness-Rennen für jedermann” konzipiert, wobei Kraft und Ausdauer im Vordergrund stehen. Die Idee dahinter ist einfach: Ausdauer und Kraft miteinander kombiniert und abwechselnd.
Anders als klassisches Krafttraining oder reines Cardio verbindet HYROX systematisch beide Welten: Laufen trifft auf funktionelle Übungen wie Schlittenziehen, Rudern oder Farmers Carry. Genau diese Kombination – in der Sportwissenschaft als „Concurrent Training“ bekannt – gilt als besonders effektiv. Studien zeigen, dass das gleichzeitige Training von Kraft und Ausdauer sowohl die muskuläre Leistungsfähigkeit als auch die kardiovaskuläre Fitness verbessert und sogar die maximale Sauerstoffaufnahme (VO₂max) steigern kann – ein zentraler Marker für Herzgesundheit und langfristige Leistungsfähigkeit . Gleichzeitig wird nahezu der gesamte Körper beansprucht, was nicht nur Muskelaufbau, sondern auch Koordination, Stabilität und Haltung verbessert .
Hinzu kommt ein zweiter, oft unterschätzter Vorteil: HYROX trainiert nicht nur den Körper, sondern auch den Kopf. Das strukturierte Wettkampfformat – achtmal ein Kilometer Laufen, unterbrochen von intensiven Workouts – fordert gezielt Durchhaltevermögen, Fokus und Belastungssteuerung . Genau diese Mischung aus physischer und mentaler Herausforderung macht den Reiz aus: Teilnehmer lernen, unter Erschöpfung weiterzuarbeiten, ihre Kräfte einzuteilen und sich selbst besser einzuschätzen. Gleichzeitig bleibt das Format zugänglich, da es in verschiedenen Leistungsstufen absolviert werden kann und damit sowohl Einsteiger als auch ambitionierte Athleten anspricht. In einer Fitnesswelt, die oft auf äußere Ergebnisse fixiert ist, liegt darin eine Stärke: HYROX verschiebt den Fokus zumindest ein Stück weit zurück auf das, was der Körper leisten kann – nicht nur darauf, wie er aussieht.

Zwischen Bühne und Realität
Influencer sind es, die die Zuschauer in ihren Bann ziehen. Die inspirieren. Motivieren. Sie posen in die Kameras, lassen sich mit ihren Fans und nackten Oberkörpern gerne fotografieren. Das ist Nähe auf den ersten Blick, aber: Was hier sichtbar wird, ist nur ein Ausschnitt. Eine Oberfläche. Denn eines der größten Probleme für den “Normalsterblichen”, der sportlich aussehen möchte, ist nicht das Ziel, sondern der Weg dorthin.
Bei allem Schein wissen wir nicht, wie viel Disziplin der oder diejenige wirklich an den Tag gelegt hat. Ob der “Natural Bodybuilder” nicht vielleicht dort eine schnelle Abkürzung genommen hat und seine Gesundheit durch Dopingmittel ständig schädigt. Ob jemand innerlich voller Selbstzweifel ist und dieses Gefühl durch ein “starkes” Körperbild auszugleichen versucht. Wir wissen nicht, wie viel Jahre jemand kontinuierlich trainiert, sich sauber ernährt und trotzdem nicht an sein Ziel herankommt, weil es in seiner Lebenssituation einfach illusorisch ist, genug zu schlafen und sich nach der Büroarbeit noch genug zu bewegen. Wir wissen nicht, was hinter den Menschen genau steckt – und das ist das Spannungsfeld, das kaum einer auf der Messe sieht, aber das wir im Hinterkopf behalten sollten.
Training ist kein linearer Prozess. Leistungsfähigkeit entsteht nicht über Nacht. Anpassungen im Körper brauchen Zeit – Monate, manchmal viele Jahre. Muskeln wachsen nicht im Training, sondern danach. Ausdauer entsteht durch Wiederholung, nicht durch einzelne Höchstleistungen.
Was hier auf den Bühnen passiert, ist oft das Ende eines langen Prozesses. Es wirkt leicht, ist es aber oft nicht. Es wirkt schnell und mit vielen Klicks und Likes in den Social Media verbunden – der Weg dahinter ist es aber oft nicht. Ein Eindruck, der motivieren kann – aber er kann auch täuschen.
Denn wer sich ausschließlich an diesen Bildern orientiert, verliert schnell den Blick für das Eigentliche: den eigenen Körper. Das eigene Tempo. Den eigenen Ausgangspunkt. Dabei ist genau das die Grundlage von allem. Sport beginnt nicht mit einem Ideal. Er beginnt mit dem ersten Schritt. Mit der ersten Wiederholung. Mit der Entscheidung, anzufangen. Aber richtig: Gesund und mit einem klaren Verstand.
Was bleibt nach der FIBO? Vielleicht der fromme Wunsch, sich selbst näher zu kommen. Anzufangen, dranzubleiben, es nachhaltig gut zu machen. Bühne und Realität voneinander zu unterscheiden – und trotzdem vor allem Spaß zu haben an Bewegung. Denn am Ende zählt, dass du gesund bist. Nichts anderes.






Glauben – Die Facetten des innersten Wunsches
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