Die Forderung nach “mehr Realität auf Instagram” wird in letzter Zeit immer lauter. Sie fußt auf der Kritik an der bewussten Inszenierung von Beiträgen in den sozialen Medien, die die Realität verschleiern und alles als unerreichbares Ideal darstellen würden. Doch was steckt wirklich hinter der Forderung?
Die scheinperfekte Onlinewelt

Dass die sozialen Medien im Regelfall nur die Highlights zeigen, ist weder neu noch überraschend: Mit einem potenziell unendlich großen Publikum fremder Leute aus aller Welt ist logisch, dass Influencer und Prominente sich in ihren Beiträgen gezielt in Szene setzen – besonders, weil deren Posts stets Werbezwecke verfolgen. Dabei geht es nicht immer um Werbung für Produkte oder Marken, sondern auch ganz grundlegend um Eigenwerbung; man zeigt sich und seinen Account, bewirbt sich damit beim Publikum und versucht, dessen Interesse aufrechtzuerhalten.
Aber auch Nutzer mit weniger Reichweite oder privat gestellten Accounts agieren unter dem Prinzip der Eigeninszenierung. Hat man die Wahl, einen Fotodump mit seinen Freunden auf einem coolen Konzert zu posten, um den Augenblick festzuhalten und zu teilen, oder stattdessen ein schiefes Bild von sich nach dem Aufstehen zu teilen, dessen Wichtigkeit schon für einen selbst fraglich ist, entscheidet sich der Durchschnittsnutzer natürlich für das Erste.
Und cheese…! – bitte strahlend unperfekt
Wer viel Zeit mit Scrollen verbringt, bekommt also einen Strom an positiven, erfolgreichen, hübschen Momenten und Personen präsentiert. Man sieht eine unaufhörliche Highlightcollage, in der schnell das Bewusstsein verloren gehen kann, zumal es sich nur um Ausschnitte eines weit gemischteren realen Lebens handelt – darauf möchten die Verfechter von #mehrrealitätaufinstagram aufmerksam machen. Sie posten dazu ganz bewusst unperfekte Momente: Unvorteilhafte Winkel, die Cellulite oder ein Doppelkinn zeigen, Selfies von sich, auf denen sie ungeschminkt und erschöpft sind, oder Fotos von unästhetisch zusammengestelltem Essen sind Fotos, die geteilt werden.
Vergleiche wie “Was du siehst vs. was nicht” oder Posts, in denen eine Reihe von erlebten Misserfolgen präsentiert wird, gehören ebenso zum Repertoire, genau wie Auflistungen an Selbstzweifeln oder Unsicherheiten – meist sehr allgemein formuliert, sodass möglichst viele Menschen sie nachempfinden, aber zeitgleich nicht zu genaue Details über die postende Person erfahren. Alle Varianten sollen den Scrollenden vermitteln: Du bist nicht allein. Niemand ist perfekt. Und: Instagram verzerrt die Selbst- und Fremdwahrnehmung.
Neuer Fokus, alte Verzerrung
Obgleich die Idee dahinter also gut gemeint ist und manch einer sich getröstet fühlen mag, auch mal Einblicke abseits der Perfektion zu bekommen, bleibt das Ziel von mehr Realität unerreicht.
Dies hat vor allem zwei Gründe: Den Algorithmus und die konkrete Umsetzung des Trends. Durch beides wird die Verzerrung der Realität vielmehr aufrechterhalten als durchbrochen. Ersteres sorgt dafür, dass man, einmal begonnen mit dem Ansehen von #mehrrealitätaufinstagram-Posts, seinen Feed mit Beiträgen dieser Art geflutet bekommt. Statt glücklichen und hübschen sieht man fortan tollpatschige und erfolglose Personen. Man wechselt von einem Extrem ins andere, durch das man ebenso wenig die Realität sieht wie zuvor. Denn zwar mögen die nun gesehenen Ausschnitte fremder Leben ähnlicher zum eigenen Alltag wirken, doch sind sie nun mal nach wie vor genau das: Ausschnitte.
Sind wir alle therapiereif?
Diese Ausschnitte können genauso schnell ebenso allgemeingültig wirken wie ihr perfektes Gegenstück. Auf einmal mag es scheinen, als sei jeder eigentlich unsicher, unzufrieden mit seinem Leben, gestresst, verloren. Aber ist das wirklich so? Falls ja, sollte das so sein? Sollte man nicht dagegen ansteuern? Geht etwa jeder auf einmal zur Therapie? Nein, tatsächlich nicht mal 3% der Deutschen.[1] Aber gerade die sind es, die auf einmal 90% des Feeds ausmachen und einen ganz anderen Eindruck vermitteln.
Das heißt nicht, dass es falsch wäre, das Thema zu enttabuisieren. Es ist die Normalisierungpsychischer Erkrankungen, die damit einhergehen kann und das eigentlich Problematische ist. Sie lassen den Ernst solcher Erkrankungen hinter dem Schein von Alltäglichkeit verschwinden. Außerdem suggerieren sie, diese psychischen Probleme seien nicht problematisch, sondern ganz natürlich; etwas, was jeder hin und wieder verspüre. Zudem verlieren die Beiträge an tröstendem Effekt, je regelmäßiger und normaler sie werden – man akzeptiert sie als neue Realität anstatt als gelegentlicher Realitätscheck, als der sie intendiert sind.
Gefilterte Filterfreiheit

Noch dazu kommt, dass #mehrrealitätaufinstagram ebenso bewusst gewählt und damit gekünstelt ist wie die perfekten Bilder. Die Ersteller treffen Entscheidungen, welche Misserfolge sie teilen, welche untypischen Fotos sie posten und welche Unsicherheiten sie preisgeben. Die, die man nicht teilen möchte, bleiben verborgen, während ihre Creator proklamieren, ganz offen und real zu sein. Das entspricht sicher auch in vielen Fällen der Intention. Jedoch ist hundertprozentige Transparenz schlichtweg unmöglich. Man müsste jemandem anders überlassen, einen selbst in zufälligen Momenten aufzunehmen und diese zu veröffentlichen, um keinen Einfluss mehr auf die Wahl zu haben und wirklich ganz ungeplante Einblicke zu zeigen.
Zeitgleich findet eine große Verallgemeinerung statt: Die gewählten Themen kreisen stets um dieselbe Palette von Selbstzweifeln, Leistung in Alltag, Bildung und Beruf, soziales Leben. Der Hashtag bewegt sich in Sphären, die zwar jeder kennt, jedoch normalerweise nicht täglich aktiv durchdenkt: Normalerweise macht man sich nicht täglich Sorgen um sein Aussehen, um seine Zukunft oder verspürt „fear of missing out“, kurz Fomo. Bei zweieinhalb Stunden[2] täglicher Konfrontation bewegt man sich mental jedoch auf einmal schon häufiger in solchen belastenden Themen, als einem womöglich guttäte.
Die Kunst, am richtigen Ort zu suchen
Es kann keine Realität auf Instagram geben. Dafür ist die App schlichtweg nicht ausgelegt und ebenso wenig die Nutzer. Was ist nun also die Lösung? Wieder zur Darstellung einer heilen Welt wechseln? Weiterhin dem Hashtag folgen?
Jeder darf und muss letztlich selbst entscheiden, was er oder sie online postet. Es braucht viel mehr eine Anpassung der eigenen Erwartungen anstatt der Inhalte:
Es darf nicht davon ausgehen werden, dass in den sozialen Medien realistische Eindrücke zu erwarten sind. Das ist ein Fakt, der sich beim Konsumieren immer wieder bewusst gemacht werden muss. Um aber das eigentliche Ziel des Hashtags zu erreichen, das darin besteht, sich zu erinnern, wie die Realität tatsächlich aussieht, hilft nur eines: Instagram ausschalten und rausgehen und sich mit realen Menschen in der Realität zu unterhalten, anstatt darauf zu warten, sie online präsentiert zu bekommen.
Siehe: https://www.statista.com/statistics/433871/daily-social-media-usage-worldwide/
[1] Ein Bericht der DGPPN spricht beispielsweise von “etwa 2,3 Millionen gesetzlich versicherte[n] Patientinnen und Patienten”, die pro Quartal ambulante Therapie in Anspruch nehmen.
[2] Die Stundenzahl basiert auf einer Statistik aus 2025, die die Nutzungsdauer von Nutzern sozialer Medien aus aller Welt anführt.
Siehe: https://www.dgppn.de/schwerpunkte/zahlenundfakten.html






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