Egal ob Schüler*in, Student*in, Azubi oder Berufstätige*r: Jeder hat schonmal Abneigung gegen den wartenden Haufen Lernstoff gespürt, der wohl oder übel irgendwann angegangen werden muss. Doch sollte Lernen nicht eher Spaß machen und Neugier wecken?

Eigentlich ist Lernen ein Grundbedürfnis des Menschen: Wir streben von Natur aus danach, unser Wissen zu erweitern und dazuzulernen. Leider wirkt dies oft nicht so, sondern eher wie ein von außen auferlegter Zwang. Wenn es beispielsweise um Lernstoff im Bildungssystem geht, kommt dieser in der Tat von außen, nicht aus innerem Antrieb – erst recht, wenn es um ein Themengebiet geht, das einen schlichtweg nicht interessiert.
Entkommen kann man diesem Zwang jedoch nicht. Auch nach der Schullaufbahn begegnet man ständig neuem Lernstoff, sei es in der weiteren Ausbildung oder im Beruf selbst, mit dem man nicht immer gern beschäftigt. Dadurch fühlt sich Lernen schnell zäh und anstrengend an; doch das sollte und muss nicht so sein.
Nicht auf den Inhalt, sondern die Herangehensweise kommt es an
Im Internet, aber auch in der Schule selbst trifft man zwar auf zahlreiche Strategien, die das Lernen erleichtern sollen. Manche legen eine zeitliche Einteilung fest, wie etwa die Pomodoro-Technik, bei der Pausen und Arbeitsphasen sich in einem regelmäßigen Rhythmus abwechseln: Nach einer 25-minütigen Lernzeit folgen fünf Minuten Auszeit sowie eine etwas längere nach vier solcher Lernblöcke. Da die Pomodoro-Technik sich im Internet großer Bekanntheit erfreut, existieren daneben inzwischen zahlreiche Abwandlungen, die das Wechselschema für die Lernenden individuell personalisieren. Manch andere setzen auf Anreize durch Belohnungen. Andere wiederum wägen Notizarten ab und schwören auf Visualisierung anstelle bloßen Texteschreibens. Was all diese Strategien jedoch gemeinsam haben, ist: Sie alle geben Hilfestellungen, sich das Lernen besser zu strukturieren und die aktive Lernzeit möglichst effizient zu nutzen. Doch weiterhin besteht das Problem: Das Lernen macht nach wie vor keinen Spaß.
Zeit für eine Auflockerung des Lernprozesses
Die Kunst des Lernens besteht darin, nicht lernen zu müssen. Zahlreiche Studien belegen, dass die Motivation, aber auch die kognitive Lernleistung durch den Faktor Freiwilligkeit gesteigert wird.[1] Wer gerne lernt, lernt einfacher. Das mag nachvollziehbar sein, gerade wenn man daran denkt, wie man selbst in seinen Interessengebieten ohne drei Schreibtischlernsessions rasch dazulernt oder sich Informationen über fiktive oder reale beliebte Personen problemlos merken kann, ohne dafür Eselsbrücken bauen zu müssen. Doch was hilft das, wenn akademisches Lernen nun mal keinen Spaß macht?
Dann wird es höchste Zeit, es spaßig werden zu lassen! Dafür gibt es keinen universell anwendbaren Trick, schließlich ist jeder vom Charakter und Lerntyp her sehr individuell. Die Frage, die man sich stellen muss, lautet: “Was macht mir Spaß?”, um danach zu fragen: “Wie verbinde ich das mit meinem Lernprozess?”
Gewissermaßen nutzt man die behavioristische Belohnungsstrategie. Statt jedoch eine Belohnung auf die Lernleistung folgen zu lassen, wird die Lernleistung selbst zur Belohnung.
Lernvergnügen in vergnüglichem Kontext
Dieses Umstyling beginnt bereits bei der Lernumgebung: Wo lerne ich? Ist es mein Schreibtisch, den ich mental bereits mit unbeliebtem Lernen verknüpfe? Solch ein für’s Lernen reservierter Ort kann zwar die Konzentration fördern, aber wer damit weniger Probleme hat, könnte einen Ortswechsel ausprobieren. Warum nicht an einem warmen Sommertag auf einer Picknickdecke im Grünen lernen? Oder im Winter in einem kuscheligen Sessel vor dem Kamin? Vielleicht auch im Zug oder im Wartezimmer, wo Lernen die Funktion eines willkommenen Zeitvertreibs erfüllen kann?
Aber auch, wer einen festen Lernort braucht, kann sich die Atmosphäre verschönern. Wie wäre es mit einem Snack nebenbei, einem Lernbuddy oder allein schon einem hübschen Stift und Notizblock?
Die Art des Lernens als Schlüssel
Schließlich ist die Art des Lernens selbst ausschlaggebend: Je persönlicher, desto besser für die Motivation! Bloßes Aufschreiben von Inhalten ist oft wenig anregend. Studien zeigen, dass die Lernleistung mit der Intensität der Auseinandersetzung einhergeht. Diese kann vor allem durch persönliche Wichtigkeit und dem Transfer auf andere Kontexte entstehen.[2]
Vielleicht findet man ja etwas aus dem eigenen Leben, auf das sich die zu lernende Matheformel anwenden lässt?
Fantasievolle Menschen finden sicherlich einen Weg, sich den Lernstoff im Zuge einer Geschichte vorzustellen.
Vielleicht bist du aber auch ein sehr auf Austausch ausgerichteter Mensch. Wie wäre es mit einem Podcast zum Lernstoff? Dass dieser gegebenenfalls nur in Sprachnotizen an sich selbst besteht, kann man ja ignorieren. Für den Moment richtet er sich an ein Millionenpublikum! Oder spielst und rätselst du gern? Mir Freunden oder dem Internet lässt sich aus jedem Lernstoff ein Spiel erstellen – sei es ein komplexer Escaperoom oder ein Kreuzworträtsel. Klingt enorm zeit- und planungsaufwendig? Genau das ist einer der Faktoren, die Lernerfolg stärken, also nicht abschrecken lassen!
Auch Kleines wirkt groß: Mentale Feinschliffe
Wer mit all den Abänderungen des klassischen Lernsettings nichts anfangen kann, kann sich jedoch ebenfalls mit ein wenig Vorstellungsvermögen behelfen: Man denke sich als Professor*in an seine Lieblingsuni, als Schüler*in nach Hogwarts, als Wissenschaftler*in auf Expedition – man ist für die Dauer des Lernens nicht mehr an seinem langweiligen Lernort mit diesem irrelevanten Stoff, sondern genau dort, wo man im Kontext seiner Vorstellung richtig ist und eine spannende, wertvolle Aufgabe zu erfüllen hat.
[1] Wer sich aus intrinsischen Motiven heraus an eine Aufgabe setzt, erlebt sich selbst nämlich als autonom, was der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan zufolge ein menschliches Bedürfnis darstellt. Folglich ruft die Erfüllung dessen Motivation hervor. Vgl. hierzu beispielsweise Frühwirth, Gabriele: Die Self-Determination Theory nach Deci & Ryan. In: Selbstbestimmt unterrichten dürfen – Kontrolle unterlassen können. Wiesbaden 2020, S. 5-25.
[2] Verweisen lässt sich hier beispielsweise auf die Hattie-Studie, eine Meta-Meta-Analyse, die Einflüsse auf den schulischen Lernerfolg untersuchte. Die über die Effektstärke 0,4 hinausgehenden Faktoren wirken überdurchschnittlich, also stärker als „normaler” Unterricht. Kreativitätsförderung erreicht hier eine Stärke von 0,65 und diverse Strategien, die Transferleistungen beinhalten, etwa Fallbeispiele oder Problemlösen, erreichen Effektstärken in ähnlicher Höhe. Vgl. die online aufrufbare Liste: https://visible-learning.org/de/hattie-rangliste-einflussgroessen-effekte-lernerfolg/






Ist das noch Brauchtum oder kann das weg?
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