In der Bibel heißt es über 100-mal „Fürchte dich nicht!“ – und das nicht grundlos. Viele Haupt- und Nebendarsteller im Alten und Neuen Testament befanden sich in gefährlichen oder unsicheren Situationen, was nicht zuletzt an den damaligen Lebensumständen lag. Heute leben die meisten von uns hierzulande in sicheren Verhältnissen, sodass es kaum Anlässe, zur Sorge geben sollte. Umfragen legen jedoch anderes nahe.
Die Aufforderung, sich nicht zu fürchten, gilt als eine der in der Bibel am häufigsten vorkommenden Ermutigungen. Die Anlässe hierfür waren zahlreich, denn die in der Schrift beschriebenen Menschen mussten sich herausfordernden Situationen und Aufgaben stellen. Insbesondere, wenn Personen direkt dem Wirken Gottes ausgesetzt waren – Jahwe selbst zum Bau einer Arche oder zur Opferung eines Sohnes aufruft, seine Engel verkünden, dass man Jesus zur Welt bringen wird oder dass das Kind in einem Futtertrog in Bethlehem zu finden ist oder er als brennender Dornbusch spricht und herausfordernde Aufträge erteilt – war Mut und Vertrauen gefordert. Und auch zu Zeiten Jesu lebten viele Menschen in Furcht; Furcht vor der Macht der Herrscher, vor Hunger und Krankheit und vor Gottes Gericht.
Fürchtest oder ängstigst du dich?
In wohlhabenden Gesellschaften, wie in Deutschland, sind viele der damals existierenden lebensbedrohlichen Gefahren geringer geworden. Andererseits fühlen sich viele, gemäß Umfragen, von abstrakten, globalen Risiken, wie Klimawandel, Wirtschaftskrisen oder Migration, bedroht. Dies ist nicht pauschal der Fall, denn Bedrohungen können tatsächlich (objektiv) vorliegen oder nur als solche (subjektiv) empfunden werden. Entsprechend wird in der Psychologie zwischen der „Furcht“ und der „Angst“ unterschieden. Bei der Furcht handelt es sich um eine starke emotionale Reaktion auf eine tatsächliche (reale) Bedrohung, in der Regel im Außen, die wir plötzlich wahrnehmen. In der Folge kommt es zu körperlichen Symptomen wie Herzklopfen, Schweißausbrüchen und Zittern. Angst ist hingegen ein emotionaler Zustand, der von innen und ohne konkrete Bedrohung im Außen kommt. Angst kann z. B. schon ausgelöst werden, wenn wir nur an eine Bedrohung denken, die auf uns zukommen könnte, bzw. die vor uns liegen könnte oder die wir erwarten. Die Ursache der Bedrohung ist im Zustand der Angst nicht klar. Angstreaktionen zeichnen sich durch langanhaltende oder ständige Anspannung, Wachsamkeit und sorgenvolles Grübeln aus, was dauerhaften Stress auslösen und krank machen kann. Leben Menschen lange in Furcht, kann daraus eine Angst werden – ohne, dass der Auslöser da ist.
Wie sehr vertraust du dir?
Angst entsteht meist in unangenehmen Erfahrungen (z. B. sich ohnmächtig, ausgeliefert, einsam oder wertlos fühlen) – insbesondere in der frühen Kindheit. In der Folge wirkt Angst wie ein „Schutzschild“, das uns vor ähnlichen negativen Erfahrungen schützen soll. Jedoch bindet sie hierbei viel Energie und blockiert uns. Wenn Sorgen und unklare Ängste zum häufigen Begleiter werden, ohne dass es dafür einen konkreten Anlass gibt, können sie zur Belastung werden und das alltägliche Leben einschränken. Das, was der Angst entgegenwirkt, ist einfach zu benennen, kann jedoch schwierig zu erlangen sein: Vertrauen und Zuversicht. Das Vertrauen in die eigene Person entsteht schrittweise durch Erfahrungen, in denen wir „erfolgreich“ sind. Um dies zu erfahren, müssen wir handeln, obwohl wir uns unsicher fühlen. Das kostet meist Überwindung, wobei uns Menschen, die uns respektieren, und ein gesunder Lebensstil helfen können.
… denn Gott ist mit dir!
Was kann mir darüber hinaus die Angst nehmen und dafür sorgen, dass ich mich sicher fühle? Seit Urzeiten finden Menschen in Religion und Spiritualität ihre Antwort. Es gibt uns ein Gefühl von Sicherheit, wenn wir glauben, in wohlwollenden, starken Händen von Gott zu sein. Ebenso kann der Glaube an Gott uns helfen, unser Bedürfnis, wahrgenommen und gesehen zu werden oder verbunden zu sein, zu erfüllen. Studien zeigen, dass Menschen, die sich im Glauben an einen liebevollen, gnädigen Gott sicher gehalten fühlen und davon im Umgang mit schweren psychischen Krisen und körperlichen Krankheiten profitieren können. Wenn in einer Krise ein Nachdenken und Analysieren nicht weiterbringt oder bei schweren Erkrankungen Medizin nichts mehr ausrichtet, können Gebet und Meditation den Betroffenen, trotz des bestehenden Leids, Kraft geben hoffnungsvoll zu sein und zur Ruhe zu kommen: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir!“ (Jesaja 41,10).
Glauben ist mehr als nicht wissen
Umgangssprachlich wird „glauben“ meist im Sinne von vermuten oder annehmen – letztlich von nicht wissen – verwendet. In einer Welt, in der Wissen Macht ist, wirkt dieses Verständnis von Glauben wie die zweite Wahl. Ebenso ist „hoffen“ für viele ein Ausdruck von Machtlosigkeit. Ein Blick in die Urtexte des Neuen Testaments verrät, dass die Bedeutung dieser Worte sehr viel kraftvoller ist: Das griechische „pistis“ steht nicht nur für Glauben, sondern auch für Vertrauen, und das griechische „elpís“ bedeutet nicht nur Hoffnung, sondern auch Zuversicht. Beides sowohl Vertrauen als auch Zuversicht sind letztlich Grundvoraussetzungen für ein angstfreies Leben.






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