Vom 13. bis zum 24. Juni befand sich Israel in einer offenen und direkten militärischen Konfrontation mit dem Iran. Genauso plötzlich, wie dieser Krieg begann, endete er auch wieder. Als Bewohnerin Jerusalems wurde mein Alltag von heute auf morgen komplett auf den Kopf gestellt. Nun, wenige Tage nach Inkrafttreten des Waffenstillstandes, wurde der Ausnahmezustand offiziell beendet und sollen wir wieder in unser normales Leben zurückkehren.
Zwei Stunden, nachdem ich mich von einem Freund am Telefon verabschiedet hatte, um drei Uhr nachts, heulte in ganz Israel die Sirene für den Luftalarm los. Verwirrt schaute ich auf mein Handy, das aber keinen Angriff verzeichnete. Grundsätzlich sind die Alarme der letzten Tage und Wochen auch nicht großartig besorgniserregend gewesen, denn sie stammten zum größten Teil von ein oder zwei in die Jahre gekommenen ballistischen Raketen von den Houthis im Jemen und wurden meistens noch außerhalb des israelischen Staatsgebietes abgefangen. Wir hatten normalerweise einmal am Tag irgendwo im Land, überwiegend in der Gegend um Tel Aviv, einen Alarm, den niemand wirklich ernst nahm. Doch dieser nächtliche Alarm fühlte sich anders an.
Etwas unruhig schlief ich wieder ein, um am nächsten Tag mit der Nachricht aufzuwachen, dass Israel genau um drei Uhr nachts angefangen hatte, den Iran anzugreifen. Sofort wurde klar, dass wir uns damit in einer neuen Phase der aktuellen Spannungen im Nahen Osten befanden. Ich erinnerte mich daran, dass in den Tagen vor dem Angriff verstärkt Spekulationen verbreitet wurden, eine solche Aktion könne bevorstehen. Ich hatte sie mit den Worten abgetan, dass immer wieder ähnliche Überlegungen aufkamen, die sich im Endeffekt nicht bewahrheitet hatten.
Alles auf den Kopf gestellt
Nun aber befanden wir uns im direkten Krieg mit dem Iran. Es ist nicht so, dass damit der Krieg zwischen Israel und dem Iran überhaupt ausgebrochen wäre. Der Iran ist der Hauptsponsor der drei Terrororganisationen Hamas, Hezbollah und Houthis – die sogenannte „Achse des Widerstands“ –, die Israel aus dem Gazastreifen, dem Libanon und dem Jemen militärisch bedrohen und immer wieder angreifen. Der 7. Oktober 2023 hätte ohne den Iran nicht stattfinden können. Die Hezbollah hätte ohne den Iran kaum den Libanon dominieren können. Die Houthis hätten ohne den Iran kaum die Macht in Teilen des Jemen übernehmen können. Alle drei Organisationen haben es zu ihrem erklärten Ziel gemacht, den Staat Israel auszulöschen. Dies ist auch ein Kernanliegen des Mullah-Regimes im Iran.
Am 13. Juni hatte Israel das strategische Fenster genutzt, in dem es überwiegend die Lufthoheit über Syrien besaß, die Hezbollah im Libanon kaum mehr handlungsfähig war, die Verhandlungen Irans mit den USA über einen Atom-Deal zu scheitern versprachen und kaum jemand diese massive Eskalation des Konflikts vonseiten Israels erwartete. In bekannter Manier waren insbesondere die ersten Angriffswellen auf das persische Land, das immerhin mehr als 1.000 Kilometer entfernt liegt, akribisch vorbereitet und offenbarten immenses Wissen über militärische und nukleare Infrastruktur wie auch den Aufenthaltsort der ranghöchsten politischen Figuren des Regimes.
Natürlich ließen die Vergeltungsschläge nicht lange auf sich warten. Doch während Israel viel mit Luftwaffe und Präzisionsschlägen arbeitete, lag der Schwerpunkt der iranischen Aktionen auf explosiven Drohnen und ballistischen Raketen unterschiedlicher Schlagkraft. Anders als bei den jemenitischen Salven gab es in diesem Fall keinen Zweifel für mich, dass ich jeden Alarm ernstnehmen und in den Schutzraum unter der Wohnung gehen würde. Mit den Nachrichten über die neue Situation wurden auch Richtlinien in die israelische Bevölkerung gegeben, dass Arbeitsplätze, Unis und Schulen wie auch andere öffentliche Orte bis auf Weiteres geschlossen wurden. Man wurde aufgefordert, Menschenansammlungen fernzubleiben und sich in der Nähe von Luftschutzbunkern aufzuhalten.
Mit Freunden durch die Kriegszeit
Meine beste Freundin Annalie übernachtet zu normalen Zeiten immer von Freitag auf Samstag bei mir, damit wir den Shabbat gebührend feiern können. Entweder laden wir uns selbst zu einem Shabbat Dinner ein oder suchen uns einen Ort, an dem wir diesen Abend am Ende der Woche bei gutem Essen und toller Gemeinschaft genießen können.
Für den 13. Juni hatten wir bereits 13 Personen eingeladen, Essen geplant, dafür eingekauft und den Abend inhaltlich vorbereitet. Gemeinsam mit dem befreundeten Pastoren-Ehepaar, bei denen wir das Essen ausrichten wollten, mussten wir aber die Entscheidung revidieren, uns bei ihnen zu treffen. Stattdessen luden wir nach einigem hin und her zu mir ein. Es kamen die Freunde, die in der Nähe wohnen und dieses Risiko auf sich nehmen wollten. Wir haben tatsächlich das Abendessen geschafft, bevor der erste Raketenalarm die Runde unterbrach und uns gesammelt in den Bunker unter der Wohnung meiner Vermieterin zwang. Noch ein weiteres Mal ertönte die Sirene an diesem Abend, bevor unsere mutigen Gäste das Haus verließen.

Zeit mit Freunden wurde besonders wertvoll und notwendig. Jeder verharrte zu Hause und musste sich irgendwie bei Laune halten. Daher luden wir unsere Freunde auch unter der Woche zu einem Anbetungsabend zu uns ein. Natürlich wurde zunächst immer über die neuesten Entwicklungen des Krieges gesprochen. Deshalb war ich sehr dankbar, als irgendjemand das Thema „Filme“ anbrach und wir rundherum abfragten, wer welche Lieblingsfilme hat und welche Marvel-Teile am lustigsten oder unterhaltsamsten sind. Guardians of the Galaxy schnitt dabei sehr gut ab! Zwischendrin standen wir zusammen auf dem Balkon und starrten in den Nachthimmel, während wir das iranische Feuerwerk erwarteten. An einem anderen Tag trafen wir uns bei ertragbaren nachmittäglichen Temperaturen im großen Garten des Studentenwohnheims zum Spikeball-Spielen. Und wieder an einem anderen Abend luden wir zwei Freunde zu Wassermelonen-Cocktails und hausgemachtem Honiglikör ein, um den 30. Geburtstag der Freundin zu feiern.

Während der gesamten Zeit war Annalie bei mir eingezogen, weil ich ein zweites Bett in meinem Zimmer und einen Schutzraum unter der Wohnung habe. Sie wohnt normalerweise in einem Zimmer nahe des Damaskus-Tors, dessen Gebäude keinen Bunker besitzt. Doch Hauptgrund für diese Entscheidung waren weniger Sicherheitsbedenken und mehr unser beider Bedürfnis, gemeinsam durch diese Zeit zu gehen. Dies trug maßgeblich zur ganz eigenen Dynamik der Kriegstage bei, indem wir zeitgleich ins Bett gingen und aufstanden, einkauften und kochten, in den Bunker liefen und die neuesten Nachrichten austauschten.
Alarm, Bunker, weiterschlafen
Der Iran griff vorzugsweise am späten Abend oder mitten in der Nacht an. Wir hatten also kaum eine Nacht, die wir komplett durchschlafen konnten. Außerdem wurde kürzlich das System der Luftalarme hier im Land insofern geändert, dass wir bereits einige Minuten vor dem eigentlichen Alarm eine Frühwarnung erhalten, um uns im Falle einer Sirene direkt in den Schutzraum zu begeben. Diese Töne sind die effektivsten Wecker, das kann ich euch sagen. Sobald das Handy in bekannter Manier anschlägt, bin ich wach und sitze kerzengerade im Bett. Es wird keine Sekunde verschwendet, mein Körper ist sofort fluchtbereit. Ertönt dann die Sirene in der Stadt, wirft man sich einen Morgenmantel um, ergreift Brille und Schlüssel, schlüpft in die Pantoffeln, und tritt den Weg aus der Wohnung eine Etage tiefer an.

Im winzigen Bunker, der ehrlicherweise nicht super vertrauenserweckend aussieht, saßen wir mit den Nachbarn für 15 bis 20 Minuten, kicherten über irgendwelche unwitzigen Begebenheiten, und schlurften anschließend wieder zurück ins Bett. Schlug der Alarm nach sieben Uhr an, fungierte er quasi als Wecker, anschließend war nicht mehr an Schlafen zu denken. Ihr könnt euch also vorstellen, dass sich Schlafmangel, gepaart mit überdurchschnittlich viel Adrenalin, über die Tage ansammelte und die Gestaltung der Woche zusätzlich schwerer machte.
Israelis lassen sich nicht lange in ihren Häusern einsperren. Die Stadt war vielleicht für ein, zwei Tage überwiegend verwaist. Doch nach wenigen Tagen hatten sich die meisten schon an die Situation angepasst. Das Leben muss ja schließlich weitergehen. Ich war auch über mich selbst erstaunt, wie schnell ich mich an einen solchen Kriegszustand „gewöhnen“ kann. Luftalarm wurde mit Schulterzucken hingenommen, in den Bunker wird nur gegangen, wenn unsere Region auch tatsächlich betroffen ist, ansonsten bestaunt man das Abfangen der ballistischen Raketen am nächtlichen Himmel – das ist wirklich spektakulär!
Doch auch trotz neuer Kriegsroutine war an ernsthafte Arbeit nicht zu denken. Bis der gesamte Spuk vorbei war, konnte ich mich beim besten Willen nicht konzentrieren. Stattdessen musste ich ständig die Nachrichten verfolgen und darüber informiert sein, welche Ausreisemöglichkeiten bestanden. Einige Freunde und Bekannte reisten von heute auf morgen über den Landweg nach Ägypten oder Jordanien, um von dort einen Flug zu ergattern. Der israelische Flughafen in Tel Aviv war verständlicherweise zunächst komplett geschlossen und anschließend nur für sehr wenige Evakuierungsflüge nutzbar. Zu einem komplett aus den Fugen geratenen Alltag gepaart mit hektischen Nächten, Nachrichten über Zerstörung, Leid und Tod gar nicht weit von mir, die man irgendwie verarbeiten musste, gesellte sich nun auch noch Unsicherheit darüber, wann ich das Land verlassen würde. Am Ende war der Krieg schneller vorbei, als Deutschland seine Staatsbürger evakuieren konnte.
Und plötzlich alles wieder normal?
Der dritte Weltkrieg war in aller Munde und mit dem US-amerikanischen Angriff auf iranische Nuklearanlagen dann auch zum Greifen nahe. Und plötzlich hieß es, dass ein Waffenstillstand geschlossen worden sei. Und dieser hält tatsächlich bisher auch. Damit wurden wir wieder ins „normale“ Leben geworfen. Von einem Tag auf den anderen wurden alle Einschränkungen des öffentlichen Lebens aufgehoben, Geschäfte und Schulen sind wieder geöffnet. Annalie ist am Tag des Waffenstillstandes wieder in ihr Zimmer gezogen und Busse und Bahnen fahren normal. Sogar das Schwimmbad wurde geöffnet.
Draußen herrscht eine Stimmung, als sei nichts passiert. Und doch ist vieles ganz anders. Viele Menschen anderer Nationalitäten haben das Land teils überstürzt verlassen. Und mein Innenleben kommt der ganzen Geschichte nicht wirklich hinterher. Ich glaube, mein Hirn ist immer noch ziemlich verwirrt. Und wahrscheinlich wird es noch ein paar Tage dauern, bis ich zu meiner vorherigen Kraft zurückgefunden habe. Gleichzeitig fragt man sich jetzt schon, ob diese Tage tatsächlich stattgefunden haben, oder ob das alles doch nur ein böser Traum war. Man findet kaum Worte, um zu beschreiben, wie unwirklich sich das Ganze anfühlt.
Falls ihr Zahlen über Tote, Verletzte und Zerstörung in beiden Ländern haben wollt, schaut euch diesen Artikel an. Fürs Erste wurde das Schießen zwischen Israel und dem Iran beendet, doch bestimmt nicht endgültig. Der Krieg im Gaza-Streifen dauert weiter an und fordert unzählige Menschenleben. Es sind weiterhin 50 israelische Geiseln in der Hand der Hamas, mindestens 27 davon tot. Herr, erbarme dich!







Like a Bad Dream: Sudden War and Then Back to Everyday Life
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