„Jugend muss durch Jugend geführt werden“ – dies war das Konzept der sogenannten „Nationalpolitischen Erziehungs- oder Lehranstalten“ (NPEA/Napola). Gegründet im April 1933 anlässlich des Geburtstages Adolf Hitlers zur Ausbildung des NS-Nachwuchses. Doch was passierte wirklich in solchen Anstalten? Gerhard Loescher war von 1939 bis 1945 in der NPEA Ilfeld und berichtet vom Alltag und seinen Erlebnissen.

Herr Gerhard Loescher kam im Alter von 10 Jahren in die NPEA Ilfeld i. Harz. In Zusammenarbeit mit dem Heimatforscher Wolfgang Schilling wurde im Jahr 2018 ein Fachbuch über die NPEAs Ilfeld und Ballenstedt veröffentlicht.
Dem Thema gegenüber sehr reflektiert und aufgeschlossen, berichtet Gerhard Loescher von seinen Erfahrungen als NPEA-Schüler. Durch seinen Bericht kann die heutige Generation aus erster Hand erfahren, lernen und begreifen, was in solchen „NS-Kaderschmieden“ geschehen ist. Gerhard Loescher ist der Beweis dafür, dass eine reflektierte und detaillierte Aufarbeitung des Erlebten für Offenheit gegenüber nachfolgenden Generationen sorgt. Das Erlebte wird nicht verdrängt, sondern betrachtet.
NS-Führungsnachwuchs zum Geburtstag des „Führers“
Anlässlich des 44. Geburtstages Hitlers und der vorangegangenen „Machtübernahme“ begannen im Jahr 1933 die Gründungen der ersten NPEAs. Sie befanden sich in Köslin (ehemaliges Westpommern; heute Polen), Plön (Schleswig-Holstein) und Potsdam. Ihnen folgten weitere Einrichtungen, wie beispielsweise die NPEA Schulpforta in Naumburg an der Saale oder die NPEA Ilfeld im Harz. Dem Blick auf Geschlechterrollen geschuldet, waren NPEAs überwiegend für männliche Schüler vorgesehen, doch bis zum Ende des Krieges gab es auch drei NPEAs für Mädchen; den 40 Einrichtung für Jungen aber quantitativ deutlich unterlegen. Viele der NPEAs befanden sich auch in den vom Deutschen Reich besetzten Gebieten wie Polen, Tschechoslowakei, Slowenien und dem Elsass.

Der SS-Offizier August Heißmeyer wurde 1936 als SS-Obergruppenführer mit der Inspektion der NPEAs beauftragt.
Zuerst lag die Erziehung des Nachwuchses in den Händen der SA. Mit der Wendung im Juni/Juli 1934 (sog. „Röhm-Putsch) wurde die Verantwortung an die SS übertragen. Die Erziehungsanstalten galten als „Kaderschmieden“ für die kommende NS-Führungselite in den Bereichen Wirtschaft, Wehrmacht, Staat und Partei. Der Unterschied zu den sogenannten „Adolf-Hitler-Schulen“ (AHS) war lediglich der, dass diese der NSDAP angehörig waren; NPEAs waren hingegen staatliche Eliteschulen. Das Schulsystem der NPEAs beruhte auf einem Drei-Säulen-Modell. Unterricht, eine wehrsportlich paramilitärische Ausbildung sowie „Diensttätigkeiten“ in Form von Übungen und Veranstaltungen sportlicher Art.
Um einer NPEA angehören zu dürfen, bedurfte es nach der Auswahl eines „Jungmannen“ zuerst der Einwilligung der Eltern sowie der anschließenden Bestehung einer Eignungsprüfung. Diese Eignungsprüfungen beinhalteten nicht nur die Sicherstellung der schulischen Eignung, sondern auch Prüfungen, in welchen der Mut und Gehorsam geprüft wurden. Im allgemeinen Sinne kam der Schulbetrieb einer NPEA dem normalen Volksschulbetrieb nach, mit Ausnahme der sportlich paramilitärischen Ausbildung. Wer den Abschluss auf einer NPEA erhielt, erhielt somit auch das Abitur.
NPEA Ilfeld
Die NPEA war ursprünglich eine Klosterschule und wurde 1934 von den Nationalsozialisten für eine NPEA beschlagnahmt. Die Klosterschüler wurden der Schule und des Geländes verwiesen. Mit der Verlegung der Produktionsstätte der „V2“ aus Peenemünde mussten die Schüler weichen und wurden nach Slowenien verlegt. Die Produktionsstätte wurde im Jahr 1943 in die Nähe der Stadt Nordhausen im Harz verlegt und die Ingenieure in den Räumlichkeiten der NPEA Ilfeld untergebracht. Nach 20 Monaten wurden die älteren Jahrgänge der NPEA Ilfeld mit der NPEA Ballenstedt zusammengelegt und nach Ballenstedt geschickt – der jüngste Jahrgang ging zurück nach Ilfeld.
Mit Beginn des Krieges wurden immer mehr Erzieher und ältere Schüler zum Wehrdienst eingezogen. Der Mangel an Erziehern (sie waren überwiegend SS-Angehörige) wurde mit zivilem Lehrpersonal ausgeglichen. Die Innenstruktur der NPEAs begann, sich zu verändern.
„Unbedarft und naiv gläubige Kinder“
Gerhard Loescher berichtet, dass besonders bei jungen Menschen die Kriegsbegeisterung 1941 besonders stark war. Jeder Schüler musste ein sogenanntes „Kriegstagebuch“ führen. Darunter ist aber nicht ein Tagebuch, wie wir es heute kennen, zu verstehen, sondern vielmehr eine Dokumentation des aktuellen (Kriegs-)Geschehen; Siegesmeldungen mit entsprechenden Fotos und/oder Illustrationen sind hierfür ein Beispiel. Besonders im Osten wurde das Kriegsgeschehen ständig verfolgt. Die ersten Meldungen von verwundeten oder gefallenen Mitschülern dämpften die Euphorie, aber ganz verschwand sie nie.
Der Schulbetrieb verlief an sich ähnlich wie heute; Scheitern im Schulbetrieb konnte mit regulärem Wiederholen der jeweiligen Klasse ausgeglichen werden. Scheitern im Dienstbetrieb oder „Versagen“ im Hinblick auf vorgeschriebene Normen hingegen sorgte für Druck seitens der Gruppe oder Erzieher und anschließende Suspendierung. Druck äußerte sich besonders bei jüngeren Schülern in Form von Heimweh, Bettnässen etc. Entlassungen auf eigenen Wunsch des jeweiligen Schülers gab es ebenfalls – zwar aufgrund des psychischen Drucks eher selten, aber gelegentlich kam es dennoch vor.
„Cliquenbildung“ = Schutz vor dem Vorgesetzten? – Kontakt und Umgang unter den Schülern
Wie war der Zusammenhalt unter den Schülern? Entstanden in den NPEAs Freundschaften oder sahen die Nationalsozialisten die Erziehung und Erhaltung einer Art „Alphatier-Mentalität“ in den Einrichtungen vor? Den Begriff „Freundschaft“ in diesem Rahmen zu wählen, ist etwas schwierig, doch es entwickelte sich dennoch ein starker Zusammenhalt unter den Schülern gegen den Drill, unter dem jeder litt. Gerhard Loescher beschreibt es so, dass sie als Schüler aufgrund der strammen Taktung und dem strengen Ton wenig Selbstbezug hatten, dennoch aber dadurch der Kontakt und „Austausch“ unter den Schülern umso wichtiger war.
Dennoch gab es auch Konkurrenz in den Einrichtungen. Die ständige Forderung nach Leistung und der anhaltende psychische Druck sorgten häufig für Wettbewerbssituationen unter der Schülerschaft. Eine dieser Wettbewerbssituationen war beispielsweise der Sport.
Ein weiterer Grundsatz der nationalsozialistischen Erziehung „Jugend muss durch Jugend geführt werden“ fand sich besonders im Erziehungsmodell der NPEAs wieder. Wenn es Streit oder Unstimmigkeiten unter den Schülern gab, hielten sich die Erzieher überwiegend zurück. Es galt demnach ein Zusammenhalt als Gruppe nach außen und zugleich Selbstbehauptung innerhalb der Gruppe und Konkurrenz. Dies stellt das System der Nationalsozialisten sehr gut dar; wer sich normgemäß und in der Gunst des Vorgesetzten verhielt, geriet in die Gunst des jeweilig Höhergestellten. Dies gilt nicht nur für die NPEAs, sondern auch für andere Ämter im Rahmen des Systems.
Bestrafung wegen homosexueller Neigungen
Männliche Homosexualität war in Internate schon immer aktuell; zur Zeit des NS wurde dies allerdings sehr stark bestraft, da es der NS-Ideologie in jeglicher Hinsicht widersprach. Kam heraus, dass ein Schüler homosexuelle Neigungen äußerte, wurde er meist von seinen Mitschülern verprügelt. Reichte dies nicht, um ihm das, aus den Augen des NS, „falsche Gedankengut“ auszutreiben, griff die Anstaltsleitung ein, indem sie den Schüler unter starkem psychischen Druck der Einrichtung verwiesen. Gerhard Loescher erzählte, dass er solch eine Situation einmal mitbekommen hat. Er sagt auch, dass solche Situationen immer wieder in verschiedenen NPEAs auftauchten und nie aufhörten.
Das Thema der Geheimhaltung wurde zur Zeit des Nationalsozialismus ganz groß geschrieben. Allerdings darf der Begriff der Geheimhaltung nicht dem Begriff der Tabuisierung gleichgesetzt werden. In den NPEAs wurde es beispielsweise verheimlicht oder eben nicht mit den Schülern „kommuniziert“, wenn ein Mitschüler aufgrund homosexueller Neigungen suspendiert wurde. Das Thema Sexualität wurde hier streng tabuisiert.
Ein weiterer Grund, weshalb die Entlassung eines Schülers im Falle von homosexueller Neigungen nicht offen kommuniziert wurde, war das Versagen des Lehrpersonals. Sie wurden in den NPEAs angestellt, um den Nachwuchs der NS-Elite auszubilden. Verhielt sich einer der Schüler nicht regelkonform, fiel dies sehr schnell auf das Lehrpersonal zurück. Eine Entlassung war daher die letzte und aus Sicht des NS einzig richtige Reaktion auf solche Situationen. Angeblich neigte aber auch das Lehrpersonal gelegentlich zu homosexuellen Neigungen.
Einsatz an der Front – „Jungmannen“ gegen die Alliierten
Die Frage, welches sein einprägsamstes Erlebnis in der Zeit in der NPEA gewesen ist, antwortete Gerhard Loescher nach einigen Sekunden Bedenkzeit mit der Antwort, dass er dies natürlich nur individuell beantworten könne und dass es für ihn der Kriegseinsatz 1944 gegen die vorrückende US-amerikanische Armee gewesen ist. Im sogenannten „Volkssturm“ wurden die Jugendlichen mit mehr oder weniger provisorischer Ausbildung und Material eingesetzt – im Falle Loeschers auf der Harzhochstraße. Er war zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt. Sieben der Schulkameraden Loeschers fielen im Gefecht gegen die Amerikaner; vier Weitere werden bis heute vermisst.
Loescher überlebte diesen Einsatz. Er konnte seine Uniform ablegen, sie gegen Zivilkleidung eintauschen und begegnete so der vorrückenden US-amerikanischen Front. Er gab sich als Kind im Rahmen der „Kinderlandverschickung“ (Evakuierungsmaßnahme seit der regelmäßigen Bombardierungen deutscher Städte ab 1942) aus und konnte so der Kriegsgefangenschaft entgehen. Nach sechs Tagen Fußmarsch kam er in seiner Heimatstadt Gütersloh an. Sein Elternhaus wurde drei Tage vor seiner Ankunft durch einen amerikanischen Bombenangriff zerstört – anschließend wurde die Stadt von den US-Amerikanern besetzt. Seine Eltern überlebten und er fand sie noch am gleichen Tag wieder.
Außerdem erzählt Gerhard Loescher, dass er als Einzelgänger viele Sonntagnachmittage während des sog. „Anstaltsverbot“ verbracht hat. Während der Rest der Gruppe gemeinsamen Aktivitäten nachging, unternahm er Spaziergänge/Wanderungen von teilweise 20 Kilometern durch den Harz. Dies äußerte sich ebenfalls in der Nachkriegszeit und bei den Treffen der Überlebenden in den 1980er Jahren. Gerhard Loescher war bei den großen Treffen nicht anwesend, sondern lediglich bei Treffen im Gedenken an die gefallenen Mitschüler im „Volkssturm“ gegen die US-Amerikaner.
Rezeption, Gedenken und Nachkriegszeit

Im Schloss Bensberg 30 km entfernt von Köln befand sich ebenfalls eine NPEA. Heute ist das Schloss Bensberg ein Fünf-Sterne-Luxushotel.
Die Erinnerung an die gefallenen Mitschüler brachte die Schüler der NPEA Ilfeld aus dem Jahrgang 128/29 wieder zusammen. Ein Treffen mit etwa zwölf Personen fand im Jahr 1995 erstmalig statt, berichtet Loescher. Bis ins Jahr 2016 trafen sie sich jährlich immer am 15. April. Dies war der Tag, an welchem die sieben „Jungmannen“ im „Volkssturm“ gefallen waren.

Die Gedenkstele vor dem Schloss Bensberg ist durch eine Schülerinitiative errichtet worden. Im Rahmen eines schulischen Literaturkurses hat sich die Q1 des Otto-Hahn-Gymnasiums Bensberg (Abitur im Jahr 2025) mit der NPEA Bensberg beschäftigt und mithilfe von Sponsoren diese Stele errichten lassen.
Die Gründe, warum ein derartiges Treffen erst 40 Jahre nach Kriegsende stattfand, können verschieden sein. Die wohl denkbarsten Gründe sind das Vergessen (wollen), noch nicht einsetzende Verarbeitung oder das wohl Fatalste: die Verdrängung. Loescher selbst hat, eigenen Angaben zufolge, mehrere Jahre gebraucht, bis er mit der Verarbeitung des Erlebten begann.
Im Allgemeinen sind die NPEAs im kollektiven Gedächtnis eher in den Hintergrund gerückt. Mit dem Generationenwechsel wird dieses Thema allerdings wieder stark in den Vordergrund gerückt. Im Fokus stehen diesbezüglich meist zwei Aspekte: Die Taten der „Jungmannen“ oder das, was ihnen angetan wurde. In den Hintergrund rückt hier allerdings die Verbindung dieser beiden Teilaspekte und der dadurch entstandene Zwiespalt zwischen Täter- und Opferperspektive, in der sich die Jugendlichen Tag für Tag befanden.
Fortführende Literatur
- Jodda-Flintrop, Stefanie: „Wir sollten intelligente Mütter werden“. Nationalpolitische Erziehungsanstalten für Mädchen 1938/1939-1945. 2009.
- Schilling, Wolfgang: Napola. Verführte Elite im Harz (Ballenstedt/Ilfeld). Grafisches Centrum Cuno, Calbe a.d. Saale 2018.







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