Nach meiner Matura habe ich 12 Monate mit dem Freiwilligendienst „Offenes Herz“ in Athen verbracht. Die Freiwilligen wollen Freundschaft leben – vor allem mit den Menschen, die alleine sind und leiden. Vor Athen dachte ich, dass ich dorthin gehe, um den Menschen vor Ort zu helfen. Aber dort habe ich täglich gesehen, dass ich so viel mehr geschenkt bekommen habe, als ich je geben könnte.
Als ich ankam, konnte ich die Sprache nicht sprechen und war neu in dieser großen Stadt. In den meisten Dingen war ich auf Hilfe angewiesen. Es waren ausgerechnet die Menschen, zu denen ich gekommen war, um ihnen zu helfen, die mir nun halfen. Ohne irgendetwas geleistet zu haben, wurde ich mit einer unglaublichen Wärme und Herzlichkeit aufgenommen. In diesem Artikel möchte ich von zwei Menschen erzählen, von denen ich sehr viel lernen durfte.
Begegnungen mit Geflüchteten: Menschlichkeit, die trägt
Bei meiner ersten Begegnung mit Clarine, als die „älteren“ Freiwilligen uns einander vorstellten, rief sie voller Freude „Willkommen“ und nahm mich fest in ihre Arme. Clarine ist alleinerziehende Mutter und mit ihren drei Kindern nach Griechenland geflüchtet. Sie besitzt eine sprühende Lebensfreude, und in unzähligen Momenten hat sie mich getröstet und aufgeheitert. Wenn sie Lieder aus ihrer Heimat sang oder lachte – und das tat sie beides oft –, dann war die Welt für ihre Kinder wieder in Ordnung.
Ich erinnere mich noch gut an einen Nachmittag, an dem wir sie von der Arbeit abholten und gemeinsam mit dem Bus nach Hause fuhren. Sie arbeitete als Reinigungskraft in einem Hotel. Ihr Chef war sehr cholerisch, die Bezahlung schlecht und die Arbeit körperlich extrem anstrengend. Als wir sie nach ihrem Tag fragten, erzählte sie dennoch ohne Groll oder Frust von ihrer Situation.
Hoffnung trotz schwieriger Lebensumstände
Dann sagte sie, dass sie am liebsten Medizin studieren würde, um Ärztin zu werden. Und dann – ganz so, wie sie es immer tat – sang sie ein Lied und lachte.
Giorgos lebt auf der Straße. Ich habe ihn das erste Mal getroffen, als wir im Herbst Jacken und Sandwiches an obdachlose Menschen verteilten. Einmal pro Woche gingen wir ins Zentrum, um Zeit mit denen zu verbringen, die dort lebten. Durch diese Regelmäßigkeit entstanden echte Freundschaften. Giorgos erzählte uns oft lustige Geschichten und kurze Anekdoten aus seinem Leben.
Leben auf der Straße: Verlust, Würde und Freundschaft
Mit der Zeit teilte er auch die schweren Kapitel seiner Geschichte. Früher war er Eventmanager großer Musikfestivals und hatte viel Geld. Doch als seine Frau und seine Tochter bei einem Autounfall ums Leben kamen, verlor für ihn all dieser Reichtum seinen Sinn.
Ich war oft erstaunt über seine Zufriedenheit und seinen Humor. Einmal erzählte er uns, dass er seit seiner Geburt auf einem Ohr taub sei. „Aber das ist sehr praktisch“, sagte er. „Wenn ich auf meinem gesunden Ohr schlafe, ist es ganz still und ich kann gut schlafen.“ Dann zeigte er uns, wie er sich hinlegt, und lachte aus vollem Herzen.
Lebensfreude im einfachen Alltag finden
Giorgos und Clarine haben mir ohne große Worte gezeigt, dass Freude im Leben oft im Annehmen liegt – und im scheinbar unscheinbaren Alltag. Dieses Geschenk war völlig unerwartet, und doch habe ich es so sehr gebraucht.
Diese Bedeutung stiller, verlässlicher Präsenz habe ich besonders stark in der Freundschaft mit Carlo erfahren. Er war ein älterer Mann, der allein in einer dunklen Wohnung lebte, weil er seine Stromrechnungen nicht mehr bezahlen konnte. Er war dement und kaum noch in der Lage, sich selbst zu versorgen. Einkaufen, Kochen oder Körperpflege waren für ihn nicht mehr allein zu bewältigen.
Einsamkeit im Alter: Warum Dasein alles verändern kann
Als es ihm immer schlechter ging, besuchten wir ihn täglich. Vor allem wollten wir einfach bei ihm sein, denn sonst war er den ganzen Tag allein. Nach einem Sturz kam Carlo ins Krankenhaus, wo er eine Woche später verstarb. In den Tagen davor durften wir Freiwilligen ihn noch besuchen – ich glaube, sonst hatte er keinen Besuch.
Bei seinem Begräbnis waren seine Tochter, der Pfarrer und wir. Meine Mit-Freiwilligen sangen ein sehr schönes Lied, und wir standen noch lange an seinem Grab. Carlo war ein sehr erfolgreicher Mann gewesen, hatte viel Geld verdient und die Welt gesehen. Es hat mich tief getroffen, dass ein Mensch so vergessen werden kann. Ich glaube, durch unsere täglichen Besuche wurde er immer wieder daran erinnert, wie groß sein Wert und seine Würde sind – und dass er nicht vergessen wurde.






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