„Wenn ich so denken würde wie du, wäre ich auch depressiv.“ „Du bist immer so mies gelaunt. Denk halt mal positiv.“ Das sind gut gemeinte Ratschläge, die meist von Menschen kommen, die keine psychische Erkrankung haben. Doch sind psychische Erkrankungen auch einstellungsbedingt? Und was kann ich daran verändern?

Der Start in eine psychische Krise
Bei mir hat sich nicht über Nacht eine Depression entwickelt. Das war ein schleichender Prozess, den ich manchmal nur als Beobachter, wie fremdgesteuert, mitbekam. Da lag eine schwarze Decke über mir, vernebelnde Gedanken, eine enorme Interessenlosigkeit und eine sich ausbreitende Lebensmüdigkeit.
Genau in dieser Zeit kamen körperliche Schmerzen und Einschlafstörungen dazu. Tagsüber war ich wie gerädert. Mitten in dieser Krise sprach ein Familienmitglied: „Du bist ja auch immer so mies gelaunt. Und zugenommen hast du auch noch. Ändere mal deine Lebenseinstellung!“ Mit diesem Ratschlag ist ein Teil meines Herzens gebrochen. Ich hörte aus diesen Worten: „Du bist selbst schuld, dass es dir so geht. Mit dir stimmt etwas gewaltig nicht.“ Ich zog mich innerlich zurück. Das Wort „Einstellung“ verbannte ich und verbarrikadierte mich dadurch selbst ein Stück weit aus meinem Leben. Ich projizierte meinen Schmerz in dieses Wort hinein und entfremdete mich von mir, weil es weh tat, nicht sofort meine Einstellung verändern zu können. Alles in allem empfand ich mich als wehrlos und handlungsunfähig.
Überdenken Sie mal Ihre Einstellungen!
Auch in meiner Klinik- und Therapiezeit hörte ich: „Sie leben überhaupt nicht nach Ihren Werten. Da schleppen Sie christliche Bücher mit sich herum. Ich sehe nicht, dass Sie das leben.“ Mit aufgerissen Augen und einem kleinen, inneren Schock verstummte ich. Im Grunde hatte ich ein Tagebuch mit einem Bibelvers auf dem Cover, das ich geschenkt bekam. Ich lebte in dieser Zeit nicht nach christlichen Werten. Warum nur, weist mich mein Umfeld stets auf meine Einstellungen hin? Warum kritisieren sie mich dafür? Durch diese Rückmeldungen glaubte ich noch mehr, dass ich an meinen Einstellungen gar nichts ändern könnte und dass ich ein ganz schlechter Mensch wäre. Ein Therapeut erklärte mir: „Sie leben nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Sie wollen, dass sich etwas verändert, aber Sie wollen nichts dafür tun.“ Und wieder verschloss ich mein Herz. Was stimmte mit mir nicht? Und wie kommen andere psychisch Erkrankte aus ihrer Krise? Machen die ihren Pelz nass?
Radikale Akzeptanz: Ich bin ein dürrer Baum?!
„Wenn man Menschen mit Bäumen vergleicht, dann sind psychisch Erkrankte halt eher dünnere Bäume oder ihr Holz ist nicht gleichsam resistent wie andere.“, klärte uns eine Therapeutin in einer Gruppentherapie auf. „Niemals werde ich das akzeptieren.“, raunte ich mir innerlich zu. „Ich bin ein starker Baum und bei jeder Krise werde ich ein wenig stärker. Ein dürrer Baum sein? Nein, das bin ich gewiss nicht.“ Gleichwohl sah meine Realität anders aus. Ich knickte tatsächlich des Öfteren ein und allmählich war auch ich überzeugt, ein schwächlicher Baum zu sein, der vielleicht gerade noch als Feuerholz taugt. In dieser Zeit haben mich mehrmalig freundliche Worte erreicht: „Schau mal, was du schon alles erreicht hast. Du bist kreativ. Ich wäre mit Sicherheit nicht schneller aus der Krise gekommen als du.“ Diese Worte haben mich sehr entlastet. „Ich genese in meinem Tempo und es wird gut werden.“, ermutigte ich mich selbst.

Ein Einstellungsfeld mit verschiedenen Funktionen ist sichtbar. Die Einstellungsmodi können durch das Ziehen eines Farbstreifens verändert werden.
Jahre später…
Als ich eines Tages an meinem Smartphone ein paar Einstellungen veränderte, indem ich eine Schaltfläche nach rechts wischte und diese grün würde, überlegte ich: „Das wäre genial, wenn ich meine Lebenseinstellung derart verändern könnte. Einmal nach rechts wischen und die gewünschte Funktion ist aktiviert oder deaktiviert.“ Doch wie könnte ich das in meinem Leben realisieren? Ich nehme an, diese Simplizität in meiner Entscheidungsfähigkeit entdeckt zu haben. Beispielsweise bin ich nicht fortwährend dankbar, nur weil ich meine Funktion „Dankbarkeit“ aktiviert habe. Aber ich habe meine Funktion „Entscheidung, dankbar zu sein“ aktiviert und daran erinnert mich meine Herzenseinstellung.
Im Herzen eines Smartphones können wir die Einstellungen nach unserem Ermessen und den vorgegebenen Auswahlmöglichkeiten verändern – folgendermaßen ist das in unserem Herzen auch möglich. Vermutlich liegt der Unterschied zwischen Smartphone und Menschen darin, dass wir uns entgegen der vorgenommen Herzenseinstellungen verhalten können.
Im Austausch mit anderen habe ich gelernt, dass wir uns oft nicht bewusst sind, welche Einstellungen wir in unserem Herzen vorgenommen haben. Welche Funktionen und Auswahlmöglichkeiten gibt es überhaupt? Welche sind mir wichtig? Wie integer möchte ich leben zwischen meinen Herzenseinstellungen und meinem äußerlichen Verhalten? Habe ich freiwillig und bewusst diese Herzenseinstellung gewählt? Oder habe ich unbewusst Einstellungen getroffen, zum Beispiel durch eine von mir als schmerzhaft interpretierte Erfahrung?
Versöhnung
Mittlerweile habe ich mich mit dem gut gemeinten Ratschlag „Dann ändere halt deine Einstellung!“ versöhnt. „Ja, vielen Dank, ich schau mal in meinen Einstellungen nach.“, antworte ich gelassen. Meine Einstellungen verstehen, sie zu betrachten, sie zu reflektieren und sie zu verändern ist vielleicht wie eine intensive, herausfordernde Bergtour auf einen Gipfel. Zu jedem Zeitpunkt habe ich die Chance, diverse Blickwinkel zu erhaschen und eine andere Perspektive einzunehmen. Manchmal ist es ein Ringen mit mir selbst, bekannte und verfestige Trampelpfade zu verlassen. Beispielsweise will ich mich bewusst an schöne Momente erinnern, wenn mein Blick an einer schwarzen Wolke kleben bleibt. Ebenfalls erinnere ich mich daran, dass ich meine „Wahlfreiheit“ als Funktion aktiviert habe. Konkret heißt das für mich, dass ich, zum Beispiel auf einen verbalen Angriff, mehrere Reaktionsmöglichkeiten habe. Davor war für mich oft nur die Funktion „Sofort Selbstschutz“ aktivieren in den Sinn gekommen. Heute stelle ich mir öfters mental meine Smartphone-Einstellungen vor und überlege, was ich in diesem Augenblick aktivieren oder deaktivieren möchte. Es steigert meine Handlungsfähigkeit und zeigt mir, dass ich selbstwirksam bin.
Psychische Erkrankung – einstellungsbedingt?!
Ich finde es spannend, dass von therapeutischer Seite vermehrt die Frage kommt: „Wie erklären Sie sich Ihre psychische Erkrankung?“ Wir (er-)schaffen durch unsere Wahrnehmung unsere inneren Wahrheiten. Folglich liegt es auf der Hand, unsere Bewertungen und Interpretationen in den Therapieprozess einzubeziehen. Rückblickend sehe ich, dass meine Lebenseinstellungen selbstverständlich in meinen psychischen Krankheits- und Genesungsprozess mitgewirkt haben. Therapeutisch wird auch grundlegend mit Glaubensgrundsätzen gearbeitet, die vielleicht ein Synonym für die Lebenseinstellungen sind. Wer war allerdings früher da – Henne oder Ei? Hat die Depression dazu beitragen, dass sich meine Gedanken verändert haben oder haben sich meine Gedanken verändert und eine Depression ist daraus entstanden? Wahrscheinlich gibt es keine konsequente Reihenfolge. Entscheidend sind die Wechselwirkungen zwischen Körper, Geist und Seele, der Anteil an genetischer Vorbelastung, das Ausmaß an Resilienz und die Einbindung in ein stabiles Umfeld. Wichtig ist für mich aktuell, dass ich maßgeblich meine Einstellungen verändern kann, sodass sie meiner Genesung zuträglich sind.
Welche Funktionen gibt es in deinen Herzenseinstellungen? Wie veränderst du diese? Schreib gerne deine Erfahrungen in die Kommentare.






Eine zufällige Begegnung, die mitten ins Herz traf – Innocent Mbarushimana und sein Zeugnis
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