Freiheit und Religion: ein nicht immer einfaches Thema. Hilfestellung für ein praktisches Glaubensleben, das Freiheit und Ernsthaftigkeit miteinander verbindet, findet sich an überraschender Stelle – bei den frühchristlichen Mönchen in der ägyptischen Wüste.

Teil einer Glaubensgemeinschaft zu sein, kann schnell belasten. Jede Religion hat gewisse „Erwartungen“ an den einzelnen Gläubigen; Gebote, an die es sich zu halten gilt. Auch wenn diese Regeln gute Absichten verfolgen, erwächst aus ihnen nicht selten ein Konflikt zwischen dem Wunsch nach Pflichterfüllung und dem Drang nach Freiheit. Es entsteht die Gefahr, auf beiden Seiten vom „goldenen Mittelweg“ abzukommen:
Blickt man immer nur auf die Pflichten, kann ein Erwartungsdruck entstehen, dem man kaum standhalten kann. Der Wunsch, die Gebote der Religion zu erfüllen, führt so im schlimmsten Fall zu innerem Unfrieden und sogar zur Vernachlässigung wichtiger Aspekte, wie Liebe und Sanftmut. Lässt man hingegen der Freiheit freien Lauf, so verliert der Glaube schnell an Substanz. Zusammen mit den „Zwängen“ können unter Umständen auch die Regeln über Bord geworfen werden, die für Orientierung und Halt im Glaubensleben sorgen.
Wie aber sollte man mit dieser Situation umgehen? Wie lässt sich der Konflikt lösen? Auf der Suche nach Antworten lassen sich Vorbilder in der Vergangenheit an unerwarteter Stelle finden.
Die Wüstenväter
Denkt man an Mönchtum und Ordensleben, kommt einem vermutlich nicht zuerst der Begriff „Freiheit“ in den Sinn. Man denkt möglicherweise eher an die Aufgabe der persönlichen Freiheit, an Unterordnung und ein festes Regelwerk. Umso erstaunlicher, dass gerade das frühe Mönchtum – genauer gesagt: die Wüstenväter – dem modernen Gläubigen wertvolle Lektionen zur Freiheit erteilen können.
Wer waren diese „Wüstenväter“? Unter dem Begriff versteht man christliche Mönche, die sich ab dem späten 3. Jahrhundert in die ägyptische Wüste zurückzogen, um ihr gesamtes Leben Gott zu widmen. Die bekanntesten Väter sind Antonius der Große (ca. 251-356) und Makarios der Ägypter (ca. 300-390). Die Mönche lebten weit im Hinterland von Alexandria in losen Siedlungen. Die Woche über verbrachten sie in ihren Zellen, am Samstag und Sonntag kam man in der Gemeinschaft zum Gottesdienst zusammen. Erfahrene Mönche wagten den Rückzug in die vollkommene Einsamkeit – sie werden „Anachoreten“ genannt, was sich vom griechischen Wort für „sich zurückziehen“ ableitet. Die ägyptischen Mönche lebten streng asketisch: Fasten, Nachtwachen, Gebet und Handarbeit waren ihre täglichen Begleiter.
Der „Geist der Väter“
Wo kommt da nun die Freiheit ins Spiel? Zunächst einmal verbanden die Wüstenväter mit der Bezeichnung “Mönch” zwar einen bestimmten Lebensstand. Das hieß aber nicht, dass nicht jeder im Inneren “Mönch”, also “Geeinter”, sein konnte – unabhängig von Stand, Alter und Geschlecht. Im Gegensatz zu späteren Ordensgemeinschaften kannten die Wüstenväter keine feste Ordensregel. Die Mönche orientierten sich an ihren Vorläufern, schöpften aus deren Erfahrungen und passten diese an ihre eigenen Lebensumstände an.
Die grundlegende asketische Lebensweise war wegweisend. Wie die Aspekte im Einzelnen umgesetzt wurden, stand den Mönchen frei. Als Beispiel schreibt Johannes Cassian (ca. 360-435), der viele Jahre in der ägyptischen Wüste verbrachte und später bei Marseille zwei Klöster gründete, über das Fasten:
„Es ist nun nicht leicht, für das rechte Maß des Fastens eine einheitliche Regel zu beachten. Denn weder hat jeder Körper dieselbe Kraft, noch wird das Fasten allein durch die Willenskraft des Geistes zustande gebracht.“
Er führt weiter aus, dass jeder unterschiedliche Mengen zur Sättigung benötigt und nicht jedem dieselben Speisen gleich bekömmlich sind. Entsprechend muss es Freiheit für individuelle Lösungen geben. Vergleichbares gilt für die anderen Lebensbereiche: „Ohne Unterlass zu beten“ (vgl. 1Thess 5,17) kann sich sowohl in regelmäßigen Stoßgebeten oder dem Rezitieren von Bibelversen als auch im wortwörtlichen dauerhaften Beten äußern. Und auch in Hinblick auf die Arbeit gab es Mönche, die Gemüse anbauten, während andere Bücher abschrieben oder Körbe flochten.
Discretio – das „Steuerruder“ im Glaubensleben
Unser modernes Leben bietet dabei noch weit mehr Möglichkeiten als die Spätantike. Neue Berufsfelder entstehen, Lebensentwürfe werden vielfältiger. Der „Geist der Väter“ lässt sich wunderbar integrieren: Für den Glauben spielt es erst einmal keine Rolle, welche Tätigkeit man ausübt oder welche Glaubenspraxis vorherrscht. Es ist viel mehr die Frage, in welcher Weise man den einzelnen Dingen nachgeht.
Die Wüstenväter maßen einer in dieser Hinsicht sehr hilfreichen Tugend einen besonderen Stellenwert bei: Johannes Cassian nennt sie Discretio. Die Discretio zeichnet sich durch zwei Teilaspekte aus. Erstens: Maßhaltung. Zweitens: Dem Vorbild der Väter folgen – also denen, die einem im Glauben vorausgegangen sind. Von Antonius dem Großen ist überliefert, dass er die Discretio als die wichtigste Tugend ansah, da mit ihr alle anderen stehen oder fallen. Gabriele Ziegler, Theologin und Expertin für das frühe Mönchtum, fasst den Nutzen der Discretio mit Bezugnahme auf den Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei folgendermaßen zusammen: „Die Discretio wird als das Steuerruder bezeichnet, das uns durch die Fluten bringt. […] Sie lässt uns maßvoll in jeder Hinsicht leben. […] Mithilfe der Discretio können wir Ägypten, das Land der Unfreien, verlassen und als Freie vorangehen.“
Den Bogen nicht überspannen
Einmal unterhielt sich Antonius der Große mit ein paar jungen Mönchen. Sie lachten und scherzten ausgelassen. Da kam ein Jäger vorbei und empörte sich über das “unangemessene” Verhalten der Mönche. Antonius gab ihm ein Gleichnis und sprach: „Spanne deinen Bogen!“ Der Jäger tat, wie ihm aufgetragen wurde. Daraufhin sprach der Heilige: „Spanne ihn noch weiter!“ Der Jäger folgte erneut der Aufforderung. Als Antonius ein drittes Mal sprach, wand der Jäger ein: „Wenn ich über das Maß spanne, dann bricht der Bogen.“ Daraufhin löste der Wüstenvater das Gleichnis auf: „So ist es auch mit dem Werk Gottes. Wenn wir die Brüder über das Maß anspannen, versagen sie schnell. Man muss also den Brüdern ab und zu entgegenkommen.“
Das gilt natürlich nicht nur für die Brüder des Antonius, sondern auch für jeden einzelnen von uns: So wie selbst ein Spitzensportler nicht täglich mit maximaler Intensität trainieren kann, können auch wir von uns nicht ständig neue „Höchstleistungen“ im religiösen Leben abverlangen.
Und so sind es am Ende das richtige Maß und der Blick auf geeignete Vorbilder, die dabei helfen können, die Balance zwischen Regel und Freiheit zu finden. Der persönliche Glaubensweg ist so lang wie das Leben selbst – Übermaß zu jeder Seite ist hinderlich. So gibt es eine Zeit zum Fasten und eine Zeit, seine Gäste mit Kochkünsten zu verwöhnen. Es gibt eine Zeit für Arbeit und eine Zeit für Ruhe. Es gilt, bei allem den Blick nicht von Gott abzuwenden, denn für ihn ist jede Zeit – auch die Auszeit.






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