Zu jeder Zeit und an jedem Ort können wir uns heute informieren. Doch es gibt Ereignisse, die uns mit der Frage konfrontieren, welcher Quelle wir trauen können. Was beispielsweise geschah mit Flug MH-17? Das britische Recherchenetzwerk bellingcat sorgte für Aufsehen, als es verkündete, die Wahrheit aufgedeckt zu haben.
Durch die Globalisierung, die sozialen Medien und einen enormen technischen Fortschritt steht uns eine noch nie dagewesene Bandbreite an Informationen zur Verfügung. Wo also liegt das Problem, wenn Wissen und Informationen noch nie so leicht zugänglich waren wie heute? Die Schwierigkeit liegt darin, dass im Internet jeder Informationen verbreiten kann, Quellen aber kaum nachzuverfolgen sind und so theoretisch jeder Falschinformationen streuen kann. Dieser Extremfall ist die Ausnahme, doch wir alle stehen vor der Problematik, aus einer Fülle von Informationen auswählen zu müssen.

Kaum öffne ich Facebook oder mein E-Mail-Postfach, werden mir viele Möglichkeiten dargeboten, die neuesten Meldungen zu lesen, Berichte die Freunde teilen, anzusehen und immer weiter zu verzweigen. Nach zwei Stunden finde ich mich mit gefühlt hundert geöffneten Tabs wieder und stehe vor der Wahl, was ich denn nun alles lesen und vor allem was ich glauben soll. Auch abseits des Internets ist es schwierig, sich über das Weltgeschehen zu informieren. Nur noch wenige Medienunternehmen können die Kosten für aufwendige Recherchen tragen und stehen unter enormen Zeitdruck, schnellstmöglich Informationen zu liefern. Zudem können in Konflikten wie dem Syrienkrieg aus Sicherheitsgründen kaum noch Korrespondenten vor Ort eingesetzt werden, wodurch die Medien kaum noch Informationen aus erster Hand erhalten. Wir leben in einer Welt, in der wir theoretisch alles erfahren können, weil wir die elektronischen Mittel besitzen. Eine Welt in der jedoch auch staatliche Propaganda und widersprüchliche Vermutungen kursieren. Dadurch ist Wahrheit nur noch schwer fassbar, wie der Abschuss der MH-17 zeigt.
Wer schoss MH-17 ab?

2014 wurde das Passagierflugzeug der Malaysia Airlines über prorussisch kontrolliertem Gebiet in der Ostukraine abgeschossen und 298 Insassen, darunter 193 Niederländer und vier Deutsche, getötet. Der Abschlussbericht der niederländischen Untersuchungskommission sagt aus, dass es eine Buk-Rakete war. Was hingegen nicht geklärt wurde, ist die Schuldfrage zwischen der Ukraine und Russland. Die westlichen Medien konnten sich nur schwer ein Bild der Lage machen und übernahmen eindeutig die Seite der Ukraine. Das russische Verteidigungsministerium veröffentlichte zwei Satellitenbilder, um zu beweisen, dass ukrainische Streitkräfte Schuld waren und sich ein Buk-Raketenwerfer nicht mehr am Stützpunkt nördlich von Donezk befand. An diesem Punkt der Spekulationen schaltete sich bellingcat ein.

Bellingcat: die Plattform für jedermann

Gegründet vom früheren Finanzangestellten Eliot Higgins, ist Bellingcat eine investigative Rechercheplattform unter dem Motto „for and by citizen investigative journalists“, die sich vor allem den Ereignissen in Kriegs- und Krisengebieten widmet. Sowohl Experten der Tagesschau als auch Amnesty International schätzen Bellingcat als sichere und präzise Quelle, die weitaus schneller als andere Rechercheteams Auswertungen liefert. Der Begriff „citizen“ meint nicht nur, dass jeder an der Plattform teilhaben darf, sondern auch, dass zivil frei verfügbare Technologien zum Einsatz kommen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Higgins und sein Team aus Freiwilligen nutzen Satellitenbilder, Fotos und Youtube-Videos, um in einer Art Puzzle Fakten zusammenzufügen, zu prüfen und ihrem selbstgestellten Auftrag nachzukommen. Der lautet fernab des Drucks für ein bestimmtes Medium gewinnbringend produzieren zu müssen, Informationen zu prüfen und staatliche Propaganda zu entlarven. „Belling the cat“ bedeutet übersetzt eine scheinbar unmögliche Aufgabe zu lösen und so dringt Higgins mit seinem Team in Sphären ein, die bisher nur Geheimdiensten vorbehalten zu sein schienen. Begonnen hatte Higgins seine Arbeit 2012 als er Videos aus dem syrischen Bürgerkrieg auszuwerten begann, mit denen er den Einsatz von Streubomben und chemischen Waffen durch den damaligen Machthaber Baschar al-Assad nachwies. Am 15. Juli 2014 gründete Higgins mithilfe privater Spenden bellingcat. Er arbeitet heute als Berater, gibt Workshops und Vorträge und will bellingcat zu einer NGO ausbauen, die sich rein durch Crowdfunding finanziert.
Für bellingcat schreiben Experten von NGOs beispielsweise über die Ukrainekrise, mexikanische Drogenkriege oder die Einnahme von Inseln im Südchinesischen Meer durch China. Gleichzeitig sind Bürger aufgerufen, auf einem „check desk“ Videos anzusehen, um einzelne Details in Aufnahmen zuzuordnen. Das können bestimmte Waffengattungen oder auch Informationen zum Aufnahmeort sein.
Können normale Bürger Kriegsverbrechen aufdecken?
Theoretisch ja und das, ohne ihr Haus zu verlassen, denn die Plattform wertet im Internet frei zugängliches Material aus. Higgings nutzt hierzu eine forensische Analyse und genau dieses Vorgehen brachte ihm herbe Kritik und selbst den Vorwurf der Falschinformation ein. Kurz nach den Veröffentlichungen zu Flug MH-17 kritisierte die von bellingcat verwendete Analysesoftware fotoforensics.com die Thesen als fehlerhaft und nicht aussagekräftig. Bellingcat zufolge war es ein russisches Raketenabwehrsystem, das am Tag vor dem Absturz in das von russischen Rebellen kontrollierte Gebiet gefahren war und am Tag nach dem Absturz wieder abgezogen wurde. Viele westliche Medien berichteten in der Folge, Russland habe Aufnahmen ukrainischer Waffensysteme verändert und umdatiert, um der Ukraine die Schuld zuzuschieben. Die Methode, die bellingcat verwendet, hängt letztendlich von der Interpretation des Empfängers ab. Sie basierte im Fall der russischen Satellitenbilder darauf, etwa farbliche Unterschiede zwischen abgespeicherten Bildern und den Originalen zu finden. Kritiker merken an, dass die identifizierten Unterschiede auch einfach daher rühren können, dass das russische Verteidigungsministerium die Bilder in Photoshop präsentierte und Textbausteine und Rahmen zur Erklärung einfügte. Im Gedächtnis der westlichen Medien verankerte sich dennoch die These bellingcats, wonach Russland die Buk-Raketenwerfer der Ukraine auf Satellitenbildern einfach nachträglich einfügte.
Bellingcat zeigt die Schwierigkeit, sich inmitten zahlreicher Vermutungen und Spekulationen zurechtzufinden und dass in manchen Konflikten die Wahrheit wohl nie letztendlich feststellbar ist. Obwohl er nicht zur Klärung von MH-17 beitragen konnte, sollte der Wert von citizen journalism nicht unterschätzt werden. Ein weiteres Beispiel zeigt, dass zivile Informationstechnologien großes Potential besitzen.
Amnesty International: Wie Straftäter verurteilt und Menschenleben geschützt werden können
Christoph Koettl von Amnesty International deckte die grausamen Hinrichtungen von 640 mehrheitlich unbewaffneten Zivilisten durch Boko Haram und die nigerianischen Armee im Jahr 2014 auf. Hierzu hatte er 14 Monate lang über 150 Videos analysiert. Oft ist die Qualität der Aufnahmen schlecht, doch im Gegensatz zu bellingcat interviewt Amnesty Augenzeugen und sammelt vor Ort noch mehr Informationen. Sie ermutigen Bürger Handyaufnahmen zu machen und stellen auf der Homepage Guidelines und Workshops zur Verfügung, um zu zeigen, was frei verfügbare Tools wie Google Earth Pro ermöglichen. Es gibt also Möglichkeiten der Wahrheit in Konflikten ein Stück näher zu kommen, auch wenn beides noch nicht ausgereift ist. Um absolut sicherzugehen, wären größere Datensysteme nötig und mehr Experten der Vereinten Nationen oder von NGOs. Doch dann ist es denkbar, nicht nur vergangene Verbrechen aufzudecken, sondern auch mithilfe von Karten und Aufnahmen die Bürger in den jeweiligen Regionen vor Umweltkatastrophen, vor Chemiewaffen oder Minen zu warnen.






Die Olympischen Trauerspiele: Ein Kommentar
Haettest mal selber recherchieren sollen.