Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Behinderungen sind in unserer Gesellschaft eindeutig eine Minderheit, sodass sie im Alltag auffallen. Man hört regelmäßig von Initiativen, die Menschen mit Behinderung bei der Ausbildung und Arbeit, zusammen mit Menschen ohne Behinderung, stärker einbeziehen wollen. Doch gelingt das?
Integration in der Vergangenheit
Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass sich der Umgang mit Menschen mit Behinderung über die Zeit verändert hat. Schriften aus dem alten Ägypten (circa 2600 vor Christus) berichten, dass Menschen mit Behinderungen in der Gemeinschaft integriert waren und sogar wichtige Aufgaben anvertraut bekamen.
Bereits in der römischen und griechischen Antike änderte sich das: Menschen wurden zunehmend nach ihrer Leistungsfähigkeit für die Gemeinschaft bewertet. Wer nicht wie die Mehrzahl der Menschen arbeiten konnte, war „unbrauchbar“ und wurde direkt nach der Geburt getötet oder zum Betteln gezwungen. Im Mittelalter wurden behinderte Kinder vom Reformator Martin Luther, der hier den Glauben der damaligen katholischen Kirche vertrat, als „vom Satan in die Wiege gelegtes Stück seelenloses Fleisch, das man ersäufen muss” bezeichnet. Dies steht klar im Widerspruch zur Aussage von Jesus: „Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet.“ (Matthäus 18, 10). Noch vor knapp 100 Jahren wurden hierzulande Menschen mit Behinderungen als „wertlos“ erachtet, weggesperrt oder ermordet.
Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann man, über die Eingliederung von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft nachzudenken. Bei der „Integration“ war man bemüht, Benachteiligte in bestehenden beruflichen Strukturen einzubeziehen. So konnten manche bei der Herstellung einfacher Gebrauchsgüter (zum Beispiel Bürsten oder Holzspielzeuge) mitwirken. Es dauerte noch weitere 50 Jahre, bis man erkannte, dass sich nicht Menschen mit Beeinträchtigung an die vorhandenen Strukturen anpassen sollten, sondern die Lebensumstände verändert werden müssten, um den Bedürfnissen der Betroffenen gerecht zu werden. Diese sogenannte „Inklusion“ soll Menschen mit Einschränkungen einen möglichst ungehinderten Zugang zu allen Lebensbereichen – von der Bildung bis zum Arbeitsmarkt – verschaffen und ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen.
Wann beginnt Inklusion?

Eine Inklusion kann schon früh beginnen: Das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung ist ein vorbildlicher Ansatz, der an manchen Schulen praktiziert wird.
Unter dem Motto „Grundschule gemeinsam“ besuchen beispielsweise Kinder mit und ohne geistiges oder körperliches Handicap einen Teil der Grundschule der Freien Evangelischen Schule Lörrach (FES). Das Format „GymnasiumGemeinsam“ ermöglicht es Schüler*innen mit und ohne Behinderung, bestimmte Lehrinhalte zusammen zu bearbeiten. Dabei wird entdeckt, dass jedes (!) Kind besondere Begabungen hat. Die tägliche Begegnung und der Austausch zwischen den Schüler*innen während des gemeinsamen Unterrichts, in den Pausen sowie bei Ausflügen fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl und einen respektvollen Umgang miteinander.
Menschen mit Behinderung werden seit 2006 von den Vereinten Nationen (UN) nicht mehr als krank, sondern als vollständig gleichberechtigt betrachtet. Menschen mit Behinderung haben mittlerweile mehr Rechte, doch werden diese auch gewährt? Wie sieht das Leben von Menschen mit Behinderung jenseits von Inklusionsprojekten aus? Studien zeigen, dass trotz aller Bemühung um Inklusion, Menschen mit Behinderungen in Deutschland immer noch täglich Ablehnung und Ausgrenzung erfahren – auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt und bei der Nutzung von Verkehrsmitteln.
Die Angst vor der „Andersartigkeit“
Die Schaffung von mehr Barrierefreiheit ist daher essenziell und muss weiterhin vorangetrieben werden. Das umfasst bauliche Maßnahmen, die den Zugang zu öffentlichen Bereichen und die Fortbewegung erleichtern (beispielsweise Rampen statt Stufen und Treppen), sowie verbesserte Kommunikationsmittel (wie akustische Ampelsignale für Sehbehinderte) und die Vereinfachung von Formularen und Behördendokumenten. Das größte Hindernis für Inklusion liegt jedoch nicht in den äußeren Strukturen, sondern in den inneren Vorbehalten der nicht-behinderten Menschen.
Die Angst vor dem „Andersartigen“ ist in uns Menschen tief verwurzelt, so die Forscher der Disability Studies der Universität Köln. Um Menschen mit Einschränkungen nicht mehr als Ausnahme, sondern als Regel zu begreifen, ist laut den Forschern ein umfassendes Umdenken und vor allem ein „Andersfühlen“ erforderlich. Eine Veränderung könne nur erreicht werden, wenn Menschen ohne Behinderungen regelmäßig im Alltag, in der Schule, am Arbeitsplatz und im Supermarkt auf Menschen mit Behinderungen treffen. Durch diese alltäglichen Begegnungen, das Erleben positiver Erfahrungen, das Wahrnehmen der Persönlichkeiten hinter den Behinderungen und das Entdecken von Gemeinsamkeiten kann diese Angst überwunden und eine echte Veränderung bewirkt werden. Hier ist jeder einzelne von uns gefordert.
Der Glaube als Unterstützung
Bei alldem kann der Glaube helfen. Ob der eigene Glaube Inklusion fördern kann, hängt davon ab, wie man ihn lebt. Viele Religionen vermitteln Werte wie Nächstenliebe, Respekt und dass alle Menschen gleich viel wert sind. Wenn diese Werte ernst genommen werden, kann Glaube dazu beitragen, dass Menschen offener miteinander umgehen und niemand ausgeschlossen wird. Religiöse Gemeinschaften können Orte sein, an denen sich Menschen angenommen fühlen, egal ob sie eine Behinderung haben, aus einem anderen Land kommen oder anders leben als die Mehrheit. Jeder einzelne ist wertvoll und wird, so wie er ist, von Gott geliebt.






Wahre Schönheit – Zwischen Schein und Wirklichkeit
Schreibe einen Kommentar