
Wie Gott sein Team auswählt
Was mich an den meisten Geschichten in der Bibel fasziniert, ist die scheinbar willkürliche Auswahl an Menschen, die Gott trifft, um seine Pläne auf Erden zu verwirklichen. Die allermeisten von ihnen sind in der damaligen Historie eher unbedeutend, unqualifiziert und teilweise viel zu jung, um wirklich Weltbewegendes verändern zu können, oder? Teilweise wirkt es doch fast schon ironisch, wie er Menschen aus der letzten Reihe zu Helden der Geschichte macht.
Ich denke da beispielsweise an David, dessen Vater ihn nicht einmal zur Königsauswahl eingeladen hat – so unbedeutend war er als Jüngster unter seinen Brüdern – und doch wurde er im Verlauf der Geschichte zu einer der größten Figuren, deren Psalmen noch heute unzählige Menschen bewegen und berühren. Oder die Geschichte, als Gott den jungen Samuel in der Stille des Tempels ruft, während der erfahrene Priester Eli seine Stimme nicht erkennt. Aus dem kleinen Samuel wird ein Prophet für ein ganzes Volk.
Auch im Neuen Testament gibt es unzählige Beispiele. In erster Linie die junge Maria aus dem unbedeutenden Nazareth. Sie besitzt weder Macht noch Rang, doch Gott traut ihr das Größte zu und legt die Hoffnung der Welt in ihren Schoß. Wenn du also der- oder diejenige warst, die im Sport immer als Letzte ins Team aufgerufen wurde, kannst du dir sicher sein, dass Gott dich als Ersten gewählt hätte.
“Wenn du der- oder diejenige warst, die im Sport immer als Letzte ins Team aufgerufen wurde, kannst du dir sicher sein, dass Gott dich als Ersten gewählt hätte.”
Ein kleiner Ort mit weltweiter Bedeutung
Gott liebt es nämlich, mit uns Menschen an seinem Heilsplan zu kooperieren, und die Auswahl seines Teams lässt schon ein klares Muster erkennen. „Er beruft also nicht die Fähigen, sondern befähigt die Berufenen“, sagt ein schönes Zitat. So auch bei der Geschichte des Wallfahrtsortes Fatima, den mein Mann und ich vor Kurzem mit unserer kleinen Tochter besuchten.
Fatima ist ein kleiner Ort in Portugal, der weltweit bekannt wurde, weil dort 1917 drei Hirtenkinder Marienerscheinungen erlebt haben sollen. Heute kommen jedes Jahr Millionen Pilger dorthin, um zu beten, Kerzen zu entzünden und ihren Glauben zu vertiefen. Im Zentrum steht ein großer Wallfahrtsplatz mit einer Basilika und der Erscheinungskapelle, wo die Kinder Maria gesehen haben sollen.
Für viele Menschen ist Fatima mehr als nur ein Ort. Es ist ein Symbol für Hoffnung mitten im Krieg, für geheimnisvolle Botschaften, für Prophezeiungen, die bis heute nachhallen. Unzählige Geschichten, Deutungen und geschichtsprägende Ereignisse ranken sich darum. Mittlerweile gibt es neben zahlreichen Dokumentationen auch einen Spielfilm: „Das Wunder von Fatima – Moment der Hoffnung“. Wenn du dich mehr mit den Inhalten der Botschaften von Fatima beschäftigen willst, empfehle ich dir, es direkt auf der Vatikanseite nachzulesen, denn dort wurden auf Wunsch von Papst Johannes Paul II. von der Kongregation für die Glaubenslehre alle Teile der „Geheimnisse von Fatima“ veröffentlicht.
Doch in diesem Beitrag will ich den Scheinwerfer auf die drei Kinder richten, ohne die dieser Ort vermutlich nur ein unbekanntes Dorf auf der Landkarte geblieben wäre.

Kinder mit einer unbequemen Botschaft
Heute sollen sie im Rampenlicht stehen: Lucia Rosa dos Santos sowie die Geschwister Jacinta und Francisco Marto. Zwei von ihnen – Francisco und Jacinta – wurden bereits von Papst Franziskus heiliggesprochen. Ich habe diesen Wallfahrtsort schon einige Male besucht, und doch inspiriert mich die Geschichte hinter diesen Namen jedes Mal aufs Neue.
Diesmal hatte ich, wie bereits erwähnt, die Gelegenheit, meiner kleinen Tochter diesen besonderen Ort zu zeigen und ihn durch ihre Augen neu wahrzunehmen. Mit ihr auf dem Arm fragte ich mich einmal mehr, warum Gott ausgerechnet diese einfachen Hirtenkinder auswählte – im Alter von gerade einmal sechs bis zehn Jahren – und ihnen dann auch noch Themen anvertraute, die selbst Erwachsene lieber umgehen würden: Buße, Umkehr, Sühne und dergleichen. Nicht gerade kinderfreundliche Themen, oder?
Standhaft trotz Spott und Druck
Jona aus dem Alten Testament wäre vermutlich längst ein weiteres Mal davongelaufen und hätte sich lieber wieder vom Wal verschlucken lassen, als solche unbequemen Botschaften unter die Leute zu bringen. Und auch das Trio von Fatima war – mit Ausnahme der ältesten, Lucia – nicht unbedingt für überragendes Selbstbewusstsein oder große Redelust bekannt. Zeitgenossen beschrieben Francisco und Jacinta als zurückhaltend, sensibel und eher kontemplativ veranlagt.
Wie konnte man von ihnen verlangen, ihre Erfahrungen so mutig öffentlich zu schildern? Zumal sie dafür keineswegs mit Applaus oder Anerkennung belohnt wurden. Im Gegenteil: Die Dorfbewohner verspotteten sie, die eigene Pfarrei setzte sie unter Druck, politische Behörden verhörten sie, und zeitweise wurden sie sogar ins Gefängnis gesperrt. Doch all diese Drohungen zeigten keine Wirkung. Die drei Kinder blieben standhaft bei dem, was sie gesehen und gehört hatten, und erfüllten unbeirrt den Auftrag, den ihnen der Himmel anvertraut hatte, ungeachtet der Hindernisse, die sich ihnen in den Weg auftürmten.
Drei Dinge, die wir uns von Jacinta, Francisco und Lucia abschauen sollten
1. Glaube ist kein „Erwachsenen-Privileg“
Viele glauben, dass Glaube nur mit Erfahrung, Alter oder Bildung kommt. Aber die Botschaft von Fatima zeigt: Kinder können sensibel wahrnehmen, was wirklich zählt, und kooperieren auf einzigartige Weise im Team Gottes.
Vielleicht kennst du das Vertrauensspiel: Jemand steht hinter dir, öffnet seine Arme, und du sollst dich blind nach hinten fallen lassen im Vertrauen darauf, dass du gehalten wirst. Aus meiner Arbeit mit Jugendlichen weiß ich, dass es bereits in diesem Alter anfängt, dass man dabei zögert, sich nicht traut, skeptisch ist, ob man auch wirklich aufgefangen wird. Nicht selten braucht es mehrere Anläufe, bis die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sich wirklich fallen lassen.
Ganz anders ist es, wenn man dieses Spiel mit Kindern spielt. Natürlich darf und soll ein „Kinderglaube“ reifen und wachsen, aber dennoch ist es wichtig, dass man die Leichtigkeit dabei nicht verliert. Echter Glaube braucht dieses kindliche Vertrauen, dass es jemanden gibt, der einen auffängt, wenn man sich fallen lässt. Vielleicht ist es das, was Jesus meinte, als er seinen Jüngern, die die Kinder von ihm fernhalten wollten, drastisch entgegnete:
„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen“ (Mt 18,3).
2. Mut entsteht nicht durch Größe, sondern durch Vertrauen
Die Kinder von Fatima kannten Krieg, Drohungen, und sie kannten Angst, aber sie vertrauten etwas Größerem als ihren Zweifeln. Sie blieben im Glauben standhaft, auch wenn keiner sie verstand. Das ist für mich eine Definition von Mut.
Sich trotz Unsicherheiten und Angst auf etwas oder jemanden einzulassen, weil man darauf vertraut, dass es gut ausgeht, auch wenn es einem keiner garantieren kann. Wann warst du das letzte Mal so richtig mutig? Ich bin ehrlich: Bei mir scheitert es schon daran, bei meinen Nachbarn zu klingeln, wenn mir eine wichtige Zutat für das Rezept fehlt.
Aber waren wir nicht einst alle ein bisschen mutiger? Haben wir es vielleicht verlernt, weil Mut auch bedeutet, sich gegen den Mainstream zu stellen, Risiken einzugehen, eine eigene Meinung zu vertreten oder an persönlichen Überzeugungen festzuhalten und dazu zu stehen? Vielleicht wurde man durch zu viele Rückschläge und Kritik frustriert und hat gelernt, den gemütlicheren Weg einzuschlagen. Wenn ja, dann lass dich heute von den Hirtenkindern neu ermutigen.
3. Vorangehen – auch wenn es etwas kostet
Bisher wurde noch nicht erwähnt, dass die bereits heiliggesprochenen Kinder Francisco und Jacinta wenige Jahre nach den Erscheinungen im Kindesalter an Lungenkrankheiten starben, nachdem sie sich mit der Spanischen Grippe angesteckt hatten. Leiden hat nicht immer einen „logischen Grund“ oder gar eine plausible Erklärung. Selbst im Licht des Glaubens lässt sich keine vollständig überzeugende Antwort auf die Frage nach dem Leid geben.
Und doch kann Leiden Bedeutung gewinnen. Im Zusammenhang mit der Drangsal, der sie in den Jahren der Erscheinungen ausgesetzt waren, wurde ihr kurzes Leben zu einem eindrucksvollen Zeugnis der Liebe und der Hoffnung für eine weltweite Gemeinschaft von Gläubigen.
Die Wahrheit zu verkünden, kann etwas kosten – manchmal sogar sehr viel. Doch wie es der heilige Franz von Assisi ausdrückte:
„Wo Liebe ist und Weisheit, da ist weder Furcht noch Unwissenheit.“
So wurde ihr Leiden nicht sinnlos, sondern zu einer Quelle der Ermutigung und des Glaubens für viele Menschen bis in die heutige Zeit. Es kann für dich also heißen: Deine Erfahrungen, dein Ringen und sogar deine Zweifel können wichtig sein. Gott sucht sich für sein Team keine Menschen mit perfekten Lebensläufen. Oft spricht er nämlich gerade durch die, die „zu jung, zu unqualifiziert und zu unbedeutend sind, um gehört zu werden“.







Die „große“ Karriere – mehr wert als das eigene Leben?
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