Bei einer Ernährungsanamnese erzählte mir eine fast 90-jährige Frau ihr Geheimnis für ein langes, gesundes Leben: „Ich habe viel geschafft – und viel gelacht.“ Zuerst stutzte ich. „Schaffen“ – so sagt man in der Schweiz, wenn man arbeitet. Aber wie kann Arbeit, die oft mit Stress verbunden ist, zur Gesundheit beitragen? Je mehr ich über ihre Geschichte nachdachte, desto klarer wurde mir: Arbeit ist mehr als Müssen. Sie kann eine Quelle von Freude, Gemeinschaft und Sinn sein.
Arbeit – mehr als nur Broterwerb
Die Frau erzählte mir von ihrem Leben in der Gastronomie. Dort hatte sie immer viel Bewegung, Kontakt mit Menschen und eine lebendige Atmosphäre mit den Kollegen. Einmal leitete sie sogar ein eigenes Restaurant. Doch das machte ihr wenig Freude – der Druck, die Verantwortung, das ständige Rechnen. Sie verkaufte es wieder und kehrte zurück in den Service, wo sie aufblühte: im Miteinander, in der Bewegung, in der Nähe zu den Gästen.
Besonders eindrücklich war, dass sie betonte: Sie habe bei der Arbeit nicht nur viel gearbeitet, sondern auch unglaublich viel gelacht. Dieses Zusammenspiel – Arbeit und Lachen – sei ihr Gesundheitsrezept gewesen. Und wenn man genauer hinschaut, gehörte auch die viele Bewegung dazu, die ihr Berufsalltag mit sich brachte.
Der Mensch ist zum Arbeiten gemacht
Arbeit gehört zutiefst zum Menschsein dazu. Wir wollen tätig sein, gestalten, etwas bewegen. Schon kleine Kinder zeigen uns das: Sie bauen, probieren, erschaffen. Und dieses Bedürfnis bleibt – ob in der Küche, im Garten, im Beruf oder im Ehrenamt.
Arbeit im ursprünglichen Sinn bedeutet nicht Ausbeutung, sondern Lebendigkeit. Sie strukturiert den Tag, lässt uns Neues lernen und gibt uns das Gefühl: „Ich kann etwas beitragen.“
Arbeit und Gesundheit – ein unterschätztes Duo
Was wir aus dem Beispiel der alten Frau ableiten können: Arbeit wirkt dann besonders gesundheitsförderlich, wenn Freude, Gemeinschaft und Bewegung dazukommen. Denn während in vielen Berufen heute das lange Sitzen zum Alltag gehört – was auf Dauer auch belasten kann – lag in ihrem Arbeitsalltag das Gegenteil: körperliche Aktivität, soziale Kontakte und Heiterkeit.
Es ist also nicht die Arbeit an sich, die krank oder gesund macht – sondern wie wir arbeiten und welche Lebensqualität damit verbunden ist.
Gesellschaftlicher Druck – und die Frage nach dem Wert
Natürlich leben wir in einer Gesellschaft, in der Arbeit eng mit Geld und Leistung verknüpft ist. Viele Menschen spüren hohen Druck, lange Arbeitszeiten und die ständige Erwartung, produktiv zu sein. Geld ist notwendig, um zu leben – und gleichzeitig kann es uns gefangen nehmen.
Ein Beispiel: Ein Freund, den ich in einem Praktikum kennengelernt hatte, erzählte mir vor einiger Zeit, dass er nun sein Studium beendet und eine Arbeitsstelle gefunden hat. Ich freute mich und fragte neugierig: „Und wie gefällt es dir?“ Seine Antwort überraschte mich: „Super – ich arbeite aber nur halbtags.“ Zuerst dachte ich: „Oh je, vielleicht war nichts anderes frei.“ Doch er erklärte: Nein, er habe sich bewusst so entschieden. Er lebe allein, brauche nicht viel zum Leben, und die übrigen Tage nutze er für Dinge, die ihm wichtig sind. Keine Angst vor der Rente, kein ständiges Hinterherrennen – sondern eine bewusste Entscheidung für mehr Freiheit und Lebensqualität. Dieses Beispiel zeigt: Wir dürfen uns selbst hinterfragen.
- Brauche ich dieses Geld wirklich?
- Ist es mir wert, dafür meine Gesundheit oder Lebensfreude aufzugeben?
Wenn die Antwort „Ja“ lautet – wunderbar. Wenn die Antwort „Nein“ lautet, ist es vielleicht Zeit, genauer hinzuschauen: Welche Fundamente tragen mein Leben wirklich? Wo kann ich meine Talente einbringen, wenn ich einmal unabhängig vom Geld denke?
Ungleiche Anerkennung von Talenten
Leider ist es in unserer Gesellschaft so, dass verschiedene Berufe und Talente sehr unterschiedlich bezahlt werden. Menschen in der Pflege, Gastronomie oder Erziehung leisten enorme Beiträge für das Gemeinwohl – oft ohne entsprechende finanzielle Anerkennung. Andere Berufe wiederum bringen viel Geld, aber nicht immer denselben gesellschaftlichen Wert.
Aber: Natürlich kann auch eine Arbeit, bei der man viel verdient, erfüllend und wertvoll sein. Ein gutes Gehalt kann Anerkennung und Wertschätzung ausdrücken, ein Aufstieg motivieren, und manche Menschen finden gerade darin Sinn und Freude. Für andere wiederum ist es das viele Arbeiten selbst, das sie erfüllt – weil sie aufgehen in ihrer Tätigkeit.
Doch ebenso gibt es viele, die in Jobs gefangen sind, die sie hassen. Und ich denke: Das Leben ist zu schade dafür. Dann mach etwas Anderes, wage es. Auch mit 40 Jahren kann man noch ein neues Studium beginnen, einen anderen Beruf einschlagen, einen neuen Weg gehen. Oft haben wir noch die Hälfte unseres Lebens vor uns. Natürlich ist es leichter gesagt als getan – aber ich glaube, vieles ist möglich, wenn man es wirklich will.
Ein neuer Blick auf Arbeit
Wenn man es nüchtern betrachtet: Arbeit erfüllt rund ein Drittel unserer gesamten Lebenszeit – also einen enorm großen Teil. Wie füllen wir diese Zeit? Quälen wir uns Jahrzehnte einfach hindurch? Natürlich gibt es Phasen, in denen man durchhalten muss. Manchmal braucht es Geduld, um auf ein Ziel hinzuarbeiten, und es gibt wohl in jedem Job Aspekte, die einem missfallen. Aber wenn das Gesamtbild nicht mehr stimmt, dann ist es vielleicht Zeit, die eigene Lebenszeit neu zu füllen – mit einer Arbeit, die trägt, statt nur zu erschöpfen.
Arbeit kann uns tragen, wenn sie Sinn gibt und Freude schenkt. Sie kann uns krank machen, wenn sie nur noch Druck und Zwang bedeutet. Die Kunst liegt darin, bewusst zu wählen, wo wir uns einbringen – und im Blick zu behalten, dass Gesundheit, Freude und Gemeinschaft mindestens so wertvoll sind wie Geld. Vielleicht liegt darin das wahre Geheimnis der alten Frau: Sie hat gearbeitet, gelacht und sich bewegt. Und genau das hat sie gesund durchs Leben getragen.






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