„Das hat sich so schrecklich angehört.“ Zwei Freundinnen unterhielten sich darüber, wie sie den Gesang hinter einer verschlossenen Tür wahrgenommen haben. Lachend, amüsiert und abwertend schlenderten sie davon. Später berichteten sie mir davon – nichts ahnend, dass ich die singende Person war.
Autsch – das tat weh!
Zuerst nahm ich die Situation nur wahr und bemerkte ein Unbehagen dabei. Doch mit der Zeit stellten sich Gedanken der Unfähigkeit und Minderwertigkeit in meinem Inneren ein. „Warum hast du so schief gesungen? Warum kannst du das nicht besser? Warum hast du dich überhaupt getraut, zu singen?“ Eine Selbstanklage jagte die nächste. Ich fragte bei den zwei Freundinnen nach, ob sie nicht singen würden.
„Nein, ich kann nicht singen. Das tue ich anderen nicht an“, meinte die eine. „Nein, das überlasse ich lieber den Profis“, resümierte die andere. Diese Äußerungen stimmten mich traurig. Warum schränken wir uns selbst so ein? Warum müssen die Dinge, die wir im Umfeld ausleben oder preisgeben, nahezu fehlerlos und untadelig sein?
Der Teufelskreis und die Abwärtsspirale
Allmählich überfiel mich ein Gefühl, das ich nur zu gut kannte: die Scham. „So, wie ich bin und das, was ich tue, ist nicht richtig, nicht angenommen, nicht wertvoll“, rumorte es in mir. „Ich darf nie wieder singen. Ich muss mich anpassen. Ich darf andere nicht durch meinen Gesang schädigen.“ Ich lies mich von diesen Gedanken quälen. Ich versteckte mich solange in meinem Schneckenhaus, bis ich eines Tages ein Video eines berühmten Sängers sah. Er spielte eine Aufnahme von seinen ersten Gesangsversuchen in einer Talkshow ab.
Das Publikum zeigte sich entsetzt, wie stark die Diskrepanz der Gesangsleistung zwischen den Zeitpunkten war. Aber der Sänger machte Mut, keine Angst vor Fehlern zu haben und dass es seine Zeit brauchte, um an seiner Stimme zu arbeiten. Ich wollte zwar nie Sängerin werden, aber ich lies neue Gedanken in mir wachsen: „Ich darf Unperfektes machen und mich dabei ausleben. Alles braucht seine Zeit, um zu gedeihen. Es gibt andere Menschen, die meine ersten Gehversuche bewerten und abwerten. Damit muss ich rechnen und einen Umgang damit finden.”
Der Umgang mit Kritik
„Ach, nimm doch nicht alles so persönlich“, hörte ich immer wieder. Zugegeben, fiel es mir oft schwer, Dinge auf Sachebene zu hören. Bei Konfrontationen mit Kritik schwangen bei mir immer überkochende Emotionen aus früheren Verletzungen mit. Ich fühlte mich in meinem Selbstwert angegriffen, weil ich mich als ganze Person in Frage gestellt fühlte. Viele Erfahrungen mit Ausschluss und Ausgrenzung haben mich geprägt. Da haben sich Gedanken und Überzeugungen in meinem Herzen eingenistet, die nicht förderlich waren, einen guten Umgang mit Kritik zu finden.
Meine (Er-)Lösung
Ich startete ein Experiment und sang absichtlich so schief, wie ich nur konnte. Innerlich stellte ich mir das phantasievoll und lebhaft vor. Wie fühlte sich das an, dabei zuzuhören? Wie fühlte ich mich dabei? Ich kam an einen Punkt, an dem ich schallend zu lachen begann. Ich kicherte einen Berg an Schmerzen von meiner Seele. Danach konnte ich mich mehr davon distanzieren, wie andere meinen Gesang bewerteten. „Sie könnten weitergehen, nicht zuhören, sich die Ohren zuhalten. Aber bin ich trotzdem eine Belastung für meine Mitmenschen, wenn ich Dinge tue, die sie stören?“, überlegte ich.
Eine Lehr-Lern-Gemeinschaft bilden
Es wird immer Dinge geben, die uns stören. Meistens sehen wir sie bei unserem Nächsten früher als bei uns selbst. Ich habe mir vorgenommen, die Dinge, die mich bei meinem Gegenüber am meisten nerven, genau unter die Lupe zu nehmen. Meistens sagen sie mehr über mich selbst aus, als über den anderen. Ich halte nichts davon, wenn wir uns gegenseitig schonen und Störungen oder ein Genervt-Sein überhaupt nicht zur Sprache oder zum Ausdruck bringen. „Ich will den anderen nicht verletzen. Lieber sage ich ihm nicht, dass er unstimmig singt.“ So begegnen wir uns mit Lügen und geben uns gegenseitig keine Chance zur Entwicklung. Aber wie können wir uns ehrlich begegnen und Schwieriges ansprechen?
Ein möglicher Leitfaden
Eine Frage, die ich mir öfters stelle, wenn ich bemerke, dass ich innerlich oder äußerlich jemanden abwerte, ist: „Bin ich im Moment in meiner inneren Mitte?“ Meistens war bisher die Antwort darauf: „Nein, ich bin gerade selbst sehr zerrissen, unzufrieden, und enttäuscht von irgendetwas.“ Warum muss ich dann meinen Nächsten abwerten, nur um mich vielleicht für einen Augenblick überlegen und besser zu fühlen?
Diese Gedanken bringen mich meistens auf den Boden der Tatsachen und ich bin ernüchtert. Ich überlege mir also zuerst, ob ich im Moment ein Problem habe oder mein Gegenüber. Wie viel ist es mir wert, ein Problem anzusprechen? Meistens versuche ich das, mit Ich-Botschaften zu tun. Dazu gehören für mich zunächst eine Selbstreflexion, ein inneres Durchatmen, Abstand von der Situation zu gewinnen und dann beschreibend auf mein Gegenüber zu treten.
Raus aus dem Perfektionismus
Immer wieder halten sich Menschen für überdurchschnittlich pünktlich oder zuverlässig. Die Wahrheit ist, dass die meisten Menschen im Durchschnitt mit ihrer Pünktlichkeit liegen. Wir sind uns ähnlicher, als das unsere Wahrnehmung vorgaukeln mag. Vielleicht meinen wir, besondere Eigenschaften an uns festhalten zu müssen, um jemand zu sein. Vielleicht haben wir Angst vorm sprichwörtlichen Nackt-Sein und vor einer Existenz mit all unseren Fehlern, Stärken und Vorlieben.
Sich selbst zu akzeptieren und sich selbst Dinge zu erlauben, kann ein Schritt raus aus den inneren Zwängen sein. Dafür notiere ich mir immer wieder „Erlauber-Sätze“. „Ich darf durchschnittlich sein. Ich darf eine Durchschnitts-Freundin sein. Ich muss nicht mehr leisten, als ich kann.“ Wir sind alle einzigartig und besonders – aber eben auch durchschnittlich. Und das ist gut so. Vielleicht helfen uns diese Gedanken, uns zu erden und uns wohlwollender zu behandeln.
„Geh immer gut mit den Menschen um, denen zu begegnest. Du weißt nicht, in welchem Kampf sie momentan stecken.“ Diese Weisheit gab mir ein guter Freund mit auf den Weg. Es gelingt mir nicht immer, aber sie lädt mich ein, die Perspektive meines Gegenübers einzunehmen.
Abschlussworte
Was ich mir von uns als Gemeinschaft wünsche, ist, dass wir uns mehr Fragen stellen. Von der zu Beginn beschriebenen Situation mit den Freundinnen hätte ich mir mehr Neugier und Interesse gewünscht. „Singst du gerne? Was verbindest du damit? Wie fühlst du dich beim Singen?“ Vielleicht hätte ich ihnen geantwortet, dass mir das Singen vor allem in Spannungszuständen hilft und für mich ein wichtiges Therapie-Tool geworden ist.
Möglicherweise hätten sie verstanden, dass ein angespannter Körper für eine beengte Luftversorgung sorgt und der Gesang tatsächlich schräg klingen kann. Vermutlich hätten sie mich an diesem Tag ein Stück weit besser kennengelernt. Aber Vorwürfe, Abwertungen und die daraus resultierenden Selbstanklagen verschränken uns den Weg zueinander. Schließlich trägt jeder seinen Teil zur Gesamtdynamik bei.
Unsere Zukunft
Wie gut, dass wir mit jedem neuen Tag andere Wege einschlagen und ausprobieren können. Frei werde ich, wenn ich ehrlicher mit mir und anderen umgehe und erkenne, wo ich aus meinen eigenen Schmerzen heraus handle. Was sich zunächst gut anfühlt, wenn man zum Beispiel selbst Anerkennung sucht und andere dabei ausschließt, kann zum Spießrutenlauf werden: Man bleibt ein Gejagter und kommt nicht zur inneren Gewissheit, dass jeder Mensch eine Würde hat und unseren Respekt verdient. Wenn wir verinnerlicht haben, dass unsere Worte Macht haben und uns gegenseitig prägen, wägen wir unsere Inputs nach außen sorgfältiger ab.






Streaming-Karriere starten 2025: Reichweite vs Zuschauer
Authentisch und berührend geschrieben.