Toleranz gilt als Voraussetzung für ein friedliches Miteinander. Doch wie tolerant können und sollten wir wirklich sein? Und wo stößt Toleranz an ihre Grenzen? Eine persönliche Auseinandersetzung über Wahrheit, Werte, Humanismus, Tugend – und über Jesus, der nie sagte: „Seid tolerant“, sondern: „Liebt einander.“
Was ist Toleranz?
Toleranz – ein Wort, das ständig im Umlauf ist. In der Politik und im Alltag. Wir sollen tolerant sein: gegenüber anderen Meinungen, Lebensentwürfen, Kulturen, Religion, sexueller Orientierung… Doch was bedeutet das eigentlich? Toleranz gilt heute als gesellschaftlich unverzichtbar. Niemand möchte als intolerant gelten – und wer Zweifel an bestimmten Toleranzforderungen äußert, bewegt sich schnell auf dünnem Eis.
Der Begriff „Toleranz“ stammt vom lateinischen tolerare – „erdulden“, „ertragen“. Toleranz meint also nicht Zustimmung, sondern das Aushalten von Differenz. Ich lasse zu, dass jemand etwas anders denkt oder lebt – selbst, wenn ich es innerlich ablehne. Toleranz ist keine Emotion, sondern eine Haltung. Eine Form des Umgangs mit Verschiedenheit.
Die Grenzen der Toleranz
Aber wie weit reicht Toleranz? Soll ich wirklich alles tolerieren – auch dann, wenn es meiner tiefsten Überzeugung widerspricht? Und was ist mit dem Satz, den man so oft hört: „Ich bin tolerant, aber das geht zu weit“?
Genau hier beginnt die eigentliche Auseinandersetzung. Viele Menschen erleben in gesellschaftlichen Debatten diesen Zwiespalt zwischen Offenheit und Wahrheitstreue. Nach dem Motto: Toleranz – aber bitte nur in meinem Toleranzbereich.
Doch Toleranz heißt nicht, allem zuzustimmen. Sie bedeutet auch nicht, eigene Werte aufzugeben oder alles gut finden zu müssen. Es geht darum, dem anderen zuzuhören – auch wenn man seine Sicht nicht teilt. Und darum, den Menschen zu achten, auch wenn man seine Meinung ablehnt.
Toleranz unterscheidet zwischen Mensch und Haltung
Ich kann klar Nein sagen – und gleichzeitig respektvoll bleiben. Vielleicht ist genau das die reifste Form von Toleranz- Aber: Toleranz braucht ein Fundament. Ohne ein gemeinsames Verständnis von Grundwerten wie Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit verliert sie ihren Halt. Denn wenn wir alles tolerieren – auch das, was anderen schadet oder ihre Würde verletzt – wird Toleranz zur Beliebigkeit oder sogar zur Feigheit.
Doch worauf bauen wir heute noch gemeinsam? Immer häufiger habe ich den Eindruck, dass unser Zusammenleben zwar von vielen Werten spricht, aber kaum noch auf einem verbindlichen Fundament ruht. Jeder hat seine eigene Wahrheit, seine Sicht und seine Maßstäbe.
Und vielleicht liegt genau hier eines der großen Probleme unserer Zeit:
Wir haben als Gesellschaft kaum noch ein gemeinsames Wertefundament.Oder zumindest keines, auf das sich alle berufen könnten.
Zumindest ist das mein Eindruck – wie siehst du das? Toleranz kann nur dort gelingen, wo es einen Rahmen gibt, der sie trägt – und auch begrenzt. Nicht alles ist gleich gültig. Aber jeder Mensch ist gleich wertvoll.
Toleranz als die neue Tugend?
In öffentlichen Debatten wird Toleranz oft wie das wichtigstes moralisches Ideal, wichtigste Tugend, gehandelt. Aber ist sie wirklich eine Tugend? Tugenden, so habe ich in einem früheren Artikel geschrieben, sind innere Haltungen, die den Menschen dazu befähigen, das Gute zu erkennen und zu tun, selbst wenn es Mut kostet.
Tugenden wie Gerechtigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit oder Demut entstehen nicht durch äußeren Konsens, sondern durch innere Reifung – nicht, weil wir uns auf sie einigen, sondern weil Menschen sie leben, oft gegen den Strom. Und auch Liebe zählt dazu: Sie gilt in der christlichen Tradition sogar als höchste Tugend.
Toleranz dagegen ist in erster Linie eine soziale Umgangsform. Sie zeigt sich im Verhalten – etwa darin, dass ich Meinungen dulde, ohne verletzend zu werden. Aber genau das kann auch oberflächlich bleiben. Ich kann jemanden ertragen – ohne mich für ihn zu interessieren. Ich kann tolerant erscheinen – und innerlich gleichgültig sein.
Dann aber wird Toleranz zur Fassade. Sie wirkt offen – aber trägt nichts. Nicht weil sie an sich schlecht wäre, sondern weil ihr der innere Antrieb fehlt. Toleranz ohne Achtung, ohne Überzeugung, ohne Mitgefühl bleibt leer.
Und genau hier liegt der Unterschied zur Liebe. Toleranz sagt: „Ich halte dich aus.“ Liebe sagt: „Ich sehe dich. Ich will dein Bestes.“ Niemand möchte bloß geduldet werden. Wir sehnen uns nach echtem Angenommensein. Nicht bloß: „Ich lasse dich existieren.“ Sondern: „Du bist mir wichtig.“ Hier berührt die Frage nach der Toleranz etwas Tieferes – die Tugend der Liebe, wie sie im christlichen Glauben verstanden wird. Mehr dazu im weiteren Verlauf des Artikels.
Humanismus und Wahrheit – ein Widerspruch?
Der moderne Humanismus stellt den Menschen und seine Würde ins Zentrum. Darauf gründet sich unser Verständnis von Toleranz: Jeder Mensch ist wertvoll – unabhängig von seiner Überzeugung oder Lebensweise. Diese Idee klingt selbstverständlich – doch sie ruht auf einem starken Fundament: der Überzeugung, dass es wenigstens eine absolute Wahrheit gibt – nämlich die gleiche Würde aller Menschen.
Interessanterweise vertraten viele Philosophen der Aufklärung die Ansicht: Es darf keine absolute Wahrheit geben – sonst droht Intoleranz. Doch paradoxerweise gilt: Wer an keine Wahrheit glaubt, hat auch keinen Grund, tolerant zu sein. Wenn alles gleich gültig ist – warum dann Rücksicht nehmen?
Denn, wie schon gesagt, Toleranz setzt voraus, dass ich etwas in gewisser Weise ablehne. Wenn mir alles gleichgültig ist, brauche ich nicht tolerant zu sein. Dann bin ich einfach gleichgültig.
Welche Rolle spielt Toleranz im Glauben? War Jesus tolerant?
In seinen Aussagen über sich selbst war Jesus alles andere als vage. Er sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Das ist eindeutig – ja, exklusiv. Und gleichzeitig begegnete er Menschen mit unendlicher Offenheit: Zöllnern, Ehebrecherinnen, Ausgestoßenen. Offenbar war es möglich, eine klare Überzeugung zu haben und gleichzeitig offen für alle Menschen zu bleiben.
Jesus sagte nie: „Seid tolerant.“ Er sagte: „Liebt einander.“ Und das ist mehr: Toleranz duldet. Liebe sieht. Toleranz sagt: „Ich halte dich aus.“ Liebe sagt: „Ich will dein Leben stärken.“ Kein Mensch sehnt sich danach, nur ertragen zu werden. Vor dem Traualtar verspricht man sich nicht: „Ich werde dich tolerieren.“ Und kein Kind will hören: „Ich toleriere dich, mein Schatz.“
Wir sind nicht dazu gemacht, toleriert zu werden – sondern geliebt. Darum sagte Jesus auch nicht: „Toleriere deine Feinde.“ Sondern: „Liebe deine Feinde. Tu denen Gutes, die dich hassen.“ Das ist radikal. Und fordernd. Aber vielleicht genau das, was unsere Gesellschaft heute braucht. Oder was denkst du?
Fazit
Toleranz ist wichtig, aber sie ist nicht alles. Sie braucht ein Fundament. Sie hat Grenzen.
Und sie lebt nicht von Beliebigkeit, sondern von Demut und Achtung meines Nächsten.
Sie unterscheidet zwischen Mensch und Meinung. Sie sagt nicht: „Alles ist gut“ – sondern: „Du bleibst wertvoll, auch wenn ich anderer Meinung bin.“






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