Mittendrin in dichten Wäldern, zwischen Bad Rippoldsau und Schapbach im Schwarzwald, liegt ein Ort, der auf den ersten Blick wie ein Tierpark wirkt. Doch wer den Alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald betritt, merkt mit jedem Schritt: Hier geht es um sehr viel mehr – um das Wiederherstellen von Würde, Natur und Leben für die Tiere. Ein Besuch im Schwarzwald.

Für ein würdevolles Leben, das vorher nicht existierte
Es ist ein unscheinbarer Ort, an den ich gekommen bin – mitten in der Natur im Schwarzwald, weit weg von vielen Menschen, Häusern und Straßen. Ein echtes Naturparadies.
“Unsere Vision ist eine Welt, in der Wildtiere grundsätzlich in freier Natur leben und nicht mehr zu Unterhaltungszwecken missbraucht oder zur Schau gestellt werden.” (Stiftung für Bären)
Den Alternativen Wolf- und Bärenpark gibt es seit 2010 im Schwarzwald. Er ist damit der zweite seiner Art – nach dem Alternativen Bärenpark Worbis. Beide wurden von der Stiftung für Bären gegründet. Sie engagieren sich dafür, missbrauchte Großtiere – insbesondere Bären, aber auch Wölfe und Luchse – aus schlechten Lebenshaltungen zu retten, sie aufzunehmen und ihnen ein naturnahes Zuhause zu bieten.

Ein Tier mit Namen und seiner Lebensgeschichte
Was das bedeutet, spüre ich schon nach ein paar Schritten. Links von mir, an einem unscheinbaren Hang, liegen ein paar runde Steine mit buntem Mosaik – mit Namen, die ich nicht zuordnen kann. Umringt von wachsenden Gräsern könnte man sie leicht übersehen, doch die Farben ihres Mosaiks heben sie ab von der Natur.
Es ist ein Friedhof für verstorbene Bären, Wölfe und Luchse, die hier im Tierpark ihren Lebensabend verbrachten. Neben den Steinen, als ich mich gerade abwenden und weitergehen möchte, sehe ich dann ein auf einem Holzstamm liegende Buch – darin die Geschichte von jedem einzelnen Tier. Von Cora. Blesso. Brix. Jeder mit seinem Namen. Lebensgeschichten, die oft einem tiefen Tal, aber auch späten Höhen und Hoffnungsschimmern gleichen.

Vom misshandelten Bären, der später andere Bären stärkt
Da ist etwa die Geschichte eines Bären, der vor einem Laden schon früh zur Schau gestellt wurde. Der auf den glatten Böden, angekettet an eine kurze Leine, schon früh als Kind seine Instinkte verlor. Er war gestrandet – ohne Aussicht auf Rettung, gefangen in einem unechten, künstlichen Leben. Tag für Tag. Für die Profitgier seines Besitzers, wurde er noch dazu schlecht ernährt und schließlich in kleinen Käfigen ohne Sonnenlicht gefangen gehalten.
Als er nach viel Aufwand dank der Stiftung für Bären endlich in den Bärenpark kommt, seine Tatzen den Rasen berühren und er wieder andere Bären sieht, kommt er Schritt für Schritt in das “echte Leben” zurück. Ganz natürlich leben, wie in Freiheit, wird er nie. Er ist traumatisiert für sein Leben, doch selbst in einem hohen Lebensalter übernimmt er eines Tages wieder Verantwortung: Er schlichtet, wenn andere Bären sich streiten. Findet kluge Wege, sich mit allen anzufreunden und gibt den Kleinen sogar Lebenstipps weiter. Er zeigt ihnen, den ebenfalls ihrer Natur beraubten Bären, wie sie sich nun besser verhalten sollen. Seine Wunden blieben, sein Wille zu leben konnte jedoch nie gebrochen werden.

Zum ersten Mal Birnen, Nüsse und Honig
Plötzlich sehe ich Franca. Direkt vor mir läuft sie langsam an mir vorbei. Fokussiert sucht sie nach Birnen, die sie besonders mag. Die sie zuvor nie bekam. Die sie auch mit ihren sehr schlechten Zähnen noch essen kann. Ich zucke, ein so großes Tier, so nah vor mir – lässt mich respektvoll langsamer und bedachter werden. Franca schaut auf, hebt ihre feine Nase. Sie hat mich längst wahrgenommen, aber das stört sie nicht.
Wer Futter sucht, der findet – jedes Mal woanders, das ist der Stiftung für Bären wichtig: Damit jeder Tag keinesfalls eintönig wird und auch die natürlichen Futterinstinkte der Tiere trainiert werden, wird das Essen von den Helfern immer an eine andere Stelle platziert – Früchte, Nüsse, auch mal Fisch oder Honig. Im Seniorenbereich, in dem Franca als alte Dame unterwegs ist, ist das Wasser des Baches immer auf flachem Gelände erreichbar. Der Höhlenbereich liegt dagegen etwas höher, damit auch Muskulatur und Sehnen der alternden Tiere stimuliert werden. Auf insgesamt über 10 Hektar Wald- und Wiesengelände erstrecken sich die weitläufig angelegten Gehege.

Natürlich leben – ohne Tierleid
Naturverbundenheit wird im Alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald gelebt. Und “alternativ” heißt hier “natürlich”. Natürlich können die Besucherinnen und Besucher im Bistro Bärenblick auch einen der beliebten Burger mit Fleisch bekommen – viel öfter (und übrigens sehr lecker) gibt es dagegen vegetarisch oder vegan. Dadurch muss keiner leiden, weder das Tier, noch der Mensch.
Dass Angebot und Nachfrage auch bei einem solchen Projekte wichtig sind, zeigt sich in der Finanzierungsstruktur des Wolf- und Bärenparks. Anders als viele andere Einrichtungen gibt es nämlich keine staatliche Förderung für die Rettung und Aufzucht vernachlässigter Tiere. Während Zoos sich oft auf wesentlich komfortablere Finanzierungsmodelle stützen können, ist die Stiftung für Bären dagegen vollständig auf private Spenden angewiesen. Einmalige oder regelmäßige Unterstützung, etwa in Form von Patenschaften. Natürlich kommt das Geld am Ende allen Tieren zugute – vor allem vor dem Winterschlaf. Da sind die Bären besonders gefräßig – Manchmal bis zu 50 Kilo Essen verschlingt ein Bär am Tag, um seinen Fettspeicher aufzufüllen, um für den Winter gewappnet zu sein.

Back to the Roots: Wenn natürliche Instinkte fehlen
An Schlafen ist aber längst nicht bei allen Bären zu denken: Arthos, Arian und Agonis wurden schon als Bärenkinder von ihrer Mutter getrennt und als sogenannte “Restaurantbären” missbraucht. Dort sollten sie vor allem neue Essensgäste in das Restaurant locken, die sich von den kleinen Tieren angezogen fühlten. Die Bären wurden dabei ständig von fremden Menschen in den Arm genommen, manchmal mit ungesunden Süßigkeiten gefüttert.
Natürliche Instinkte, die aus dem Elternhaus stammen – natürlich Fehlanzeige! Ein Bär hat sich aus seiner ständigen Angst und aus Stressgefühlen als Verarbeitung seine eigene Tatze abgelutscht. Die drei Bären wissen weder, dass sie als Bären eigentlich Einzelkämpfer sind, noch, dass sie sich im Winter eine Höhle bauen und darin schlafen sollen. Für solche Fälle gibt es natürlich auch schon ein Rezept – und sobald der Bär nicht hinguckt, findet er plötzlich doch eine heimelig zurechtgemachte Höhle, in die er sofort hineinschlüpfen kann. Bärenpark sei Dank!

Wenn der Mensch in das Leben eines Bären eingreift
Fest steht: Es ist leider der Mensch, der sich oft negativ in das Bärenleben einmischt – etwa, indem er Bären in der freien Natur “anfüttert” und sie so unwissend in Menschengebiete anlockt. Oder, indem er natürliche Mutter- und Schutzinstinkte der Tiere in der Brutzeit nicht ernst nimmt. Oder, indem er versucht, die Faszination über sie zu nutzen, um damit Geld zu machen – wie bei Arthos, Arian, Agonis und Franca. Letztere hatte es am Ende umso schlimmer, als der Zirkus, in dem sie sich ständig im Kreis drehen musste, finanziell in den Ruin ging und schließen musste.
Franca wurde einfach in einem dunklen Kellerverließ eingesperrt und erhielt, umringt von Ratten, ab und zu Essensresten, oder sie hungerte. Als Besitz, Statussymbol oder sogar Talisman sind die Besitzer, die Tierquäler, nur in den seltensten Fällen bereit, ihre Bären freiwillig abzugeben. So sehr die Tiere auch darunter leiden: Die eigene Profitgier, der Stolz über den Besitz eines Bären oder einfach nur fehlende Würde gegenüber den leidenden Tieren führt leider dazu, dass die Stiftung für Bären oft langwierige, intensive Gerichtsprozesse führen muss, um am Ende mit einem Gerichtsentschluss, einem speziell ausgerüsteten LKW und einer detaillierten Vorbereitung den Bären zu retten und in den Tierpark zu bringen.

Zurück ins Leben: Die Bären-Reha
Luna, eine gerettete Bärin, bekommt dafür einen Bereich im Tierpark, zu dem andere Menschen erst einmal keinen Zutritt haben. Die Bären-Reha. Eine Übergangszeit, in der traumatisierte Bären den Weg zurück zu sich selbst und in die Natur finden. Das neue Projekt im Schwarzwald steht in den Startlöchern, ist aber noch lange nicht finanziert. Hinzu kommen steigende Lebensmittelpreise für Essen, Instandhaltungen an den Gehegen und eben weitere intensive Rettungen der Bären.
Die Wölfe leben mit den Bären in gegenseitigem Respekt miteinander. Sie agieren vorwiegend im Rudel, sonnen sich hin und wieder und ziehen anschließend gemeinsam um die Ecken. Morgens oder vormittags, wenn ihnen danach ist, stimmen sie zusammen ihr allseits bekanntes Rudelheulen an. Auch das gehört zum Zusammenleben in Mutter Natur.
Über die Wölfe, ja sogar über einen Luchs, ist in diesem Artikel bisher wenig geschrieben worden. Bewusst, denn wer neugierig ist, sollte einfach selbst vorbeikommen und sich ein Bild vom Alternativen Wolf- und Bärenpark machen. Er ist täglich geöffnet und mit Sicherheit auch offen für freiwilliges Engagement, in welcher Form auch immer.
Ich drehe noch drei weitere Runden um den überschaubaren Park. Beobachte die Tiere ruhig und mit Zeit. Es ist zum Glück still, nur der Wind säuselt in den Blättern und das Sonnenlicht senkt sich langsam über die Hügel. Ich gehe mit einem Gefühl von Dankbarkeit für die Arbeit der vielen Helfer.
Danke an alle Helferinnen und Helfer
Viele Themen sind in unserem Alltag viel bewusster als ehrenamtliche Arbeit, als Bärenrettungen oder des Versuch des Wiedergutmachens ihres Leids. Die Stiftung für Bären bietet auch deshalb beim Besuch Führungen, Themen- und Erlebnispfade, an. Tafeln und Veranstaltungen zur Wildtier- und Artenschutzaufklärung. Ein Besuch lohnt, denn sich in die Tiere hineinzuversetzen und an die bessere Zeit, die ihnen dank aller Helfer nun bevorsteht, ist heilsam und lässt uns wieder an das Gute glauben – von dem wir heute mehr denn je gebrauchen können.
Transparenz-Hinweis: Der Autor ist nach seinem Besuch Pate eines Bären geworden und spendet einen monatlichen Betrag an die Stiftung für Bären. Er wird auch das Honorar dieses Beitrags freiwillig spenden. Wer mitmachen und auch helfen will, findet hier weitere Infos.






Normal ist es, anders zu sein
Lieber Timo,
danke für den schönen Beitrag und den tollen Einblick in den Alternativen Bärenpark und dessen Hintergründe! Tatsächlich ist der Bärenpark in Worbis ganz in der Nähe bei uns und beim Lesen kamen zahlreiche Kindheitserinnerungen an die Park-Besuche wieder in meinen Kopf. Dein Artikel motiviert auf jeden Fall, den Park im Frühjahr oder Sommer nach vielen Jahren wieder zu besuchen! 🙂
Viele Grüße
Max