Am 10. Oktober 2011 startete das erfolgreichste deutschsprachige Musical seine Tour zum 20-jährigen Bühnenjubiläum. Unser Autor war bei der exklusiven Premiere im Musicaldome Köln dabei.
Das Musical „Elisabeth“ war seit seiner Weltpremiere bei den Vereinigten Bühnen Wien ununterbrochen auf den deutschen und internationalen Bühnen zu sehen und begeisterte die Herzen von über acht Millionen Zuschauern weltweit. In ihrer Jubiläumstournee 2011/2012 kommt die gefeierte Theaterproduktion unter anderem nach Köln, Frankfurt, München, Bremen, Erfurt und Dresden. Was macht die tragische Geschichte der Kaiserin von Österreich auch mehr als hundert Jahre nach ihrem Tod noch so erfolgreich? Das Musical widerspricht vielen zeitgenössischen Musicals. Während der Großteil der Aufführungen auf fröhliche Musik und erheiternde Stimmung abzielt, erhält der Zuschauer in diesem Musical neben einzelnen glücklichen Augenblicken eine Vielzahl an erschreckend tristen, wehleidigen und deprimierenden Momenten aus dem Leben der Kaiserin von Österreich.
Die Produzenten Michael Kunze und Sylvester Levay haben es sich zum Ziel gesetzt, das wahre Leben der Elisabeth abzubilden. Diese Definition widerspricht vielen Sissi-Liebhabern aus den glorreichen Filmen der 50er Jahre mit Romy Schneider als herzenswarme Kaiserin Sissi. Auch Michael „Bully“ Herbig bediente sich des Sissistoffs und initiierte eine Komödie ohne historischen Bezug. Kunze und Levay widersprechen und betonen: Das Leben der Kaiserin Elisabeth von Österreich war ganz anders.
Die Premiere im Musicaldome Köln beginnt in den lauen Abendstunden. Die Abendsonne hat den Rhein in ein rötliches Licht getaucht, es ist mild, fast schon zu mild für einen Oktoberabend. Doch bereits am Eingang zum Saal werden Taschentücher verteilt. Eine merkwürdige Romanze, denke ich mir. Gedacht sind die weißen Baumwoll-Quadrate mit den roten, geflügelten Herzen als Geschenk zum 20. Bühnenjubiläum. Mancher Besucher von „Elisabeth“ wird während der Aufführung aber tatsächlich seine Tränen trocknen.
Ein Leben zwischen Liebe und Zwang
Die Lebensgeschichte der Elisabeth könnte abwechslungsreicher kaum sein. Während Elisabeths Mutter Ludovika die Verlobung von Kaiser Franz Josef von Österreich mit ihrer Tochter Helena bereits bestens vorbereitet und geplant hat, entscheidet sich Franz Josef für die junge Elisabeth und vermählt sich wenig später mit ihr. Es ist eine Entscheidung aus wahrer Liebe. Klingt alles sehr romantisch, doch das Glück über die Liebe hält nicht lange. Elisabeth gerät in Wien in eine ihr fremde Welt. Sie fühlt sich am kaiserlichen Hof eingesperrt und unterwirft sich den Zwängen des Hofes. Die neue Kaiserin kämpft um ihre persönliche Freiheit und Emanzipation. Mit Gefühl und Schönheit als neuen Waffen verfolgt sie ihre Ziele und erringt Erfolge.
Ihr größter Triumph ist die Versöhnung des Kaisers mit Ungarn. Mit dem ungarischen Unabhängigkeitsbestreben endet die Zeit des Habsburger Königreiches. Ihre letzten Lebensjahre verbringt Elisabeth einsam auf Reisen. Am 10. September 1898 wird sie in Genf vom italienischen Anarchisten Luigi Lucheni ermordet. Da über das tatsächliche Innenleben der Kaiserin immer noch wenig bekannt ist, wird auch nach ihrem Tod viel spekuliert. Ihr Leben gab tragende Impulse für die Gesellschaft ihrer Zeit, auch wenn ihre Ideale von Gleichberechtigung und Emanzipation erst Jahrzehnte später Gehör fanden. Durch ihre Beziehungen zu Ungarn zerbrach das Kaiserreich und leitete eine neue Zeit des Nationalismus ein.
Starke Resonanz auf die wahre Elisabethinszenierung
Wieder zurück vor dem Eingang zum Saal treffen nach einer Weile die ersten Prominenten ein. Auch sie wollen sich den Startschuss in die Jubiläumstournee nicht entgehen lassen. Unter ihnen sind Henning Krautmacher von den „Höhnern“, Sonya Kraus, Gina-Lisa Lohfink, Rolf Scheider, Willi Herren und der ehemalige Oberbürgermeister von Köln, Fritz Schramma. Mit einem aufgelegten Lächeln zeigen sie sich den Kameras, posieren eine Weile im hektischen Geschrei der Reporter, bevor sie nach einem Glas Champagner ihre Plätze einnehmen.
„Elisabeth“ ist anders als viele Musicals. Die Musik reicht von Gänsehaut-Balladen wie „Ich gehör‘ nur mir“ bis hin zu rockigen Nummern wie „Die Schatten werden länger“. Das Bühnenbild, entworfen vom Österreicher Hans Schavernoch, wirft den Zuschauer zurück ins 19. Jahrhundert und lässt ihn geradezu in die Welt der Elisabeth versinken. Elisabeth und langweilig? Auf keinen Fall! Der Zuschauer fiebert während der gut zweieinhalbstündigen Vorstellung mit ganzer Seele mit, auch wenn vereinzelte Kritik an dieser Stelle erlaubt sein darf. Der kleine Rudolf, gespielt vom zehnjährigen Benedikt Lucks, erhält ein eigenes Duett mit Mark Seibert als Tod in seinem kaiserlichen Gemach. Das kaiserliche Mobiliar gleicht allerdings wohl eher einer Nussschale als einem Bett. Deutlich besser machte es die Wiener Inszenierung vom Jahr 2005.
Auch Mathias Edenborn als Kaiser Franz Josef stellt sich mit eher zurückhaltenden gesanglichen Einlagen dezent in den Hintergrund. Ob bewusst oder unbewusst – natürlich ist die Rolle der Elisabeth die gesanglich und optisch herausragende Persönlichkeit. Sie verkörpert die Hauptperson des Stücks von der Jugend bis hin zu ihrem Tod. Annemieke van Dam spielt mit berauschendem Erfolg die Rolle der Elisabeth seit 2008. Und auch die Presse überstürzt sich mit Lobeshymnen auf die Niederländerin. Der „Weser Kurier“ befand: „Annemieke van Dam vermag den Lebensweg dieser Frau mit einem Höchstmaß an Wandlungsfähigkeit und Glaubhaftigkeit nachvollziehbar zu machen“.
Großer Aufwand bringt großen Erfolg
Den ungeheuren Aufwand des erfolgreichsten Musicals verdeutlichen ein paar Zahlen. 14 Mega-Trucks transportieren die Requisiten von einer Stadt in die nächste: 664 Kostüme in 2.349 Einzelteilen, 165 Schmuckstücke und 125 Paar Schuhe – im Gesamtwert von über einer Million Euro. Davon sind jeden Abend 290 Kostüme in 1.331 Einzelteilen im Gesamtwert von rund 400.000 Euro auf der Bühne zu sehen. 150 handgeknüpfte Perücken müssen die Maskenbildner täglich pflegen und frisieren. Allein Elisabeth wechselt sieben Mal ihre Perücke, 16 Mal das Kostüm. 20 Stunden brauchen die sechs Maskenbildner, Perückenstilisten und Maskenchefs täglich, um nach einer Show die Perücken wieder für die nächste Vorstellung zu frisieren.
Der Aufwand lohnt sich: Wer sich an der farbfrohen kitschigen Welt der Sissifilme erfreut hat, wird schockiert über die Echtheit der wahren Elisabeth sein. Historisch betrachtet ist dieses Musical aber die am nahesten an den Mythos Elisabeth herankommende Inszenierung. Doch auch für geschichtlich Uninteressierte ist dieses Musical das Geld wert. Neben einer packenden Story gibt es noch dazu Ohrwürmer, die einen nicht wieder loslassen. Die historische Elisabeth hätte sich am Musical sicherlich nicht besonders erfreut. Dennoch lässt das Werk auch die nötige Ironie nicht vermissen, weshalb sie sicherlich wie die vielen Millionen Zuschauer vereinzelt geschmunzelt hätte.
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